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Holocaust-Überlebende im TrickfilmZeitgemäßes Projekt gegen das Vergessen

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Antikriegstag52

Richard Reinisch überlebte den Holocaust.

Köln – Parolen wie „Nie wieder Krieg!“ oder „Nie wieder Antisemitismus!“ klingen nicht erst seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine leer und verbraucht. Wie dringen Erfahrungen von Hass und Zivilisationsbruch, Verfolgung und Faschismus heute noch durch? Wie erreicht die Erinnerung an den Holocaust eine Generation, deren Großeltern bereits zu jung sind, um den Zweiten Weltkrieg noch selbst miterlebt haben?

Der Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte bringt Jugendliche seit acht Jahren mit Überlebenden des Holocausts zusammen. Die Geschichten der Zeitzeugen lassen die Schülerinnen und Schüler nie unberührt – zu sehen zuletzt  im Flüchtlingszentrum Fliehkraft in Nippes, als der Verband zwei Animationsfilme mit Überlebenden vorstellte.

Tränen beim Erinnern

Der 1929 geborene Richard Reinisch weinte, als er sich daran erinnerte wie ihn, einen jüdischen Jungen in großer Gefahr, ein katholischer Pfarrer kurzerhand taufte und ihm eine Kette mit einem goldenen Kreuz umhängte. Emilia Rommen von der Igis-Gesamtschule kamen die Tränen, als sie an die Geschichte von Tamar Dreifuss dachte – „ein Mädchen, das nur wegen ihrer Religion verfolgt wurde und fast ermordet worden wäre“.

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Zwei Jugendgruppen, eine von der Igis-Gesamtschule, die andere vom Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasium, haben mit Richard Reinisch und Tamar Dreifuß über deren Verfolgung gesprochen – und ihre Biografien mit Hilfe professioneller Animationsfilmerinnen in Kurzfilmen festgehalten. Aus statischen Bildern, Zeichnungen und Fotos wurden lebensechte Bewegungen, die Zeichnungen der Jugendlichen wurden als Collagen in echte Bilder integriert. 25 Bilder pro Sekunde braucht es, um in einem Animationsfilm flüssige Bewegung darzustellen.

Animationsfilme passen zu Instagram

„Im Verband suchen wir immer nach neuen Formen, um den Holocaust darzustellen. Ein Kapitel der Geschichte, unter das viele Menschen in Deutschland einen Schlussstrich ziehen wollen, was wir für fatal hielten“, sagte Regisseurin Svetlana Fourer, die die Biographieprojekte seit acht Jahren für den Verband betreut und die Drehbücher für die Filme schrieb. Mit den Animationsfilmen wagte man sich bewusst auf neues Terrain: Die Kurzfilme lassen sich gut übers Internet verbreiten, kleine Ausschnitte haben das Potenzial, über soziale Medien wie Instagram oder Snapchat geteilt zu werden und Öffentlichkeit zu finden. „Es ist einfach wichtig, die Erinnerung am Leben zu halten“, sagte Schülerin Lynn Branca, die half, den Film über Richard Reinisch zu produzieren. Das wisse sie viel besser, seit sie einem Holocaust-Überlebenden persönlich begegnet sei. „In der persönlichen Begegnung merkt man erst, wie traumatisiert die Menschen bis heute sind“, sagte David Hakimi-Shalamzari, der Richard Reinisch für den Animationsfilm zeichnete.

„Unter dem Einfluss der Invasion der russischen Truppen in die Ukraine hat die Arbeit eine beklemmende Aktualität erhalten“, sagte Svetlana Fourer.  Bei der Veranstaltung am Weltfriedenstag verstärkte das Ensemble  Dyvyna diesen Eindruck: Die drei Frauen aus Donezk, die schon 2014 vor dem Krieg aus ihrer Heimat flohen, sangen Lieder von Krieg, Trauer und Gemeinschaft. 

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