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Der Kölner „Fluchthafen“Surfen statt Feiern – darum machen wir an Karneval lieber den Abflug

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Lewin Koch (26) will an Karneval lieber surfen und fliegt mit Ryanair nach Gran Canaria.

Lewin Koch (26) will an Karneval lieber surfen und fliegt mit Ryanair nach Gran Canaria.

Ganz bewusst oder zufällig: Passagiere schildern dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ ganz verschiedene Beweggründe, warum sie an Weiberfastnacht einfach wegfliegen.

Es ist 11.11 Uhr an Weiberfastnacht, am Heumarkt, im Zülpicher Viertel und in den Kneipen tobt das jecke Treiben – und am Kölner Airport stehen die Menschen mit ihren Koffern in der Schlange zur Gepäckabfertigung. Für viele wird der Flughafen an diesem Tag zum Fluchthafen. Weg vom Karneval, ganz bewusst, oder auch völlig zufällig. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat sich umgehört bei den Menschen, die das Epizentrum des Karnevals verlassen und ganz verschiedene Geschichten gehört.

Weiberfastnacht: Ganz normaler Betrieb am Kölner Flughafen

Dass der Straßenkarneval in Köln gestartet ist, merkt man dem Flughafen Köln/Bonn an diesem Donnerstagmorgen nicht an. Nur ein Mitarbeiter der Bundespolizei trägt ein T-Shirt in Rut-Wieß mit „4711“-Aufdruck. Ein bisschen Fastelovend wolle er verbreiten, sagt er. Und vielleicht, so hofft er, kommt um 11.11 Uhr ja eine jecke Durchsage. Sie kam nicht. Im Brauhaus „Früh bis spät“ läuft immerhin etwas kölsche Musik – wie wahrscheinlich jeden Tag – abwechselnd mit Partyschlagern.

Dass der Flughafen sich an diesem Tag nicht in einen weiteren Feierspot verwandelt und auf Luftschlangen, Konfetti und laute Musik verzichtet, kommt Marlies Kreuzer (71) gerade recht. „Ich liebe Karneval, aber in diesem Jahr habe ich mich ganz bewusst dagegen entschieden“, sagt die Rentnerin. Wenn sie feiere, dann wolle sie sich ganz auf den Fastelovend einlassen. Dieses Jahr fehle ihr die Lust. Umso mehr freue sie sich auf ihre Städtereise mit ihrer Freundin nach Barcelona.

Marlies Kreuzer und Susanne Massenberg fliegen nach Barcelona.

Marlies Kreuzer (l.) und Susanne Massenberg fliegen nach Barcelona.

Die Freundin ist die Diplom-Kauffrau Susanne Massenberg (56). Und die hat einen ganz triftigen Grund, dieses Jahr an Karneval aus Köln zu flüchten. Vergangene Session habe ihre 18-jährige Tochter in der Altstadt und auf den Ringen Karneval gefeiert, trotz Terrorwarnung vom „Islamischen Staat“. Die Tochter habe sich gedacht: Jetzt erst recht. „Aber ich hatte schlaflose Nächte“, sagt Massenberg. Den Stress wolle sie dieses Jahr nicht mehr haben. „Mein Mann ist ja da“, sagt die Kölnerin und lacht.

Köln: Karnevalsflüchtlinge genießen lieber die Sonne

Einen besonderen Liebesbeweis hat die Projektassistentin Laura (35) ihrem Freund Sebastian (35) gemacht. Er ist ein Karnevalsmuffel. Sie aber feiere leidenschaftlich – obwohl in Essen wohnend – jedes Jahr mit ihren Freundinnen im Kölner Fasteleer. Diesmal verzichtete sie für einen Kurztrip per Flieger nach Gran Canaria – und hat damit 20 Grad und Sonne statt zehn Grad und Regen. „Alles richtig gemacht“, freut sich Laura. Sie hat alles organisiert und ihren Freund mit dem Ziel überrascht. Nur bei der Anreise und dem Anblick von Kostümierten sei sie ganz kurz wehmütig geworden.

Laura verzichtet ihrem Freund Sebastian zuliebe auf das Feiern in Köln.

Laura verzichtet ihrem Freund Sebastian zuliebe auf das Feiern in Köln.

Auch in Koblenz wird jeck Karneval gefeiert – und darauf verzichtet die Familie Faust. „Wir nutzen, dass die Kinder sechs Tage frei haben und fliegen jedes Jahr in die Sonne“, sagt Vater Christian (45). Die Flüge und Hotels seien auch günstiger als in den Osterferien. Nach Italien und Portugal sei diesmal Spanien dran. Es geht mit Ryanair nach Alicante an der Costa Blanca. Ein kleines Hintertürchen hat sich die Familie aber offengelassen. Am Montag geht der Rückflug – und dann wäre zumindest am Dienstag noch ein kleiner Umzug drin.

Christian und Siw Faust fliegen mit Tochter Merle und ihrer zweiten Tochter (nicht im Bild) nach Alicante.

Christian und Siw Faust fliegen mit Tochter Merle und ihrer zweiten Tochter (nicht im Bild) nach Alicante.

„Lieber Surfen statt Karneval“, meint Eventmanager Lewin Koch (26) aus Köln. Er fliegt mit seiner Freundin nach Las Palmas auf Gran Canaria, das Surfbrett im Gepäck. Am Strand La Cicer will er sich in die Wellen schmeißen. Ganze vier Wochen lang ist gebucht. „Ich feiere Überstunden ab.“ Dass der Abflugtag auf Weiberfastnacht fällt, sei Zufall gewesen, finanziell und zeitlich habe es am besten gepasst. Nun müssten seine Kumpels ohne ihn durch die Kneipen ziehen: „Sie werden es verkraften.“

Köln: Hochzeit in Spanien fällt ausgerechnet auf Karneval

Einen Zufall anderer Art erlebten IT-Teamleiterin Linda (39) und ihr Mann Kenan (37) mit den Kindern Lui (5) und Kaia (9 Monate). Die Familie fliegt zu einer Hochzeit nach Spanien – und hat erst beim Buchen gemerkt, dass sie Karneval verpassen werden. „Lui war ein bisschen traurig“, sagt Mama Linda, man habe immer kindgerechte Veranstaltungen besucht. Aber die Trauung ihrer Studienfreundin gehe vor. Und nun hofft die Familie auf ein rauschendes Fest in Barcelona.

Linda, Kenan und die Kinder Lui und  Kaia fliegen nach Barcelona zu einer Hochzeit.

Linda, Kenan und die Kinder Lui und  Kaia fliegen nach Barcelona zu einer Hochzeit.

Auswirkung auf die Fluggastzahlen hat die jecke Zeit übrigens nicht. Am Donnerstag waren 66 Starts geplant, die Woche drauf sollen 65 Flieger abheben. „Der Winterflugplan ist traditionell die reiseärmere Zeit“, sagt ein Flughafensprecher, daran ändere auch der Karneval nichts. Anders sei nur die Intention. Während einige Geschäftsreisende ausblieben, gleiche das der Faktor Karneval aus. Das gelte nicht nur für „Karnevalsflüchtlinge“, sondern natürlich auch für die, die extra für das jecke Treiben anreisten. Und die sind an diesem Tag am Flughafen teilweise sehr leicht zu erkennen.

Viele fliegen auch extra fürs Karnevalfeiern nach Köln

Mit Eurowings flog etwa eine achtköpfige Abordnung vom Weiberfaschingsverein Wittichenau aus der Oberlausitz über Berlin in voller Montur nach Köln. Wie es dazu kam: „Wir erstellen gerade eine Chronik des Vereins und haben erfahren, dass es 1990 schon mal eine Reise nach Köln gab“, erzählt die 36-jährige Bianca, „und da haben wir gedacht, das können wir auch.“

Steffi, Marleen, Claudia, Sabine, Franzi, Jenny, Anne und Bianca aus Wittichenau in der Oberlausitz freuen sich auf den Kölner Karneval.

Steffi, Marleen, Claudia, Sabine, Franzi, Jenny, Anne und Bianca aus Wittichenau in der Oberlausitz freuen sich auf den Kölner Karneval.

Der Fahrplan: Schnell die Taschen ins Hotel bringen, dann zum Heumarkt. Einen Tag später geht es bereits zurück. Denn am Samstag steigt in Wittichenau schon die große Karnevalssitzung mit 600 Frauen.

Unternehmenberater Lukas Gieler ist aus München angereist.

Unternehmenberater Lukas Gieler ist aus München angereist.

Unternehmensberater Lukas Gieler (30) aus München hat einen tollen Deal mit Freunden aus Köln ausgemacht. Er organisiert für seine Kumpels den jährlichen Besuch auf der Wiesn. „Dafür muss ich mich an Karneval nach der Ankunft in Köln um nichts kümmern und kann direkt losfeiern.“

Kai, Wolfgang, Christian, Martin, Christian und Julian kommen aus Innsbruck nach Köln zum feiern.

Kai, Wolfgang, Christian, Martin, Christian und Julian kommen aus Innsbruck nach Köln zum feiern.

Eine clevere Idee hatte eine sechsköpfige Gruppe aus Innsbruck. Über einen Fanclub kamen sie an Karten für das Spiel des BVB gegen Mainz. Sie flogen aber nicht nach Dortmund, sondern nach Köln: „Wir mussten den Kölner Karneval einfach mitnehmen.“ Ihre Erwartung? „Keine, nur das Wochenende überleben!“