Das Museum Morsbroich wird 75 Jahre alt. Rückblick auf ein Haus, das lange zur Identität der „Zukunftsstadt“ Leverkusen gehörte
75 Jahre Museum MorsbroichScience-Fiction im alten Lustschloss

Wasser einer Fontäne spritzt in Leverkusen vor dem Museum Morsbroich aus dem Boden.
Copyright: Foto: Oliver Berg/dpa
Alle Gedanken über Kunst sind verflogen, schrieb 1969 ein nach Leverkusen gereister Kritiker, stattdessen finde man sich in einer Science-Fiction-Welt wieder. Statt Bilder an die Wände zu hängen, hatte HA Schult das Museum Morsbroich in ein „biokinetisches“ Labor verwandelt, mit Pilzen und Bakterien, die, frohlockte der Kritiker, bald alles überwuchert haben würden. Am Ende wurde es apokalyptisch: „Ich stelle mir vor, wie ein seltener Erreger, der von einem Besucher eingeschleppt wurde, in einer Ecke eine Flora und ein Klima vorfindet, die seine explosive Vermehrung begünstigen.“
Schade wäre es um das zum Museum umgewidmete Rokokoschloss schon gewesen. Aber schließlich hatte es die Stadt Leverkusen nicht anders gewollt. Am 27. Januar 1951, vor bald 75 Jahren, hatte sie ihr Museum für Gegenwartskunst eröffnet und dieser damals verwegenen Idee ihr schönstes Haus geopfert – ein ehemaliges Jagd- und Lustschloss, in dem der Kölner Künstler HA Schult mit zehn Zentnern Kartoffelpüree, Blaualgen und animierendem Licht einen „Krieg der Mikroben“ inszenierte. Mit dieser Science-Fiction war Morsbroich seinen großen Nachbarstädten wieder einmal um einige Zeit voraus.
Leverkusen bot im Rheinland Science-Fiction statt Alter Meister
Vermutlich haben die Leverkusener Stadtväter im Jahr 1951 nicht geahnt, worauf sie sich mit ihrer Pioniertat einließen und dass sich die Gegenwartskunst einmal jemanden wie HA Schult ausdenken würde. Aber mutig und wegweisend war der Schritt damals allemal, betont auch Fritz Emslander, kommissarischer Direktor des Museums. „Die Gründung war Teil einer Vorwärtsstrategie, zugleich wollte man die in der NS-Zeit verfemte Kunst wieder ins Recht setzen. Gemeinsam mit Krefeld war Leverkusen darin seiner Zeit voraus. In den großen Nachbarstädten Köln und Düsseldorf wurden bis in die 1960er Jahre hinein vor allem Alte Meister und Klassiker gezeigt.“
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Leverkusen sollte stattdessen ein Ort für „ständige Ausstellungen lebender Künstler“ sein, so der Landrat Wilhelm Dombois, ein Museum für „alle Kunstrichtungen“, ohne „Voreingenommenheit und einseitige Bevorzugung“. Unter seinem ersten Direktor Curt Schweicher war die Science-Fiction noch erdverbunden, etwa mit Ausstellungen zu Anton Räderscheidt, „Schweizer Grafik der Gegenwart“, Robert Delaunay und der expressionistischen Sammlung Josef Haubrichs. Erst mit seinem Nachfolger Udo Kultermann hob das Museum ab: „Monochrome Malerei“ war 1960 eine weitere Pioniertat, die erste Ausstellung, die sich an diese neue „kunstlose Kunst“ im großen Stil herantraute; 1962 war dann Lucio „der Schlitzer“ Fontana mit seiner bis dahin umfangreichsten Werkschau in Leverkusen zu Gast. Legendäre Zeiten, an die Rolf Wedewer 1969 mit der ersten Ausstellung zur Konzeptkunst in Europa anschloss.

HA Schult 1969 in seiner Leverkusener Ausstellung „Biokinetische Situationen“
Copyright: Wolf Huber
Was hatte Leverkusen, was Köln und Düsseldorf damals nicht hatten? Thekla Zell, Kuratorin in Morsbroich, meint: die Jugend. „Leverkusen wurde erst 1930 gegründet und empfand sich immer als Zukunftsstadt. Insofern gab es eine starke Identifikation mit der Idee, ein Museum für Gegenwartskunst zu schaffen. Zugleich gab es dagegen auch immer starke Widerstände – bis heute.“ Vor zehn Jahren wurden diese Widerstände in einer Studie der Unternehmensberatung KPMG sogar schriftlich festgehalten. Auf der Suche nach „Einsparpotenzialen“ empfahl sie der Stadt, das Museum zu schließen, und mutmaßte, dies würde „in breiten Teilen der Leverkusener Bevölkerung nicht als tatsächlicher Verlust“ wahrgenommen werden.
In der rheinischen Kunstszene und auch in der Leverkusener Bürgerschaft regte sich gleichwohl massiver Widerstand gegen die Schließungspläne. Mittlerweile sei das KPMG-Gutachten in Leverkusen kein Thema mehr, so Emslander, was auch daran liege, dass sich die Haushaltslage der Stadt zwischenzeitlich entspannt hatte. Sicherlich liegt es auch daran, dass der derzeit erkrankte Direktor Jörg van den Berg das Museum wieder näher an die Stadtgesellschaft rückte. „Wir müssen aus dem alten System ausbrechen, das immer nur die glücklichen Wenigen bespaßt“, sagte er bei seinem Antritt und ließ auf seine Grundsatzkritik am elitären Museumsbetrieb dann auch Taten folgen. Für die Jubiläumsschau zum 70-jährigen Bestehen des Hauses lud er sämtliche Mitarbeiter ein, ihre Lieblingswerke aus der Sammlung auszuwählen und ohne großes Dreinreden der professionellen Kuratoren in einem jeweils eigenen Raum zu präsentieren.
Heute setzt Morsbroich auf Dialog und den Geist des Ortes
Vielleicht genügt es heute in Leverkusen tatsächlich nicht mehr, einfach nur gute Ausstellungen zur Gegenwartskunst zu machen – Zukunftsstadt hin oder her. In den 1980er Jahren erwachte die Konkurrenz in Köln, Düsseldorf und anderswo im Rheinland aus ihrem langen Schlaf, von der einstigen Sonderstellung bleibt in Morsbroich nur noch die Erinnerung an überregionale Kunstereignisse wie „Franz von Lenbach und die Kunst heute“ unter Gerhard Finkh oder spektakuläre Einzelausstellungen zu Hans Op de Beeck, Francis Alÿs oder Michael Schmidt aus der Amtszeit von Markus Heinzelmann.
Stattdessen setzt das Museum Morsbroich stärker auf Dialog, einen offenen, aber weiterhin anspruchsvollen Kunstbegriff und den Geist des eigenen Hauses. „Das Schloss mit seiner besonderen Architektur ist für uns ein großer Vorteil“, sagt Thekla Zell. „Gerade Künstler sehen diesen speziellen Ausstellungsort als Ansporn und suchen Lösungen für die Räume. Morsbroich war von Anfang an ein Ort des Experiments. Hier trifft Historie auf Gegenwart, gibt es einen Clash der Jahrhunderte.“
Das Museumsschloss nimmt auch bei den Feierlichkeiten zum 75-jährigen Bestehen eine Hauptrolle ein. Unter dem Motto „Morsbroich bewohnen“ sind die Räume der Beletage vom 22. Januar bis 8. Februar „kunstleer“ und können möbliert mit ein paar Klassikern des 20. Jahrhunderts besucht werden. Zwischen dem 9. und 25. Februar wird die neue Ausstellung dann von den beteiligten Künstlern aufgebaut; das Publikum ist eingeladen, ihnen dabei zuzusehen. Am 1. März wird „Chained to the Rhythm – Von Mensch und Natur“ schließlich eröffnet – zu den Gästen sollen laut den Kuratoren auch „Sonnenlicht, Wind und Wetter, Pflanzen und Tiere, außergewöhnliche Werke und ungewöhnliches Verhalten“ zählen.

