Vor dem Derby gegen Mönchengladbach erklärt der FC-Coach, warum es „hysterisch“ wäre, ihn zu entlassen – das wird ihn im Fall der Fälle nicht retten.
Vor Derby gegen MönchengladbachKwasniok warnt FC vor Trainerentlassung

Lukas Kwasniok hat seine Mannschaft zuletzt stabilisiert, doch nun braucht er dringend Ergebnisse.
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Lukas Kwasniok hat den Ton schon vor einer Woche gesetzt. Vor dem Spiel beim Hamburger SV sagte der Trainer, was er davon hielte, ihn nach einer Niederlage zu entlassen. Es sei wichtiger, auf Leistung zu schauen, „als in Hysterie zu verfallen“. Eine Selbstpositionierung, die Gelassenheit ausstrahlen sollte – und klarstellte, was zumindest er nach den Monaten voller Niederlagen mit dem 1. FC Köln nicht ist: hysterisch.
Wer ihn entlässt, handelt also hysterisch. Kwasniok neigt dazu, seine Lage selbst zu definieren – offenbar, um im Chaos einer Bundesligasaison ein Gefühl von Kontrolle zu gewinnen. In derselben Pressekonferenz brachte Kwasniok ein Argument vor, das er sich für den Anlass notiert hatte: Von den Klubs in der unteren Tabellenhälfte haben vier den Trainer gewechselt, fünf nicht. Die Wechsler, sagte er, seien jene gewesen, die überrascht waren, im Abstiegskampf zu stecken – Augsburg, Bremen, Wolfsburg, Gladbach. Die anderen – St. Pauli, Hamburg, Heidenheim, Union, Köln – seien in die Saison gegangen, „wohl wissend, um was es geht“. Man habe also gemeinsame Erwartungen formuliert und Ziele gesetzt. Und solange diese Ziele in Reichweite seien, so argumentierte Kwasniok, „solltest du dein Augenmerk darauf legen, das gemeinsam zu schaffen“.
Wir werden das Ding drehen.
Wer ihn also entlasse, der handele nicht nur hysterisch. Sondern angesichts der gemeinsam vereinbarten und noch nicht nachweislich verpassten Ziele zudem unsolidarisch.
Das alles ist inhaltlich nicht falsch, Trainerwechsel im Abstiegskampf sind kein verlässliches Mittel. In Köln ist Hysterie allerdings ein strukturelles Merkmal des Standorts. Das wird Kwasniok vorerst nicht verändern können, selbst wenn er nicht der erste Trainer ist, der den Traditionsklub als tendenziell überhitzt wahrnimmt. Zumal die Bundesliga ein System ist, das von Aufregung lebt. Thomas Kessler wird also kaum davor zurückschrecken, seinen Trainer freizustellen, nur weil er sich sorgt, er könne als Teil eines hysterischen Systems wahrgenommen werden.
Dabei ist Kwasnioks fußballerische Kompetenz unbestritten. Er ist fleißig, taktisch präzise, mit einem ausgeprägten Blick für Leistung und Entwicklung einzelner Spieler. Zuletzt hat er mehrfach dieselbe Formation mit nahezu identischer Aufstellung spielen lassen. Für einen Trainer, dem in früheren Phasen der Saison Wechselhaftigkeit nachgesagt wurde, ist das ein Signal: Er scheint zur Ruhe zu kommen – gerade jetzt, in der drängendsten Phase der Saison.

Prominenz auf der Bank: Luca Waldschmidt, Linton Maina, Florian Kainz (v.l.)
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Doch das Bild hat Risse. Aus seinem Umfeld ist zu hören, dass Kwasniok zwar authentisch wahrgenommen werde – aber nicht immer ehrlich. Das Vertrauen in ihn als Person sei nicht so groß, wie man angesichts seiner offenen Art erwarten würde. Hinzu kommt, dass er Führungsspieler wiederholt vor den Kopf gestoßen hat. Linton Maina war einer der Aufstiegshelden, wurde aber zeitweise ausgebootet. Florian Kainz und Dominique Heintz, zwei Profis mit Erfahrung, Gefühl für die Kabine und Verbindungen in die Fanszene, schafften es mehrfach nicht in den Kader. Kwasniok attestierte Cenk Özkacar zunächst „Ganzkörperkrämpfe“ für den Fall eines Einsatzes über 90 Minuten – später erklärte er den Verteidiger zum Ganzkörpermuskel, der entscheidend sei für seine Abwehr.
Isak Johannesson, Marius Bülter – die Liste derer, deren Leistungen von ihrem Trainer öffentlich kritisiert wurden, ist lang. Die persönlichen Verletzungen, die dabei entstanden sind, verschwinden nicht so schnell, wie Kwasniok annimmt. Das ist das Paradox seiner Lage: überzeugend in der Außendarstellung, stark im taktischen Detail, authentisch im Auftreten – und trotzdem hat er in der Kabine Kapital verloren, das schwer zurückzugewinnen ist. Teile der Öffentlichkeit sehen den Trainer ohnehin kritisch seit Tag eins.
Die Gleichung ist nicht gelöst
Die Heimsiege über Mainz 05 und Wolfsburg, zuletzt das 1:1 beim HSV – sie haben ihm geholfen. Das Remis in Hamburg bedeutete einen Punkt, der sich nach mehr anfühlte – jedenfalls für den, der die Partie im Stadion verfolgte: ein Auswärtsspiel vor der gewaltigen Kulisse eines Traditionsvereins, der kurz davor stand, den Klassenerhalt perfekt zu machen. Nach dem Spiel wirkte Kwasniok locker, fast befreit. Angesichts der Leistung durfte er zufrieden sein.
Doch der Punkt hat die Gleichung nicht gelöst. Er hat sie verschoben. Zunächst hatte es geheißen, in Hamburg sei vor allem die Leistung wichtig, das Ergebnis eher nachrangig. Nun ist der Auftrag klarer geworden, ohne dass ihn jemand ausgesprochen hätte: Im Derby zählt nur das Ergebnis – nur der Sieg. Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach, Abstiegskampf, direkte Konkurrenz. Und eine Rivalität, die im Rheinland eine eigene Schwerkraft hat. Da wird ein Punkt erreicht, an dem nicht mehr differenziert wird. Erst mit dem Schlusspfiff wird sich entschieden haben, ob es für Kwasniok ein Endspiel war – oder ob es weitergeht, mit weiteren potenziellen Endspielen.
Für Kwasniok ist das alles kurioserweise eine beinahe ideale Konstellation. Dass seine Mannschaft das Hinspiel in Mönchengladbach sang- und klanglos verlor, bedeutet keinen Gegenbeweis. Damals reiste Köln nach einem 4:1-Heimsieg über Hamburg als Tabellen-Siebter in den Borussia-Park. Für Kwasniok war das beinahe zu komfortabel. Nun hat er den Druck, den er braucht. Das ist das Terrain, auf dem sein Modus – Aufbruch, Energie, Zusammenhalt – am stärksten ist.
Zugleich aber am verletzlichsten. Seit Monaten trägt der Trainer die Erzählung vor sich her, dass die Leistungen seiner Mannschaft sich bald in Ergebnissen niederschlagen würden. Nach dem 0:2 in Augsburg hatte er einen Heimsieg über Borussia Dortmund zum Plan erklärt. Nach der Niederlage gegen Dortmund hatte er dann versprochen: „Wir werden das Ding drehen.“ Vor dem Spiel in Hamburg hatte er angekündigt, dass der Wind sich drehen werde, „die Frage ist halt immer nur: wann.“ Das war als Ermutigung gemeint. Die Ruhe, mit der Kwasniok zuletzt auftrat, zeigte: Der Glaube ist nach wie vor stark.
Doch nach Samstag wird er Schwierigkeiten haben, seine Erzählung vom unmittelbar bevorstehenden Erfolg aufrechtzuerhalten. Er könnte recht behalten – dass nach einer Derbypleite beim 1. FC Köln Hysterie ausbräche.

