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Neue NRW-Zahlen für 2025
Drastisch mehr Gewalt in Kitas – Kinderschutz-Verbände sind alarmiert

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Kinder basteln gemeinsam in einer Kindertagesstätte. Immer mehr Gewalttaten werden in NRW-Kitas gemeldet.

Kinder basteln gemeinsam in einer Kindertagesstätte. Immer mehr Gewalttaten werden in NRW-Kitas gemeldet.

Die Gewalt in NRW-Kindertagesstätten ist 2025 im Vergleich zum Vorjahr um fast 80 Prozent gestiegen. Es sind drastische Fälle dokumentiert.

In Marl wurde ein Mitarbeiter einer Kindertagesstätte verhaftet, weil er acht Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren missbraucht und die Taten teilweise gefilmt haben soll. In Erkrath soll ein vierjähriger Junge mehrfach zum Essen gezwungen worden sein, wobei ihm beispielsweise der Mund zugehalten wurde, wenn er die Lebensmittel wieder ausspucken wollte. Und am Niederrhein sollen mehrere Jungen eine Fünfjährige in einem unbeobachteten Pausenraum dazu gezwungen haben, ihr Kleid auszuziehen.

Die Gewalt in nordrhein-westfälischen Kindertagesstätten ist 2025 im Vergleich zum Vorjahr um fast 80 Prozent gestiegen. Aus einem Papier des Familienministeriums geht hervor, dass die Landesjugendämter im vergangenen Jahr 4718 Übergriffe gemeldet haben, 2024 waren es noch 2680 gewesen.

Im Bereich des Landschaftsverbandes Rheinland, zu dem unter anderen die Regierungsbezirke Köln und Düsseldorf gehören, hat sich die Zahl von 1561 Fällen im Jahr 2024 auf 3036 Gewalttätigkeiten 2025 sogar nahezu verdoppelt. Dies wiegt umso schwerer, da sich die Vorfälle schon von 2022 (1022 Vorfälle) bis 2024 (2680) landesweit um mehr als das Zweifache erhöht hatten.

Ein Drittel der Übergriffe sollen vom Personal begangen worden sein

In der Statistik wird zwischen körperlicher und psychischer Gewalt unterschieden. In den Kindertagesstätten des Rheinlands wurden demnach mit 912 Fällen mehr als ein Drittel der 2609 körperlichen und psychischen Übergriffe vom Personal begangen, den Rest haben sich die Kinder untereinander angetan. „Sexuelle Gewalt“ wird besonders erfasst. Hier wurden im vergangenen Jahr im Rheinland 98 Taten von Kita-Mitarbeitenden und 329 Handlungen von Kindern gemeldet.

„Die Zahlen sind ein Alarmsignal, das die Politik nicht länger überhören darf“, betont Dennis Maelzer, familienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag NRW: „Ein drastischer Anstieg von Gewalt- und Missbrauchsmeldungen innerhalb weniger Jahre zeigt nicht nur, dass genauer hingeschaut wird – er offenbart vor allem, wie groß der Handlungsbedarf inzwischen ist.“ Besonders besorgniserregend sei „die massive Zunahme von Gewalt unter Gleichaltrigen“. Wenn sich beispielsweise die gemeldeten körperlichen Übergriffe durch Kinder innerhalb von drei Jahren nahezu verzehnfachen, gehe „es längst nicht mehr um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem im frühkindlichen Alltag“.

Landesregierung: „Kinderschutz hat oberste Priorität“

Kinder und Jugendliche vor Gewalt zu schützen, sei „oberste Priorität“ der Landesregierung, betonte auch die neue nordrhein-westfälische Jugendministerin Verena Schäffer (Grüne) auf Anfrage: „Die erhöhte Zahl von gemeldeten Fällen zu Gewalt beziehungsweise pädagogischem Fehlverhalten in Kitas zeigen hier zweierlei: Wir sind als Politik, aber auch als Gesellschaft sensibler geworden und schauen genauer hin.“ Damit die Fälle nicht untergehen, können die Daten seit Oktober 2024 verhältnismäßig unbürokratisch mit einen landeseinheitlichen Online-Modul zentral erfasst werden.

Die aktuell extrem gestiegenen Zahlen seien somit „ein Beleg dafür, dass mehr Fälle ins Hellfeld rücken und nicht mehr unentdeckt bleiben“, sagte Schäffer. Sie würden aber auch deutlich machen, „dass wirksamer Kinderschutz eine gute Zusammenarbeit aller Akteure“ brauche. „Sensibilisierung, einheitliche Standards sowie verpflichtende Kinderschutzkonzepte sind hier wichtige Bausteine der Stärkung des Kinderschutzes“, so die Grünen-Politikerin: „Im Rahmen von Aus-, Fort- und Weiterbildung für alle Mitarbeitenden im System der frühkindlichen Bildung sind genau das ganz zentrale Themen.“

SPD im Landtag:  Abbau von Kita-Fachpersonal ist unverantwortlich

Zur Ausstattung der Kindertagesstätten mit Fachpersonal jedoch äußerte sie sich in diesem Zusammenhang nicht. Beim gerade in den NRW-Landtag eingebrachten Gesetzentwurf zur Änderung des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) indes monieren Kritiker vor allem, dass die Gruppenvergrößert und der Einsatz von Fachkräften künftig auf Kernzeiten von fünf Stunden am Tag konzentriert werden sollen. Für alles andere sollen sogenannte „Ergänzungskräfte“ die Verantwortung tragen.

Der SPD-Politiker Maelzer findet dies auch im Hinblick auf die steigende Zahl der Übergriffe unverantwortlich. „Falls Schwarz-Grün weiterhin dafür eintritt, Fachkräfte nur noch wenige Stunden pro Tag in der Kita einzusetzen, ist das ein Aushöhlen des Fachkräftegebots und wird zur Überforderung führen“, so der Landtagsabgeordnete. Wenn Kinderschutz weiter an erster Stelle stehen soll, brauche „es eine enge pädagogische Begleitung und das am gesamten Tag“.

Dies betont auch Michael Kutz, Landesgeschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in NRW. Die Zahl der gemeldeten Fälle körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt in den nordrhein-westfälischen Kitas habe „einen neuen Besorgnis erregenden Höchststand erreicht“. Die „zunehmenden Gefährdungsfälle für das Wohl der Kinder“ seien „nicht zuletzt Folge einer unzureichenden Personalausstattung und des Abbaus von Standards zur Ausbildung und Qualifikation, die inzwischen zu einer erheblichen Überlastung der Kitas und des Personals führen“, so Kutz.

„Der alarmierende Höchststand von Gewaltereignissen“  sollte „für das Land NRW mehr als Grund genug sein, den eingeschlagenen Irrweg der Absenkung von Qualitäts- und Personalstandards nicht auch noch fortzusetzen“, ergänzte der Kinderschützer: „Im Lichte dieser Entwicklung sollte Landesregierung ihren aktuellen Gesetzentwurf für die Kitas sofort anhalten und nicht weiterverfolgen.“

Verbände fordern Änderungen im NRW-Kinderbildungsgesetzes

Eine Forderung, die auch Mechthild Thamm vom Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW unterstützt. Es gebe vermutlich zwar mehrere Gründe für den „erschreckenden Gewaltanstieg“. Die strukturellen Bedingungen in einzelnen Kindertageseinrichtung beispielsweise, individuelle Überforderungsmomente bei Mitarbeitenden oder schlichtweg eine höhere Aufmerksamkeit, „so dass mehr Fälle bekannt werden, die vorher im Verborgenen blieben“. Aber auch die im Entwurf für das nordrhein-westfälische Kinderbildungsgesetz vorgesehenen „größeren Gruppen und ein schlechterer Fachkraft-Kind-Schlüssel“ könnten „Faktoren für eine indirekte Kindeswohlgefährdung sein“.

Gemeinsam mit der Freien Wohlfahrtspflege NRW würde ihr Verband „daher dringend weitere Nachbesserungen am KiBiz-Entwurf“ fordern, so Thamm. Die jetzigen Standards für Bildung, Erziehung und Betreuung dürfen keinesfalls abgesenkt werden: „Denn Schutzkonzepte dürfen nicht nur für die Schublade produziert, sie müssen gelebt werden.“