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LVR-KlinikBonner Stottertherapie und Kinderneurologie scheinen gerettet zu sein

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Bonn, B4 in der LVR Klinik. Küchenbrand.

Foto: Matthias Kehrein

Die Stottertherapie und das Kinderneurologische Zentrum drohten geschlossen werden zu müssen.

Noch stehen formale Schritte aus. Doch vieles spricht dafür, dass ein bundesweit beinahe einzigartiges Angebote in Bonn bleiben kann – und dass die große Welle der Unterstützung Wirkung gezeigt hat.

Die geplante Schließung der Kinderneurologie und der bundesweit renommierten Bonner Stottertherapie hatte Familien, Fachleute und Betroffene in tiefe Sorge gestürzt. Doch nun sieht es so aus, als würden beide Abteilungen erhalten bleiben. Das NRW‑Gesundheitsministerium teilt auf Anfrage des Kölner Stadt-Anzeiger mit, man habe die Stellungnahme der LVR‑Klinik im Rahmen der Anhörung geprüft – und habe entschieden, dass der Landschaftsverband sowohl die Stottertherapie als auch das Kinderneurologische Zentrum künftig als „besondere Angebote“ weiterführen könnten. Die entsprechenden Zuwendungsbescheide seien bereits in Arbeit.

Noch vor kurzem schien ein Ende unausweichlich: Die neurologische Neuaufstellung der Krankenhausplanung NRW sah vor, dass Menschen mit neurologischen Erkrankungen künftig überwiegend in somatischen Akuthäusern behandelt werden sollen. Der LVR hatte deshalb schon 2024 angekündigt, den gesamten neurologischen Versorgungsauftrag am Standort Bonn aufzugeben. Unter die Räder geraten wären dabei fast auch die spezialisierte Kinderneurologie sowie die Stottertherapie, obwohl diese von der Strukturreform eigentlich gar nicht betroffen hätten sein sollen.

Die Verunsicherung war immens. Fachleute wie die Bonner Psychotherapeutin Julia Richter sprachen im Gespräch mit dieser Zeitung von einer „lebensnotwendigen Rettungsinsel“ für Kinder mit komplexen Entwicklungsstörungen. 5500 Menschen unterschrieben eine Petition zum Erhalt der KiNZ, fast 50.000 setzten sich für die Stottertherapie ein.

Ich stottere noch immer, aber ich kann es ohne zu weinen.
Sherin Hamo, ehemalige Patientin der Bonner Stottertherapie
Eine junge Frau guckt in die Kamera.

Sherin Hamo hat von der Therapie sehr profitiert und eine Petition für deren Erhalt gestartet.

Wie existenziell das Angebot ist, zeigt das Beispiel der Bonnerin Sherin Hamo, 30. Nach einer transitorischen ischämischen Attacke hatte sie ihr Leben kaum noch bewältigen können. „Ich habe das Haus nicht mehr verlassen, konnte mich nicht mehr unterhalten, habe mich komplett isoliert“, erzählt Hamo dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Die stationäre Begleitung in der Bonner Stottertherapie hat mich wieder ins Leben zurückkommen lassen.“

Ministerium und LVR hatten sich gegenseitig Versäumnisse vorgeworfen

Über Wochen übten die Patienten Situationen, die für andere selbstverständlich sind: Menschen ansprechen, telefonieren, nachfragen, aushalten, dass jemand genervt reagiert oder auflegt. „Sprache ist Macht“, sagt Hamo. „Wer stottert, erlebt dagegen oft Ohnmacht.“ Die Therapie habe sie desensibilisiert, gestärkt, ihr Selbstvertrauen zurückgegeben. Die Friseurmeisterin hat sogar wieder Hoffnung geschöpft, bald doch wie schon vor ihrer Erkrankung geplant als Dozentin an der Berufsschule zu arbeiten. „Ich stottere noch immer, aber ich kann es ohne zu weinen.“

Dass dieses Angebot nun erhalten bleiben soll, „zeigt, dass Leid ernst genommen wird und fachliche, menschliche Arbeit Bestand hat“. Sie sei sehr stolz und froh, dass Menschen eine Stimme erhalten haben, die lange um Gehör hätten kämpfen müssen.

Zuvor hatten sich LVR und Ministerium gegenseitig Versäumnisse vorgeworfen. Der LVR erklärte, man benötige „abrechnungssichere Rahmenbedingungen“ und im Falle einer Rettung einen Dreiecksvertrag zwischen Ministerium, LVR und den Landesverbänden der Krankenkassen, damit die Teilleistungsbereiche weiter abgerechnet werden könnten. Das Ministerium sah dafür keinen Bedarf. Der Verband warnte vor einer drohenden Versorgungslücke, das MAGS dagegen betonte, der LVR müsse nicht bereits zum 31. März 2026 schließen – dies sei eine „reine Trägerentscheidung“.

In der Auseinandersetzung schien sich das Fenster für eine Lösung zunächst zu schließen. Doch jetzt folgt die überraschende Wende. Die LVR-Klinik Bonn will sich auf Anfrage erst dann äußern, wenn entsprechende Bescheide auch angekommen sind. 

Für Betroffene wie Sherin Hamo ist das mehr als nur eine gute Nachricht. Es ist die Zusage, dass ein Stück Chancengleichheit erhalten bleibt. Viele Familien, die in den letzten Wochen um die Zukunft ihrer Kinder bangten, können vorerst aufatmen.