Kinder, die in von Gewalt oder Sucht betroffenen Familien aufwachsen, können sich bei „Hilfen im Netz“ online Unterstützung holen. Plakate warben im Sommer auch in Köln für die Hilfsaktion.
Gewalt, Sucht, psychische Krankheit162 Prozent mehr Hilferufe – Plakataktion in Köln zeigt Wirkung

Schirmherr Frank Schätzing wirbt am Neumarkt für das Projekt „Hilfen im Netz“.
Copyright: Alexander Schwaiger
3,8 Millionen Kinder in Deutschland wachsen mit einem Vater oder einer Mutter auf, der oder die psychisch krank oder süchtig ist. Um sich die Größenordnung klar zu machen: In etwa so viele Menschen leben in Berlin. Um diesen Kindern zu helfen, bietet „Hilfen im Netz“ eine Möglichkeit, die Probleme anonym mit ausgebildeten Betreuern per Chat oder Telefon zu teilen. Durch eine Plakatkampagne im Juli und August, die auch in Köln auf das Angebot aufmerksam machte, ist die Zahl der Anfragen um 162 Prozent gestiegen.
„Die Ergebnisse haben uns beeindruckt, obwohl die Anfragen uns traurig machen“, sagt Markus Wirtz von der Drogenhilfe Köln. Das Projekt „KidKit“ der Drogenhilfe organisiert „Hilfen im Netz“ seit vier Jahren zusammen mit Nacoa Deutschland, Interessenvertretung von Kindern aus suchtkranken Familien. 5000 Plakate haben sie in diesem Sommer in ganz Deutschland präsentiert, an vielen bekannten Orten und ÖPNV-Haltestellen wie dem Kölner Neumarkt. Darauf der Slogan: „Schreiben statt Schweigen.“
Tanja Ruppert vom Verbundpartner Nacoa Deutschland ist eine der Helferinnen, die mit den Kindern schreiben, wenn sie Kontakt aufnehmen. Häufig musste sie schon das Jugendamt oder die Polizei anrufen, einige Kinder sogar aus ihren Familien herausholen. „Bei einigen habe ich mir die Frage gestellt, ob sie den Sommer sonst überlebt hätten“, sagt Ruppert.
Die Kinder können sich anonym an „Hilfen im Netz“ wenden. Im Gespräch mit den Helfern, schildert Ruppert ihre Erfahrung, schaffen sie es häufig selbst, erste Schritte in die Wege zu leiten, um die Situation etwas zu verbessern. Manche fragten sie beispielsweise, was sie sagen müssen, wenn sie beim Jugendamt anrufen, dabei kann Ruppert helfen. Bei mehr als der Hälfte der Kinder und Jugendlichen geht es um sexuelle oder häusliche Gewalt. Sie habe sogar erlebt, dass Kinder sich sexuell verkaufen, um Drogen für die Eltern zu besorgen, sagt Ruppert.
Frank Schätzing und Janine Kunze sind Schirmherren
Autor Frank Schätzing („Der Schwarm“) und Schauspielerin Janine Kunze („Hausmeister Krause“) sind die prominenten Schirmherren von „KidKit“. „In meiner Kindheit war die Welt wesentlich intakter und heiler. Wir müssen jetzt die Hand ausstrecken und Kindern helfen“, sagt Schätzing, der schon seit 2010 Förderer ist. Janine Kunze ist in diesem Jahr neu dazugekommen. „Mich trifft der Gedanke, dass viele Kinder mit solchen Problemen alleine in ihrem Zimmer sitzen, gerade als Mutter. Ich möchte meine Stimme nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, dass kein Kind alleine bleiben soll“, sagt sie.
Das Ministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das Berliner Außenwerbe-Unternehmen Wall und private Spenden haben die Plakatkampagne finanziert. Eine dauerhafte Plakatierung sei leider zu teuer, sagt Anna Buning, Leiterin von „KidKit“. Sie gehe jedoch von einer Wiederholung der Aktion im nächsten Jahr aus. Darauf hofft auch Schirmherrin Janine Kunze: „Wir müssen mehr Geld für Kinder und Jugendliche ausgeben, weil sie unsere Zukunft sind.“
