Unser Autor, kein bekennender Jeck, war an Weiberfastnacht am Zülpicher Platz unterwegs. Ein Erfahrungsbericht.
Sechs Stunden im TrubelErfahrungsbericht vom Zülpicher Platz – Auf der Suche nach dem Geist des Karnevals

Karnevalisten feiern trotz Regen auf der Zülpicher Straße.
Copyright: Thomas Banneyer/dpa
Der Regen fällt, als wolle er sich es selbst beweisen. Tropfen prasseln auf die am Boden abgestellten Bierflaschen, ziehen schmale Spuren und sammeln sich zu Pfützen, die sich wie Tintenkleckse ausbreiten. In dieses Grau schieben sich immer mehr Jecken – bunt, entschlossen, unbeeindruckt.
Karneval und ich – das war nie eine Liebesgeschichte. Eher ein höfliches Nebeneinander: „Macht ihr mal, ich muss nicht.“ Und doch bin ich losgezogen, ein wenig wie Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte. „Humbug“ nannte er Weihnachten, ich früher den Karneval. Also machte ich mich an Weiberfastnacht früh auf den Weg, in der stillen Hoffnung, dem viel beschworenen Geist der fünften Jahreszeit zu begegnen. Oder wenigstens einem seiner Boten. Am Eingang zum Zülpicher Platz – diesem halb geliebten, halb gefürchteten Feier-Hotspot der Stadt Köln – zeige ich mein pinkfarbenes Bändchen, verabschiede kurz danach meinen Kollegen, und eine halbe Stunde später stehe ich allein in einem Hauseingang. Unsicher, was jetzt eigentlich passieren soll.
Das Motto lautet „Gemeinsam“
Früher war ich oft beim Karneval dabei – was meine Distanz zum Fastelovend von heute fast absurd wirken lässt. Ich feierte mit Freunden, mit Kollegen, später mit Kommilitonen. Doch nie war das Fest selbst der Grund. Es war Kulisse, nicht Inhalt. Jetzt, allein und durchgefroren im Regen, wirkt alles anders. Die Jecken drängen sich unter Vordächern, Schirmen, in Ecken, die heute Funktionen übernehmen, die niemand für sie vorgesehen hat. Aus Müllsäcken werden Capes, aus Ponchos Rüstungen. Der Regen ist der Gleichmacher: Glitzer verblasst, Schminke verläuft, Frisuren geben auf – doch scheint es niemanden zu stören.
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Immer wieder bahnen sich Sanitäter ihren Weg durch die Menge, helfen jenen, die zu tief ins Glas geschaut haben. Einer wird auf eine Trage gehoben, ein anderer schafft es, gestützt von seiner Freundin, vom Platz. Vor mir zieht ein kleiner Zug vorbei: Swat-Truppen, Soldaten, Krankenschwestern mit Herzsonnenbrillen. Dazwischen ein orangeglänzender, tanzender Donald Trump. Wenige Meter weiter erklärt ein als VAR-Schiedsrichter verkleideter Mann – ein ausgeschnittener Kasten an seiner Brust zeigt die Szene auf Papier – einem Ordner eine Abseitsszene aus der DFB-Pokalpartie zwischen dem 1. FC Köln und Bayern München. Der Mann am Einlass schüttelt den Kopf. Vielleicht, weil er Bayern-Fan ist.
Ich suche das Gespräch mit vielen Menschen – und mit der Zeit schwindet meine Distanz. Ich frage sie, was für sie Karneval bedeutet. „Feiern“, „Spaß“, „Gemeinsam“. Es entsteht ein „Wir“: Jemand teilt seinen Schirm, jemand ein Bier, jemand ein Ladegerät. Fremde lächeln sich an, weil der Himmel gerade alle gleich behandelt. Gespräche über den FC, über Beziehungen, Uniklausuren. Diese spontane Gemeinschaft ist der Kern des Straßenkarnevals.
Ein Junge trägt eine kolossale Musikbox auf dem Rücken. „Hotel Room Service“ des lateinamerikanischen Künstlers Pitbull läuft – unkarnevalistisch und doch passend. Die Musik zieht eine Gruppe verkleideter Polizistinnen an, man kommt ins Gespräch, lacht, trinkt und raucht zusammen. Vor der Synagoge am Zülpicher Platz beginnen Menschen zu schunkeln. Sie singen „Tommi“ von AnnenMayKantereit – eine Liebeserklärung an Köln. Nach sechs Stunden im Trubel mache ich mich auf den Rückweg.
Ich steige in die Linie 16. Der Zug fährt an, ruckelt, bleibt immer wieder stehen. Zehn Minuten Stillstand – dann geben die ersten Fahrgäste nach. Nicht emotional, sondern körperlich. Drei übergeben sich fast gleichzeitig. Eine Mischung aus zu viel Kölsch, leeren Mägen und Entscheidungen, die man später bereut. Der Geruch ist penetrant. Kurz darauf steigt ein weiterer Betrunkener ein, spricht drei Piratinnen auf Englisch an, um Minuten später zu verkünden, er habe sie nur an der Nase herumgeführt – er könne Deutsch.

Mit Regencapes versuchten sich die Feiernden vor dem schlechten Wetter zu schützen.
Copyright: Thomas Banneyer/dpa
Als ich aussteige, merke ich, dass mich etwas berührt hat. Nicht der Lärm, nicht der Alkohol, nicht die Kostüme. Sondern die kleinen Momente. Eine fremde Hand, die jemanden vor einer Pfütze zurückzieht. Ein Schirm, der wortlos einen Zentimeter nach links rückt. Ein kurzes Anstoßen mit einer Flasche. Das Schultertippen, wenn jemand ein schönes Kostüm hat. Die Art, wie man sich Platz macht, wie man im Gedränge kurz aneckt und plötzlich von einem Arm in eine Gesangseinlage von „Et Jitt Kein Wood“ gezogen wird.
Den Geist des Karnevals habe ich nicht in einem einzelnen Moment gefunden, sondern im Lachen mit anderen, in Diskussionen über den FC. Ja, Karneval schwappt manchmal über den Rand. Aber viel öfter verbindet er Menschen, die sich sonst nie begegnet wären. Und während ich aus der Bahn steige, denke ich an Scrooge, der am Ende seiner Geschichte merkt, dass sich die Welt nicht geändert hat – nur sein Blick darauf. So ähnlich fühlt es sich an.
