Stottertherapie und stationäre Kinderneurologie könnten schon bald ohne Teams dastehen – obwohl beim Ministerium noch gar keine finale Entscheidung gefallen ist.
Patienten besorgtZukunft der Bonner Stottertherapie ist ungewiss

Die Bonner Stottertherapie bietet Hilfe für Menschen zum Teil aus dem gesamten Bundesgebiet.
Copyright: Foto: Michael Bause
Gleich zwei spezialisierte Abteilungen der LVR‑Klinik Bonn stehen vor einer ungewissen Zukunft. Ende März könnten die Stottertherapie und die stationäre Kinderneurologie ohne Personal dastehen – oder ganz verschwinden. Dabei reisen Familien aus dem ganzen Bundesgebiet nach Bonn, weil die Klinik eines der wenigen Zentren ist, die sowohl komplexe kinderneurologische Fälle als auch intensive Stotterbehandlungen über längere Zeiträume stationär abdecken können. Geistig behinderte Mädchen, Jungen mit Epilepsien, Babys mit schweren Hirnentzündungen, Jugendliche, die keinen Hauptsatz artikulieren können: Wer hierherkommt, ist anderswo oft schon abgewiesen worden und braucht dringend Hilfe.
Nun gerät das Fundament dieser Hilfe ins Wanken. Hintergrund ist das Krankenhausplanungsverfahren, das die Behörden seit Monaten beschäftigt und strukturelle Vorgaben macht: Nach dem Krankenhausplan sollen Menschen mit neurologischen Erkrankungen möglichst in somatischen Akuthäusern behandelt werden, wo im Fall von Komplikationen Intensivstrukturen verfügbar sind. Die Zuweisung an psychiatrische Häuser – wie in Bonn – war ohnehin nur bis Ende 2026 befristet. Unabhängig vom LVR‑Rückzug wäre ein Planungsverfahren also ohnehin angelaufen. Doch nun geraten Angebote in Gefahr, die gar nicht im Fokus dieser Strukturreform standen.
Wichtiges Detail ist in der Kommunikation wohl untergegangen
Ausgelöst wurden die Ereignisse nach Aussage des Ministeriums allerdings durch eine Entscheidung des Trägers selbst: Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) hatte bereits 2024 mitgeteilt, den neurologischen Versorgungsauftrag am Standort Bonn aufgeben und an das Gemeinschaftskrankenhaus Bonn abgeben zu wollen. Die Bezirksregierung Köln habe daraufhin tätig werden müssen, schreibt das Ministerium. Ein wichtiges Detail ist in der Kommunikation damals aber offensichtlich untergegangen: Stottertherapie und kinderneurologisches Zentrum wollte die LVR-Klinik sehr wohl weiterbetreiben. Vom LVR ist zu hören, man habe einen entsprechenden Antrag im September vergangenen Jahres ans Ministerium nachgeholt. Im Dezember habe man dann eine Ablehnung erhalten: „Die Aufnahme eines abgegrenzten Versorgungsauftrages wird nicht für sachgerecht erachtet und ist mit Blick auf das sonst zu leistende Versorgungsspektrum nicht im Sinne des Krankenhausplans Nordrhein-Westfalen 2022“, so der Wortlaut seitens des Ministeriums.
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Anhörung läuft noch, Patienten wird aber schon abgesagt
Auf eine Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ antwortet das Ministerium zunächst, der LVR habe die Möglichkeit, sein „Anliegen rund um die Stottertherapie und um das Kinderneurologische Zentrum mitzuteilen“, einen Tag später meldet man „eine entsprechende Stellungnahme“ des LVR liege schon vor.
Was aus betroffenen Familien wird, bleibt offen. Das Ministerium verweist lediglich auf die laufende Anhörung: Die Stellungnahmen würden „ausgewertet und in die endgültige Entscheidungsfindung einbezogen.“ Eine Entscheidung dazu, wie es mit dem „trägerspezifisch beantragten eingeschränkten Versorgungsangebot“ weitergeht, stehe noch aus. Man bitte um Verständnis, heißt es weiter, dass derzeit „nicht alle Detailfragen zum Verfahren beantwortet werden können“.
Besonders bitter: Obwohl abschließende Entscheidungen noch ausstehen, wurden die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim LVR dem Vernehmen nach schon darüber informiert, dass der gesamte Dienstbetrieb Neurologie Ende März geschlossen wird. Bereits einbestellten Patienten sei abgesagt worden, das Personal habe sich bereits auf die Suche nach neuen Stellen gemacht. Intern fürchtet man nun, dass unabhängig von der Entscheidung des Ministeriums in ein paar Wochen gar keine Therapeuten und Ärzte mehr übrig sind.
Während Behörden und Träger mit Zuständigkeiten jonglieren, wächst die Sorge, dass ein über Jahrzehnte aufgebautes, weithin nachgefragtes Angebot zerrieben wird. Für viele Familien wäre die Schließung ein schwerer Schlag – und für Bonn ein Verlust, der sich kaum ersetzen ließe.

