Marianna Simnett verwandelt im Brühler Max-Ernst-Museum Menschen in Tiere und macht den surrealistischen Ahnherren alle Ehre.
Marianna Simnett in BrühlDie Lust daran, den Kopf zu verlieren

Marianna Simnetts „Prayers for Roadkill (Bird)“ im Max-Ernst-Museum Brühl
Copyright: Henning Krause
Die Vorstellung, dass wir beim Sex einige Millionen Jahre Evolution vergessen und wieder zu Tieren werden, machte den Surrealisten eine Menge Spaß – und war ihnen vor allem lieber, als all die Grausamkeiten, die sich Menschen ausdenken, um einander möglichst effektiv quälen, verletzen oder töten zu können. Wenn sich in der neuen Ausstellung im Max-Ernst-Museum ein überlebensgroßer Plüsch-Schwan über eine Hyäne hermacht, ist das also nichts, worüber man sich wundern müsste. Außer vielleicht darüber, dass sich der nimmersatte Zeus offenbar durch das halbe Tierreich vögelte, nachdem er als Schwan die widerwillige Leda bestiegen hatte.
Mit ihrer kuscheligen Sexszene zitiert die britische Künstlerin Marianna Simnett einen griechischen Mythos, der schon lange nicht mehr als Erzählung einer listigen Verführung gilt. Selbst Altphilologen sehen im alten Zeus heute eher einen machtgeilen Herrschertyp vom Schlage Donald Trumps, weshalb Simnett, die im surrealistischen Sinne lieber Verwirrung stiftet, als alte Gewissheiten zu bestätigen, Schwan und Hyäne auch noch zu Crossdressern macht: Der Gott trägt ein Frauenkleid aus der Feudalzeit, sein Opfer etwas Männliches in samtigem Blau.
Manche wollen lieber gequälter Hund sein als quälender Herr
„Headless“ heißt Simnetts Ausstellung im Brühler Museum, als Hommage an Max Ernsts Collageroman „La Femme 100 têtes“, ein französisches Wortspiel mit der Zahl 100 („cent“) und dem gleichlautenden Wort für ohne („sans“). Zur Ehre des surrealistischen Ahnherrn hat Simnett zwar keine hundertköpfige kopflose Frau in Ernsts Geburtsstadt gebracht, aber immerhin eine frische Gemäldeserie mit kopflosen und bekopften Frauen. Mit ihrer Mischung aus Grausamkeit und der surrealistischen Lust daran, den (eigenen) Kopf zu verlieren, sind sie ein Novum im Werk der 39-jährigen Künstlerin. Bislang ist Simnett vor allem für ihre Skulpturen und Videoinstallationen bekannt – für Letztere arbeitet sie mit Robbie Ryan zusammen, dem Kameramann von Regiestars wie Ken Loach, Andrea Arnold und Yorgos Lanthimos.
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Simnetts bekannteste Videoarbeit, „The Severed Tail“, erlebte ihre Weltpremiere im Jahr 2022 auf der Biennale von Venedig und wird in Brühl in einem mit Warnhinweis versehenen Kabinett gezeigt. Sie beginnt mit der Aufnahme eines Ferkels, dessen Schwanz kupiert wird und vor Schmerz davonrast. Anschließend verwandelt es sich in eine Frau, die, als Schweinchen verkleidet, in die Welt der Pup-Player gerät, also von Menschen, die sich in Rollenspielen als Welpen verkleiden. Bei Simnett nimmt die Handlung rasch eine Wendung ins Herr-und-Hündische, allerdings spielen dabei nicht nur sadomasochistische Motive (und Missbrauchserfahrungen) hinein, sondern, so Simnett, auch die Vorstellung, dass manche Menschen in einer Welt, in der Tiere massenhaft gequält werden, lieber gequälter Hund als quälender Herr sein wollen – jedenfalls in einem sicheren Raum.

Marianna Simnetts The Severed Tail ist jetzt im Max-Ernst-Museum Brühl zu sehen.
Copyright: Courtesy the artist und Société, Berlin
Obwohl aufwendig produziert, wirkt dieses Video so laienhaft gespielt und inszeniert wie das Märchen „The Bird Game“, in dem eine (echte) Krähe eine Gruppe von Kindern zu Sexspielen „verführt“, oder „Prayers for Roadkill“, ein grotesker Animationsfilm, in dem Simnett totgefahrene und ausgestopfte Tiere wieder zu einem monströsen Leben erweckt. Es sind in jeder Hinsicht unangenehme Filme, und wären sie im herkömmlichen Sinne gekonnt, wäre Simnett wohl zu Recht der Überzeugung, sie hätte etwas falsch gemacht. Wie bei der Videokünstlerin Mika Rottenberg steht das Trashige hier für Wahrhaftigkeit. Kein schöner Schein schiebt sich zwischen die Betrachter und die Erzählungen von Tod, Leid und (angedeuteten) Missbrauchserfahrungen.
Wie die Grimmschen Märchen stecken die griechischen Mythen voller Schrecken – und zudem voller grausamer Götter in Tiergestalt. Simnett lässt in ihren Werken keinen Zweifel daran, dass wir Menschen die neuen Götter einer grausamen, von uns selbst geschaffenen Wirklichkeit sind, wobei es in der Natur der antiken Sagen liegt, dass diese Grausamkeit bei ihr vor allem Frauen trifft. Auch hier ist Simnett weniger an Anklagen interessiert, wie sie sagt, als daran, die alten Mythen „kollabieren“ zu lassen, etwa mithilfe Künstlicher Intelligenz. In einer KI-Animation verwandelt sich Simnett sowohl in Leda als auch in den Schwan (ihr Arm ist der Hals, ihre Hand der Schnabel), was aus der Vergewaltigung möglicherweise einen Akt der Selbstbefriedigung macht. Aber so schnell und gespenstisch, wie die Bilder in sich zusammenfallen und neu entstehen, lässt sich das kaum beurteilen.
Am Ende trägt man seinen Kopf voller wunderlicher Gedanken nach Hause
Auf diese Weise zähmt Simnett immer wieder aufs Neue die tierischen Götter und die alten frauenfeindlichen Erzählungen, ohne sich deswegen von den surrealistischen Idealen einer heilsamen Unvernunft zu lösen. Sie bildet Kronen aus unzähligen kleinen Plastiktierfiguren, lässt sie in Bronze gießen, bettet sie auf Samt – und benennt sie nach „berüchtigten“ Verführerinnen antiker und biblischer Überlieferungen. Sie spielt in einer weiteren KI-Animation die göttliche Athene, Erfinderin der Doppelflöte, die dafür verspottet wird, wie hässlich sich ihre Backen beim Spiel aufblasen. Und sie setzt einer reich geschmückten Frauenbüste eine mittelalterliche Schandmaske auf – und lässt sie mit gespaltener Zunge scheinbar für ewig schreien.
Abermals betont Simnett die Uneindeutigkeit: Bleibt die Frau stumm oder verschafft sie sich Gehör? Und warum ist die Büste gestaltet wie ein Reliquiar? Bei den bunten Wippen und Schaukeln in Gestalt von Plüschtieren, weiß man ebenfalls nicht, wie man sie finden soll – schon, weil in ihnen weitere Menschen stecken. Am Ende trägt man seinen Kopf voller wunderlicher Gedanken aus der Ausstellung; viel mehr konnten sich auch die alten Surrealisten nicht erhoffen.
Am Ausgang steht immer noch der geile Schwan und macht sich über die Hyäne her. Wenn wir die surrealistische Dialektik der Aufklärung richtig verstanden haben, stecken wir, die Menschen, in beiden Tierkostümen.
„Headless – Marianna Simnett“, Max-Ernst-Museum des LVR, Comesstr. 42, Brühl, 31. Januar bis 5. Juli 2026. Eröffnung: Freitag, 19 Uhr, Katalog: 29 Euro.

