„Kayjass Nummer Null“Das ist der Lehrer aus der kölschen Nationalhymne

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Heinrich Welsch

Köln – Ein Grabstein in Merheim und eine Gedenktafel am Griechenmarkt – es ist nicht viel, was man an Spuren zum Anfassen in der Stadt findet und an die berühmteste Schule Kölns und den wahrscheinlich bekanntesten Lehrer des Rheinlands erinnert. Aber es gibt eine Spur, die viel kraftvoller und eindrucksvoller als jeder Stein die Erinnerung wach hält: Das Lied von der „Kayjass Nummer Null“, jener „steinahl Schull“, in der die auf alles zutreffende Lebensweisheit „Dreimol Null es Null bliev Null“ vom Lehrer Welsch gelehrt wurde.

Seit fast 80 Jahren ist der Schlager so etwas wie die kölsche Nationalhymne – kein plattes Gesinge von Dom, Rhing un Sunnesching, sondern herrlich schöne, zeitlose Weisen über kölsches Lebensgefühl – und ein Liedtext über Köln, in dem „Köln“ nicht vorkommt.

Ein kleines Zeugnis zivilen Ungehorsams

1938 haben Will Herkenrath und Hermann Kläser den Vorläufer des Hits für die Musikgruppe „Die drei Laachduve“ geschrieben. Bedenkt man, in welcher Zeit er entstanden ist, darf man den Text als kleines Zeugnis zivilen Ungehorsams interpretieren. Die Version, die fast jeder Kölner auswendig kann, ist die Variante der „Vier Botze“ aus der Nachkriegszeit. Sie wird zu jedem möglichen und unmöglichen Anlass geschmettert. Lebendiger kann eine Spur in die Vergangenheit kaum sein. Doch wohin führt sie eigentlich?

Zu einer Schule mit der Hausnummer Null mit einem Lehrer, bei dem der Lernstoff recht übersichtlich blieb? Die Nummer Null hat es natürlich nie gegeben, wohl aber eine Schule mit einem Seiteneingang zur Kaygasse, jener kleinen Straße im Griechenmarktviertel in der Innenstadt. Der Name der Gasse geht auf eine mittelalterliche Familie zurück. Spätestens ab 1891 kann man hier eine Hilfsschule – heute würde man von einer Förderschule sprechen – nachweisen. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. Auch den Lehrer Welsch hat es gegeben. In der Schule an der Kaygasse hat er allerdings nie gearbeitet. Die kölschen Liedermacher haben ihn hier einfach hingedichtet.

Heinrich Welschs Weg führte über Koblenz nach Köln

Heinrich Welsch stammte ursprünglich aus Arzdorf in der Voreifel zwischen Bad Neuenahr und Bad Godesberg. Das Fachwerkhaus, in dem er geboren wurde, kann man noch besichtigen. Früh soll für ihn klar gewesen sein, dass er Lehrer werden wollte, wird berichtet – einer, der es besser machen wollte als die meisten im obrigkeitsstaatlichen, autoritären Schulsystem der damaligen Zeit. Nach seiner Ausbildung ging er nach Koblenz, dann arbeitete er eine Zeit lang als Hauslehrer bei den Reichsfreiherren von Fürstenberg. Über Worringen kam er schließlich nach Köln, unterrichtete in Sülz und schließlich ab 1881 in der damals noch nicht eingemeindeten Industriestadt Kalk. Hier begründete sich sein Ruhm als sozial engagierter Pädagoge.

Der Familienvater hatte eine Berufsauffassung, die man bis heute als vorbildlich bezeichnen könnte. Er kümmerte sich nicht nur um die Vermittlung von Wissen. Er half auch armen Familien in ihrer Not. Um benachteiligten Schülern Perspektiven zu eröffnen, nutzte er auch ungewöhnliche Methoden. In „unverfälschtem Kölsch“, wie es im Lied von der „Kayjass Nummer Null“ heißt, soll er einen anschaulichen Unterricht gestaltet haben. 1905 gründete er in Kalk die erste so genannte Hilfsschule im rechtsrheinischen Kölner Raum. Sein Grabstein auf dem Kalker Friedhof in Merheim bezeugt den 7. Juni 1935 als Todestag.

„Ehrengrab“ für Welsch

Die Stadt ehrt sein Andenken, indem sie aus der Totenstätte ein „Ehrengrab“ machte und einer Grundschule in Flittard seinen Namen gab. Die Kölner Abteilung des Vereins Deutsche Sprache verleiht seit 2004 den Lehrer-Welsch-Preis. Die Kölner Schule, die sich selbst in der Tradition der „Kayjass“ sieht, ist die Hauptschule Großer Griechenmarkt gleich um die Ecke des besungenen Geschehens.

„Wo gerechnet wohd dreimol null es null“ – Gedenktafel an einer Hauswand am Großen Griechenmarkt.

Das Lied über die Jungs, die sich gelassen gegen alle möglichen Anschuldigungen mit dem Sätzchen „Nä, nä dat wesse mer nit mieh, janz bestemp nit mih, denn dat hammer nit studeet“ wehren, ist für die katholische Schule auch Ansporn zur Förderung selbstbewusster Schüler und zur Pflege der kölschen Tradition. Zwei Schulsitzungen werden in der Karnevalssession veranstaltet. Und natürlich hat der Schulchor da auch in diesem Jahr die Hymne von der „Kayjass Nummer Null“ im Programm.

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