Ein langer Tisch mit einer karierten Tischdecke steht unter einem Baum. Er ist für sechs Personen gedeckt. Auf den Tellern sind Blumen abgebildet. Ein paar Hennen glucken um den Tisch herum. Bernd Tönneßen nimmt den Deckel vom Schmortopf und gibt den Blick auf Stangenbohnen, Tomaten und Fetakäse frei. Er setzt ihn wieder ab. Und öffnet ihn noch einmal. Seine Tochter Anna filmt erneut mit ihrem Handy. Für den Instagram-Account ihres Hofes. „Inzwischen bin ich geübt“, sagt ihr Vater. Dieses Mal nimmt er den Deckel ab und schöpft die ersten Bohnen auf den Teller.

Aus Europaletten gebaute Bänke, eine Feuerschale, Rankgitter: Auf dem Hofgelände haben Anna Tönneßen und ihr Cousin ihre Kindheit verbracht.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Dazu gibt es Salat mit Gurken und Baby-Leaf-Salat, Melonentomaten, Brot, selbstgemachte Kräuterbutter und als Nachtisch Melone. Fast alles stammt vom Familienhof. Seiner Frau Milou reicht er den Teller. Neffe Valentin Kuhl sitzt daneben. Vor gut einem Jahr haben Valentin und Anna ihre Jobs gekündigt und sind ins Familiengeschäft eingestiegen. Seitdem arbeiten sie zusammen und machen jetzt gemeinsam Mittagspause.
Den Gemüsehof der Familie Tönneßen in Roisdorf zwischen Köln und Bonn gibt es seit vier Generationen. Annas Urgroßvater hat mit einer Art Gärtnerei begonnen. Vor 20 Jahren haben ihre Eltern sich entschieden, einen Biobetrieb daraus zu machen. Und vor einem Jahr ist die junge Generation mit ihrem ganz eigenen Projekt gestartet. „Jemoes“, also Kölsch für Gemüse, heißt es. „Es ist die Marke, um den Hof und die Landwirtschaft erlebbar zu machen“, sagt Anna Tönneßen über ihr gemeinsames Projekt. Aktuell ist Jemoes eine Direktvermarktung mit Gemüseboxen.

Die Hennen des Hofes bevorzugen den freien Auslauf auf dem Hofgelände statt des eigens für sie angelegten Geheges. Manche Tomate fällt ihnen zum Opfer.
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Auf fünfeinhalb Hektar erstreckt sich der Hof. 1,5 Hektar befinden sich unter Glas und Folie der Gewächshäuser. Die Familie baut Gemüse an, wie schon der Uropa. Noch vor gut einem Jahr haben sie 20 Kulturen angebaut. Verschiedene Gurken- und Tomatensorten. „Diese Saison haben wir im Stil eines kleinen Marktgartens viel ausprobiert. Jetzt kommen wir auf bestimmt 40 bis 50 Kulturen“, sagt Kuhl.
Vom Feld in die Stadt und wieder zurück
Montag bis Samstag sind sie auf dem Hof. Helfen bei der Ernte mit, denn zusätzliche Hände werden immer gebraucht. Die Aufgaben, die mit dem Aufbau der Direktvermarktung verbunden sind, haben sie sich aufgeteilt. Ihre Tage beginnen im Sommer früh, das Licht bei der Ernte will genutzt werden. Gegen 4.45 Uhr sammelt Anna ihren Cousin ein, an sehr heißen Tagen sogar noch früher. Beide wohnen noch in Köln. Sie im Agnesviertel. Er in Ehrenfeld.
Valentin Kuhl hat noch einen Bruder. Tönneßen ebenfalls noch drei Geschwister. Aufgewachsen seien sie aber alle gemeinsam wie Geschwister. Auf dem Hof waren sie viel unterwegs. Viel Bauernhofromantik. „Aber für mich war klar: Ich möchte mal hier weg und in eine Großstadt ziehen“, sagt Kuhl.

Reihen von Folientunneln prägen den Gemüsehof der Familie Tönneßen in Roisdorf. Auf fünfeinhalb Hektar wird hier seit vier Generationen angebaut.
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Für seinen Bachelor ging er nach Berlin. Danach arbeitete er im Einzelhandel in Köln. Seine Cousine studierte währenddessen in Maastricht. Anschließend arbeitete sie in verschiedenen Funktionen in der Beratung, für einen Abgeordneten des Europäischen Parlaments und bei einem Automobilkonzern. Danach baute sie die Nachhaltigkeitsabteilung eines E-Commerce-Unternehmens auf und leitete sie. Nach fünf Jahren kündigte sie aber. Mit Anfang 30 wollte sie sich noch einmal neu orientieren – vielleicht ins Consulting zurückkehren.

Eine der Gemüseboxen von „Jemoes“: Direktvermarktung ist aktuell das Kerngeschäft.
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Zuerst machte sie aber noch einmal Stopp auf dem Hof ihrer Eltern: „Ich wollte das Thema einfach einmal abhaken. Damit ich in 20 Jahren nicht denke: ,Ach, hätte ich das mal gemacht.‘“ So einfach abhaken lässt sich der Hof dann aber doch nicht. Die Arbeit habe ihr Spaß gemacht und sie auf neue Ideen gebracht: „Hast du Bock, was zu gründen?“, hat sie ihren Cousin gefragt.
Weiße Tischdecken zwischen Tomaten, Gurken und Rucola
Der Hof ist zweigeteilt. Einmal der Teil mit dem Bauernhaus am Ende der Straße, einem großen Garten und ein paar Gewächshäusern. Die Hennen haben hier einen großen Auslauf, scheren sich aber herzlich wenig um ihn und laufen lieber frei auf dem Hof herum. Der andere Betrieb ist nicht einmal fünf Minuten mit dem Auto entfernt. Mit einem kleinen grauen Lieferwagen fahren Cousin und Cousine dafür durch ein Industriegebiet, das dazwischen liegt. Vorbei an Baumärkten, hin wieder zu Feldern und Grün.
Wer durch das Gewächshaus läuft, läuft an Tomaten, Gurken, Rucola, Baby-Leaf-Salat und im Winter an Asiasalatmischungen vorbei. „Rucola bauen wir in verschiedenen Sätzen an. Den haben wir erst vor einer Woche gepflanzt, den vor zwei und den vor drei“, sagt Anna Tönneßen beim Vorbeilaufen. Auf ihren Flächen haben sie eine Fruchtfolge etabliert, um Boden- und Pflanzengesundheit zu fördern, also einen planmäßigen Wechsel verschiedener Kulturpflanzen auf demselben Acker oder Beet.

Die Gewächshäuser eignen sich nicht nur für Tomaten. Ihren 30. Geburtstag hat Anna Tönneßen hier gefeiert, mit einem großen Festival.
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Der Einstieg in den Betrieb sei für beide eine Lernkurve gewesen. Vieles sei Learning by doing gewesen, für manches fehle ihnen aber auch einfach das gärtnerische Wissen, sagen die beiden. „Wie krass komplex der Anbau doch ist“, so beschreibt Valentin Kuhl die größte Herausforderung des letzten Jahres. Um das aufzufangen, machen sie jetzt eine fachliche Ausbildung nebenher. Gerade der biologische Anbau von Gemüse fordert viel Erfahrung, Expertise und Handarbeit. Seine Onkel und Tante und das gesamte Team unterstützen die beiden bei der Arbeit und fangen dort auf, wo sie beim Bioanbau und der großen Kulturvielfalt an ihre Grenzen kommen.
Das bisherige Geschäft, die Lieferung an den Biofachhandel, wollen sie nicht ersetzen. Sie wollen es durch die Direktvermarktung ergänzen und den Hof in eine neue Generation führen. „Unser Onlineshop und die direkte Lieferung nach Hause sind eine zeitgemäße Weiterführung, um aussterbende kleinbäuerliche Strukturen zukunftsfähig zu machen“, sagt Anna Tönneßen. „Wir wollen biologische Landwirtschaft näher an die Menschen bringen und erlebbar machen.“ Darum gehe es ihnen auch, wenn sie den Hof für Events öffnen.
Im Mai 2026 haben sie gemeinsam mit der Kölner Koorn-Bäckerei in dem Gewächshaus zu einem „Farm-to-table“-Brunch eingeladen. Dabei kamen Zutaten direkt vom Hof und von weiteren lokalen Produzenten auf den Tisch. Die Gäste sollten nachvollziehen können, woher die Lebensmittel stammen und wie sie verarbeitet wurden. Zuvor hatten sie bereits ein Event mit dem Koch der Bar Brio veranstaltet.
Statt Schubkarren und Regalen voller Gemüse stand dann im Gewächshaus eine lange Tafel mit weißer Tischdecke. „Ich finde, gutes Essen ist dann zu Ende gedacht, wenn Menschen es gemeinsam am Tisch genießen können und sehen, wo es hergestellt und handwerklich weiterverarbeitet wird“, sagt Tönneßen über die Events. In einer Stunde waren die Tickets ausverkauft.
Durch die Arbeit auf dem Hof hat sich auch bei ihnen selbst etwas verändert. Kuhl achtet inzwischen stärker auf sein eigenes Einkaufsverhalten: Wo wurden die Produkte hergestellt, woher kommen sie? Auch die Begegnungen mit anderen Landwirten haben ihn dabei beeinflusst: „Diese Lebensrealitäten zu hören und zu sehen, hat bei mir eine intrinsische Motivation ausgelöst, das zu unterstützen.“
