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Vernachlässigung und GewaltKlare Ziele und konkrete Maßnahmen – Köln stärkt den Kinderschutz

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Mit einem neuen Kinderschutzentwicklungsplan verstärkt die Stadt Köln ihre Anstrengungen in Sachen Prävention, Förderung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen. (Archiv)

Mit einem neuen Kinderschutzentwicklungsplan verstärkt die Stadt Köln ihre Anstrengungen in Sachen Prävention, Förderung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen. (Archiv)

Der erste Kinderentwicklungsplan soll Prävention, Förderung und Teilhabe in Köln verbessern.

Wirksamer Kinderschutz kann in einer Millionenstadt wie Köln nicht in Form eines starren Konzepts gelingen, sondern muss als lernendes System gestaltet werden. Dieser Erkenntnis aus den Missbrauchsfällen von Lügde, Münster und Wermelskirchen wird schon der Titel des neuen Projekts der Stadt Köln gerecht, das Jugenddezernent Robert Voigtsberger jetzt mit Jugendamtsleiterin Dagmar Niederlein vorgestellt hat: Kölns erster Kinderschutzentwicklungsplan (KSEP) sei ein landesweites „Vorreiterprojekt“, ein „Meilenstein“ in Sachen kommunales Engagement für den Schutz, die Förderung und Beteiligung der rund 173.000 Kinder und Jugendlichen dieser Stadt.

Der Kinderschutzentwicklungsplan ist ein rund 100 Seiten umfassendes Werk, das regelmäßig kritisch hinterfragt, angepasst und weiterentwickelt werden soll und neben einer Bestandsaufnahme klare Ziele und konkrete Maßnahmen enthält, die bis 2028 in die Tat umgesetzt werden sollen.

Gefährdete Kinder rechtzeitig schützen

Er ist das Ergebnis eines zweijährigen Prozesses, an dem unter Leitung von Christoph Scharrenbach (Stabstelle Kinderschutz) 700 Fachleute aus allen relevanten Bereichen beteiligt waren – von Kitas, freien Jugendhilfeträgern, über Sportvereine, Kliniken bis zur Polizei. Involviert war auch die Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI), das auf Basis von 22.000 Daten die vorhandenen Strukturen, Prozesse und Wirkweisen des Kölner Kinderschutzes beleuchtet hat. Ziel ist es, den Kinderschutz weiter zu professionalisieren – und damit vor allem gefährdete Kinder rechtzeitig zu schützen und zu stärken.

Konkret bedeutet das laut Dagmar Niederlein, präventive Angebote auszubauen, allen voran die Frühen Hilfen wie Familienhebammen, Erziehungshilfen oder Willkommensbesuche bei Eltern von Neugeborenen, Fachkräfte zu qualifizieren und sicherzustellen, dass Hilfen noch schneller und bedarfsgerechter bei Kindern und Eltern ankommen.

Datenschutz stehe nie vor Kinderschutz

Damit auch die Kooperation zwischen den beteiligten Institutionen reibungsloser funktioniert, soll diese systematisiert und ausgebaut werden. „Verbindlichere Wege und eine verbesserte Zielschärfe“ seien dabei, so Voigtsberger, der Schlüssel zum Erfolg. Als konkretes Beispiel – und eine der anvisierten 21 Maßnahmen – nannte der Jugendreferent, dass die derzeit sehr unterschiedlichen Versionen von Meldebögen zur Kindeswohlgefährdung, die etwa Polizei, Schulen oder Freie Träger an das Jugendamt senden, vereinheitlicht werden sollen. Auch in puncto Schweigepflicht attestiert der KSEP mehr Aufklärungsbedarf bei Berufsgruppen wie Ärzten oder Lehrerinnen: „Der Datenschutz darf nicht vor den Kinderschutz treten.“

Die SPI-Stiftung bescheinigte der Stadt, dass sie beim Kinderschutz „gut aufgestellt“ sei: Sie erfüllt alle bundes- und landesgesetzlichen Vorlagen. Das gute Ergebnis führt Niederlein unter anderem auf eine personelle Aufstockung von 66,5 Stellen in den Bezirksjugendämtern zurück. Dennoch spricht die Statistik teils eine andere Sprache. So verzeichnet Köln im Vergleich mit anderen Großstädten seit Jahren überdurchschnittlich hohe Fallzahlen bei Inobhutnahmen, also Schutzmaßnahmen des Jugendamtes, um das Kindeswohl bei akuter Gefahr zu sichern. Während die bundesweite Quote laut Statistischem Bundesamt bei rund 5,3 Inobhutnahmen pro 1000 Kinder und Jugendliche liegt, beträgt sie in Köln etwa 6,2. In Düsseldorf liegt die Quote bei 4,7, in Essen bei 5,1 und in Frankfurt am Main bei 5,6.

Der KSEP bietet zudem einen Überblick über die Verteilung der festgestellten Fälle von Kindeswohlgefährdung auf die Kölner Stadtteile. Als Risikofaktoren gelten etwa Armut, schlechter Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, beengte Wohnverhältnisse oder die Anzahl der Kinder. Das bedeutet nicht immer, dass das Kindeswohl tatsächlich in Gefahr ist – dafür ist Chorweiler bestes Beispiel. Obwohl es hier viele der genannten Risikofaktoren und die höchste Armutsgefährdungsquote gibt, ist die Fallzahl von Kindeswohlgefährdung niedrig. Als Grund nennt Niederlein die Vielzahl an gut vernetzten Hilfs- und Unterstützungsangeboten im Veedel.

Während Chorweiler damit „nur“ Platz 17 der Liste der meisten Fälle von Kindeswohlgefährdung belegt, verzeichnet Höhenhaus mit 19 Fällen pro 1000 Kinder Platz eins, gefolgt von Buchheim (17), Buchforst (14), Holweide (12), Kalk und Lind (jeweils 11).