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PollenallergieWarum sie sich auch im Rheinland immer mehr ausbreitet

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Ein Mann mit Heuschnupfen und Taschentuch vor seiner Nase steht neben einem blühenden Strauch.

Rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Pollenallergie.

Heuschnupfen galt lange als lästige Befindlichkeit. Tatsächlich wächst er sich zur Volkskrankheit aus — befeuert vom Klimawandel, von invasiven Pflanzen und einem Immunsystem, das zu früh vor allem geschützt wird.

Am Ende handelt es sich um einen Irrtum. Um eine Überreaktion. Als würde in unserem Körper ein Teenager wohnen, dessen Nerven blank liegen und der alle verfügbaren Abwehrmechanismen auffährt, nur weil man ihn gebeten hat, seine schmutzigen Socken in den Wäschekorb zu legen oder eine Tomate zu essen. Harmloses wird als feindlicher Angriff identifiziert. Im Falle der Pollenallergie sind die Auslöser ungefährliche Eiweißverbindungen im Blütenstaub, die den Körper zum Gegenschlag motivieren. Einmal als Eindringling identifiziert, setzen Mastzellen im Körper Histamine frei — Entzündungsstoffe, die Schleimhäute anschwellen lassen, Augen reizen und den Körper in einen Zustand permanenter Abwehrbereitschaft versetzen. Warum manche Menschen Antikörper gegen Pollen bilden und trotzdem keine Allergie entwickeln, bleibt wissenschaftlich ungeklärt. Was aber klar ist: Wer eine Pollenallergie hat und sie nicht behandelt, riskiert weit mehr als eine rinnende Nase.

Rund zwölf Millionen Deutsche leiden an Pollenallergie, weltweit sind es mehr als 400 Millionen. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass mehr als 20 Prozent der Kinder und über 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland mindestens eine Allergie im Leben entwickeln. Die chronische Krankheit verursacht in der EU jährlich einen wirtschaftlichen Schaden von 100 Milliarden Euro, allein in Deutschland gehen eine Million Fehltage pro Jahr auf das Konto des Heuschnupfens. Jede zehnte Krankschreibung hat eine allergische Ursache.

Denn beim Schnupfen bleibt es oft nicht. „Wer eine Pollenallergie hat, kann im Verlauf auch eine Beteiligung der unteren Atemwege entwickeln", sagt Dr. Marc Schönherr, Hausarzt und Allergologe in Köln-Rondorf im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Erst läuft vielleicht nur die Nase und die Augen tränen. Bei einem Teil der Betroffenen kommen später weitere Beschwerden wie Halsschmerzen oder ein Unwohlsein im Brustkorb hinzu. Im ungünstigen Fall kann sich ein Asthma bronchiale entwickeln."

Allergologe Dr. Marc Schönherr ist im Porträt zu sehen, er lächelt in die Kamera.

Der Kölner Allergologe Marc Schönherr hat eine gute Nachricht: Die Diagnostik hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt.

Und diese chronische Entzündung der Atemwege kann Risiken bergen. Was als nasale Lappalie begann, führt dann unbedingt zum Arzt. Treten Husten, Engegefühl in der Brust oder Luftnot auf, sollte das ärztlich abgeklärt werden.

Die Pollenallergie hat längst auch eine ökologische Dimension. Steigende Temperaturen verlängern die Vegetationsperiode, Frühblüher wie Hasel und Erle stäuben mitunter schon im Januar, während Gräser- und Brennnesselpollen noch im Herbst durch die Luft treiben. Beate Müller, Professorin für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Köln, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Mit dem Klimawandel und dem damit verbundenen allgemeinen Temperaturanstieg startet die Pollensaison früher im Jahr. Außerdem dehnt sich die Vegetationsperiode länger aus. Insgesamt bedeutet das, dass mehr Menschen von Allergien betroffen sind und viele schwerer als früher.“ Die Entwicklung werde sich fortsetzen. Schon schätzt die Weltgesundheitsorganisation, dass bis zum Jahr 2050 jeder Zweite von Allergien betroffen sein wird.

Invasive Arten wie Ambrosia können Kreuzallergien auslösen

Zur Verlängerung des Leidenskalenders gesellt sich eine geografische Verschiebung. Pflanzenarten, die einst auf bestimmte Klimazonen beschränkt waren, breiten sich aus und bringen neue Allergene mit. Besonders alarmierend ist dabei Müller zu Folge die Ambrosia, das Beifußblättrige Traubenkraut, eine nordamerikanische Pflanze, die sich in Europa ausbreitet. „Sie löst auch bei uns vermehrt Allergien aus, kann vorhandene verstärken oder zu Kreuzreaktionen führen."

Ein weiteres Problem in den Städten sind Schönherr zu Folge auch die Platanen, „die im urbanen Raum häufig gepflanzt werden und lokal relevant sein können“. Müller hat Balkone und Vorgärten im Visier: „Auch Olivenbäume, die ja nun auch gern im Rheinland in den Gärten angepflanzt werden, sind in diesem Zusammenhang gar nicht so ungefährlich.“ Und der städtische Lebensraum potenziert die Risiken noch auf andere Weise. Stickoxide und Feinstaub greifen die Schleimhäute an, machen sie durchlässiger für Allergene. Weil sie die Struktur der Pollen selbst verändern, erhöhen sie ihre allergene Wirkung

Wer nach weiteren Ursachen der vermehrten Krankheitslast sucht, stößt auf ein Paradoxon: Je sauberer, desto kranker. In den Industrieländern sind durch verbesserte Hygienebedingungen Parasiten und viele Krankheitserreger verschwunden. Das Immunsystem, einst damit beschäftigt, echte Bedrohungen abzuwehren, stürzt sich nun auf harmlose Pollen und Nahrungsmittel. Studien belegen außerdem, dass die Vielfalt des Mikrobioms entscheidend ist: Je bunter die Zusammensetzung der Darmbakterien, desto geringer das Risiko, eine Allergie zu entwickeln. Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, in der Erde wühlen, mit Tieren in Kontakt kommen, erkranken seltener — ihr Immunsystem lernt durch Konfrontation, nicht durch Abschirmung.

Die Corona-Pandemie hat diesem natürlichen Schutzmechanismus Müller zu Folge erst recht einen Riegel vorgeschoben: „Die Pandemie, bei der Kinder ja wochenlang in geschlossenen Räumen bleiben sollten und zusätzlich immer alles desinfiziert wurde, war da eher abträglich." Die Folgen dieser erzwungenen Keimfreiheit dürften die Allergiestatistiken der kommenden Jahre noch nach oben treiben.

Auch die Genetik spielt eine Rolle: Kinder von Allergikern sind häufiger betroffen

Auch die Genetik spielt eine Rolle: Haben beide Elternteile Allergien, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind erkrankt, auf 50 bis 70 Prozent. Forschende am Berliner Max Delbrück Center haben in einer großen Studie herausgefunden, dass das Risiko für Heuschnupfen, Asthma und allergisches Ekzem genetisch gekoppelt ist — wer das eine erbt, erbt häufig auch die Anlage für das andere. Sogar die Geburt per Kaiserschnitt erhöht nachweislich das spätere Allergierisiko, weil das Kind beim Durchtritt durch den Geburtskanal entscheidende Bakterien aufnimmt, die sein Immunsystem prägen.

Was tun, wenn man betroffen ist? Eine erste Maßnahme ist die Reduktion der Pollenbelastung, betont Allergologe Marc Schönherr: „Hilfreich sind angepasstes Lüften, idealerweise mit einem Pollenschutzgitter und das Waschen der Haare am Abend, damit möglichst wenig Pollen ins Schlafzimmer gelangen.“ Zudem rät der Mediziner: „Wenn die Pollenapp auf dem eigenen Smartphone vor einer hohen Pollenbelastung warnt, vermeiden Sie Aktivitäten im Freien. Bei starker Einschränkung der Lebensqualität nutzen Sie einen Mundnasenschutz.“ Diese kurzfristige Abhilfe sollte keinesfalls das Gespräch in der hausärztlichen Praxis ersetzen, sagt Schönherr. 

Bei Starkregen und Gewitter sollten Allergiker besonders vorsichtig sein: Unter bestimmten meteorologischen Bedingungen zerplatzen Pollenkörner in kleinste Bestandteile, die tief in die Lunge eindringen und schwere Asthmaanfälle auslösen können. Antihistaminika und Kortisonpräparate lindern zuverlässig die akuten Beschwerden. Allgemeinmedizinerin Beate Müller empfiehlt sie: „Das kann man ruhig einnehmen, wenn der Hausarzt dazu rät. Manche machen müde, aber die erfüllen dann abends ihren Zweck. Auch Nasensprays mit Cortison und Asthmasprays können helfen.“

Die einzige etablierte Therapie, die ursächlich ansetzt, ist die Allergenimmuntherapie, darauf weist Schönherr hin. „Das Prinzip: Das Immunsystem wird in kontrollierter Form wiederholt mit dem Allergen konfrontiert, um die allergische Reaktion langfristig erheblich abzumildern. Die Behandlung dauert in der Regel mindestens drei Jahre; sie kann Symptome und Medikamentenbedarf deutlich reduzieren, die Lebensqualität erheblich verbessern und Folgeerkrankungen verhindern.“ Die Wirksamkeit ist bei geeigneten Patienten gut belegt, so Schönherr. Nach einer ausreichend langen Behandlung halte der Effekt bei vielen Betroffenen auch über Jahrzehnte nach Therapieende an.

Müller hebt hervor, dass sich die Therapiemöglichkeiten erweitert haben: „Neben den Spritzen unter die Haut gibt es seit einiger Zeit auch die Möglichkeit, Tabletten zu nehmen. Das ist gerade für Kinder häufig angenehmer.“

Eine gute Nachricht betrifft auch die Diagnostik, die sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt hat. „Neben einer ausführlichen Anamnese, Pricktest und nasaler Provokationstestung kann heute in ausgewählten Fällen die komponentenbasierte Diagnostik zusätzliche Informationen liefern. Wir können durch bessere Bluttests die Diagnostik um ein wertvolles Puzzlestück ergänzen, seltene Allergene besser detektieren und Therapien gezielter planen“, sagt Marc Schönherr. Ein erheblicher Fortschritt — mit einem Haken: „Was bleibt ist, dass es gerade für sehr seltene Allergien schwieriger ist, passende Testlösungen und insbesondere rechtzeitig lieferbare Therapielösungen zu bekommen. Der traurige Grund: Es lohnt sich für die Hersteller nicht."