Abo

Kita-Notstand
Das verschwiegene Versagen der Stadt Köln

Lesezeit 4 Minuten
Eltern und Kinder der Evangelischen Kita in Zollstock demonstrieren mit Schildern gegen die geplante Schließung der Einrichtung.

Bei der Zuteilung von Kita-Plätzen müssen Elternin Köln nach wie vor bangen.

Zum Ende des Kita-Jahres 2022/23 werden allein in Köln mehr als 1500 Betreuungsplätze fehlen. Der mit der Corona-Pandemie ausgelöste Ausnahmezustand in den Kitas trifft Köln hart. Ein Gastbeitrag.

Angesichts der sich seit Jahren wiederholenden Hiobs-Botschaften über fehlende Schulplätze tritt das Versagen der Kölner Stadtverwaltung auf einem ähnlich wichtigen Feld in den Hintergrund. Auch bei der Zuteilung von Kita-Plätzen müssen Eltern kleiner Kinder in Köln nach wie vor bangen.   

Viel zu selten artikulieren sie ihren Unmut darüber, dass ihnen die nicht nur für doppelte Erwerbstätigkeit unerlässliche Betreuung ihrer Kinder vorenthalten wird. Und nur gelegentlich dringen Erzieherinnen und Erzieher mit ihren mahnenden Worten durch, dass damit auch den Kindern ihr Recht auf ein professionelles pädagogisches Unterstützungssystem vorenthalten wird.

Zum Ende des Kita-Jahres 2022/23 werden allein in Köln mehr als 1500 Betreuungsplätze fehlen – Tendenz steigend. Die viertgrößte Stadt Deutschlands schafft es nicht, den Betreuungsanspruch einzulösen. Und das, obwohl die Kölner Kita-Gebühren im bundesweiten Vergleich exorbitant hoch sind. Sie betragen monatlich bis zu 640 Euro zuzüglich einkommensunabhängiger Kosten für das Mittagessen von bis zu 180 Euro.

Beitragsfreiheit wird gegen Qualitätssicherung ausgespielt

Dass die generelle Beitragsfreiheit andernorts gegen die Frage der Qualitätssicherung in den Kitas ausgespielt wird, ist ein bewährtes Stilmittel politischer Rhetorik. Zum einen zeigen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, dass gebührenfreie Kitas nicht zwangsläufig schlechtere Betreuungsverhältnisse bedeuten. Zum anderen müssen Kölner Eltern trotz Gebühren immer häufiger auf qualitativ und quantitativ ausreichende Betreuung verzichten.

Der mit der Corona-Pandemie ausgelöste Ausnahmezustand in den Kitas hat nicht nur allen Beteiligten viel abverlangt, sondern zugleich auch die ohnehin schlechten Bedingungen ans Licht gebracht. Kitas leiden unter Fachkräftemangel, weshalb sie sich immer häufiger in einem Missverhältnis von bildungs- und betreuungsrelevanten Anforderungen einerseits und dafür den tatsächlich verfügbaren personellen, finanziellen und räumlichen Ressourcen andererseits bewegen.

Das Fazit einer unlängst veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung ist eindeutig: „Eine kindgerechte Personalausstattung und zugleich ausreichend Plätze in allen Kitas sind in diesem Jahrzehnt nicht mehr zu realisieren.“

Schon am Beginn des Lebens auf dem pädagogischen Abstellgleis

Von einem für frühkindliche Bildung vertretbaren Personalschlüssel sind die Kitas weit entfernt. Dass ausgerechnet die sprachliche, motorische und emotionale Entwicklung der Kleinsten gefährdet wird, ist unhaltbar. Bei den politischen Entscheidungen werden Fachkräfte und Eltern als Expertinnen und Experten allzu häufig außen vor gelassen. Zu Recht bezeichnet der Kita-Fachkräfteverband RLP das Wissen der politisch Verantwortlichen über das, was in den Einrichtungen tatsächlich geschieht, als „Blackbox“.

Dabei kämpfen Eltern und Fachkräfte nicht nur für ihre eigenen Interessen, sondern auch für die der nachfolgenden Generationen, die es nicht verdient haben, schon am Beginn ihres Lebens auf dem pädagogischen Abstellgleis zu landen.

Die in politische Sonntagsreden und ministerialen Schreiben formulierte Wertschätzung für Erzieherinnen und Erzieher bildet sich nicht in einer auskömmlichen Bezahlung ab – weder für bewährte Fachkräfte noch für Auszubildende. Letztere erhalten lediglich im letzten Ausbildungsjahr, im sogenannten Berufspraktikum, eine Vergütung. Kein Wunder, dass das Image des Berufs, der extreme Verantwortung mit einem Höchstmaß an physischer und innerer Präsenz paart, seit Jahren leidet.

Unter der Mangelwirtschaft leiden besonders die privaten Träger

Überdies halten Förderungen zum Ausgleich von Lohn- und Mietsteigerungen meist viel zu spät Einzug in die Finanzierung der Einrichtungen. Inzwischen müssen Kitas mitunter schon am nötigsten wie pädagogischem Material und Teamfortbildungen sparen.

Unter der Mangelwirtschaft leiden besonders die von Vereinen, Verbänden und Initiativen verantworteten Träger. In ihrer Hand liegen mehr als 40 Prozent aller Kölner Kitas. Für ein Viertel sind die Kirchen verantwortlich. Die Stadt selbst betreibt somit nur etwa ein Drittel aller Kitas selbst, bezuschusst sie allerdings um vier Prozentpunkte besser als die privaten Einrichtungen.

In den als Verein geführten Elterninitiativen nehmen die Eltern neben der Personal- und Finanzverwaltung Aufgaben wie Putzen, Kochen und Renovieren wahr. Steuerrechtlich wähnt man sich an der Grenze zur doppelten Haushaltsführung. Politisch lässt sich diese Entwicklung als Privatisierung zulasten der Eltern begreifen, die ihre ohnehin knappe Freizeit unter anderem für „Baustunden“ opfern.

Kitas müssen ihre Öffnungszeiten aus Personalnot immer häufiger einschränken

Die auch als Ausdruck der Gleichberechtigung zu verstehende doppelte Erwerbstätigkeit wird gefährdet, wenn die Vorstandstätigkeit in einer als Elterninitiative betriebenen Kita viele Stunden in Anspruch nimmt. Dies gilt vor allem dann, wenn die Kitas ihre Öffnungszeiten – auch außerhalb der gesetzlichen Schließzeiten – aus Personalnot immer häufiger einschränken müssen.

Speziell für Köln stellt sich die Frage, wie ein Abbau bei den evangelischen und katholischen Kitas im Zuge einbrechender Kirchensteuereinnahmen kompensiert werden kann. Auf diese erwartbare Entwicklung reagiert die Stadtverwaltung – wie schon beim Ausbau der Schulplätze – zu zögerlich. Da sie den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz auch in absehbarer Zeit nicht wird erfüllen können, sollten Elterninitiativen als institutionelle Notnägel zumindest nicht länger mit ihren Nöten alleingelassen, sondern mit städtischen Einrichtungen finanziell zumindest gleichgestellt werden.

Dass das von Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) initiierte Kita-Qualitätsgesetz ausreichend sein wird, mit dem in den beiden kommenden Jahren vier Milliarden Euro in die frühkindliche Förderung fließen sollen, ist angesichts eines auf 10,5 Milliarden Euro taxierten Investitionsstaus eher nicht zu erwarten. Vor diesem Hintergrund sollten Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher nicht nur im Interesse der Kinder endlich gemeinsam gegen die unhaltbaren Zustände aufbegehren. Die Stummen bekommen bekanntlich kein Land.

Autorin und Autor

Walli Esper leitet seit 13 Jahren die Kita Drachennest.

Tim Engartner ist Professor für Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln.

Mein Ort