- Polizisten sind im Dienst täglich Gewalt ausgesetzt. Sie werden bespuckt, getreten und mit Waffen angegriffen.
- Es sind Erfahrungen, die die Beamten mit nach Hause nehmen, die teils bleibende Schäden hinterlassen.
- Drei Kölner Polizisten erinnern sich für uns an die die schlimmsten Momente ihrer Karriere.
Köln – Es sind Zahlen, die schockieren. Fünf- bis sechsmal pro Tag werden Kölner Polizisten selbst Opfer. Aufs Übelste beleidigt, bespuckt, geschlagen oder durch Waffen wie Messer verletzt. 2000 solcher Verfahren werden im Polizeipräsidium in Kalk inzwischen pro Jahr gezählt. 2012 war es gerade mal die Hälfte. „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“: Was im Behörden-Deutsch so nüchtern und abstrakt klingt, mussten drei Kölner Polizisten am eigenen Leib erfahren. Sie berichten im „Kölner Stadt-Anzeiger“ über die schlimmsten Momente ihrer Polizeikarriere. Situationen, die ihr Leben bedrohten. Und das danach ein anderes wurde.
„Man nimmt das mit nach Hause“

Marius Rehbach
Copyright: Arton Krasniqi
Ich liebe meinen Job, ich brenne für ihn“, sagt Sebastian Hermes (32) . Aber: „Es vergeht kein Tag, an dem man im Einsatz kein Messer findet.“ Erst vor ein paar Tagen sei er in der City von einem Drogenabhängigen in die Hand gebissen worden. „Ich trug zum Glück Lederhandschuhe.“ Es gebe kein bestimmtes Klientel, das zu Gewalt gegen ihn und seine Kollegen neige. „Das können Feiernde auf den Ringen sein, Obdachlose oder Autofahrer bei einer ganz normalen Verkehrskontrolle.“ Das Erlebte im Polizeipräsidium zu lassen, sei schwierig. „Man nimmt das mit nach Hause, ich erzähle es der Familie und Freunden. Es gibt gute Tage und schlechte Tage.“
„Irgendwann erwürgt er mich“

Copyright: Arton Krasniqi
Als es passiert, ist Carina König so voller Adrenalin, dass sie die Schmerzen kaum spürt. Die 53-Jährige arbeitet im Innendienst bei der Personenaufnahme und will im März 2018 von einem Tatverdächtigen die Fingerabdrücke nehmen. „Plötzlich bekam ich eine Faust aufs rechte Auge, dann kam es zum Kampf. Er hat mir ein Büschel Haare ausgerissen und hat mich gewürgt“, berichtet König.
Bekommt man da Todesangst? „Der Täter hatte die Tür zugeschlagen, so dass es etwas länger dauerte, bis Kollegen zu Hilfe kamen. Das ging alles so schnell. Aber mir kam es wie Minuten vor. Und ich dachte: Irgendwann erwürgt er dich…“
Die Folgen wiegen schwer: Der Täter hatte König zudem ins Handgelenk gebissen. König kam ins Krankenhaus, war wochenlang dienstunfähig, musste sich ein Jahr lang regelmäßig Blut abnehmen lassen, da nicht auszuschließen war, dass sie sich mit Krankheiten infiziert habe.Der Täter stand zur Tatzeit unter Drogen. Vor Gericht wurde er für schuldunfähig erklärt. Carina König bringt das nicht mehr in Rage: „Wir leben mit dem Frust.“
Es war nicht die erste Attacke, die sie bewältigen musste. 2017 war ein anderer Mann bei der Personenaufnahme ausgerastet. König erlitt Schläge gegen den Kopf, stürzte, verletzte sich den Arm, kam ins Krankenhaus. Für mehrere Wochen wurde sie dienstunfähig geschrieben.
„Ich lag in Urin und Scherben“

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Marius Rehbach (28) will vor drei Jahren mit einem Kollegen im Rechtsrheinischen eine Person in Gewahrsam nehmen. „Bei der Durchsuchung und meiner Frage, ob er Waffen dabei habe, antwortete der Mann: «Ja, ich habe ein Schwert» – und im Nu zog er irgendwie aus der Po-Ritze ein langes Messer und stach sofort zu.“ Rehbach kann dem Stich reflexartig ausweichen, erzählt er weiter.
Er trägt an dem Tag eine Schutzweste, aber was wäre gewesen, wenn der Stich ihn etwas tiefer erwischt hätte…? Der Gedanke frisst sich in den Kopf des jungen Beamten. „Die Nacht danach war im Arsch. Und auch danach: Ich habe mich zitternd auf den Weg zur Arbeit gemacht.“ Rehbach bekam Hilfe im Polizeipräsidium (siehe Text unten), hat aus dem Erlebten seine Lehren gezogen: „Ich fordere jetzt jeden auf, seine Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Ich habe bei Kontrollen immer die Hände des Verdächtigen im Blick.“
Karneval 2016 wird Rehbach erneut Opfer. Ein gestellter Wildpinkler will in der City flüchten und reißt Rehbach und eine Kollegin zu Boden: „Ich lag in Urin und Glasscherben“. Rehbach trägt so schwere Rückenschäden davon, dass er rund vier Monate krankgeschrieben ist. Er ist nicht mehr einsatzfähig und wechselt die Dienststelle. Heute ist er für Social Media in der Pressestelle der Kölner Polizei zuständig.
