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Zahlen sind gestiegenFast 70.000 Menschen mussten 2025 wegen Blindgängerfunden in Köln evakuiert werden

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Eine entschärfte Weltkriegsbombe liegt in einem Lieferwagen, nachdem der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in Köln gefunden wurde. (Archivbild)

Eine entschärfte Weltkriegsbombe liegt in einem Lieferwagen, nachdem der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in Köln gefunden wurde. (Archivbild)

50 Bomben, fast 70.000 Betroffene: Die Bilanz für 2025 zeigt, wie präsent der Krieg unter Kölns Straßen und Grundstücken noch ist.

Der Zweite Weltkrieg ist in Köln noch lange nicht vorbei – zumindest nicht im Boden. Auch 2025 wurden bei Bau- und Sondierungsarbeiten wieder zahlreiche Blindgänger entdeckt. Die nun vorgelegte Bilanz des Kölner Ordnungsamtes zeigt, wie stark die Stadt bis heute mit den Altlasten zu kämpfen hat.

Diese Karte zeigt die Orte aller Kampfmittelfunde und Evakuierungen in der Stadt Köln.

Diese Karte zeigt die Orte aller Kampfmittelfunde und Evakuierungen in der Stadt Köln. Rot steht für Bomben, orange für Brandbomben, gelb für Granaten oder Munition und grün für Stellen, an denen bei einer Sondierung nichts gefunden wurde.

Im vergangenen Jahr wurden 50 Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg im Kölner Stadtgebiet gefunden. Darunter waren 24 Sprengbomben, die 19 Evakuierungen notwendig machten. Insgesamt mussten 69.562 Kölnerinnen und Kölner zeitweise ihre Wohnungen verlassen (im Vorjahr 36.000). Im Schnitt waren es 3661 Betroffene pro Einsatz.

Mehr Funde durch steigende Bautätigkeit in Köln

Die meisten Blindgänger werden nicht zufällig entdeckt, sondern gezielt gesucht. Bauträger und Grundstückseigentümer müssen vor Bauarbeiten beim Ordnungsamt einen Antrag auf Luftbildauswertung stellen. Auf Basis alliierter Kriegsluftaufnahmen und historischer Unterlagen prüft die Bezirksregierung Düsseldorf, ob ein Grundstück von Kampfhandlungen betroffen war. Gibt es Hinweise, beauftragt die Stadt den Kampfmittelbeseitigungsdienst mit der Sondierung.

Dabei werden bis zu acht Meter tiefe Bohrlöcher gesetzt und mit Sonden untersucht, die Störungen im elektromagnetischen Feld messen. Erst wenn solche Anomalien vorliegen, wird aufgegraben – manchmal mit brisantem Ergebnis. In einzelnen Fällen stoßen Bauarbeiter jedoch auch ganz unvermittelt auf Bomben.

Für Sondierungsarbeiten am Leiblplatz in Lindenthal mussten im Mai Container aufgestellt werden, um die umstehenden Häuser und die Uniklinik zu schützen. Später wurde eine Weltkriegsbombe gefunden und entschärft. (Archivbild)

Für Sondierungsarbeiten am Leiblplatz in Lindenthal mussten im Mai Container aufgestellt werden, um die umstehenden Häuser und die Uniklinik zu schützen. Später wurde eine Weltkriegsbombe gefunden und entschärft. (Archivbild)

Statistisch liege Köln damit wieder auf dem Niveau vor der Corona-Pandemie, heißt es aus der Pressestelle. Rund 20 bis 25 Sprengbomben pro Jahr wurden zuletzt gefunden. Dass es 2025 mehr Evakuierte als 2024 gab, erklärt die Stadt mit der regen Bautätigkeit: Während der Pandemie waren Bauprojekte und damit auch Sondierungen stark zurückgegangen – ebenso die Zahl der Funde.

Deutzer Werft sorgt für größte Nachkriegsevakuierung

Besonders einschneidend war der Einsatz im Juni 2025 an der Deutzer Werft. Dort wurden gleich drei Kampfmittel entdeckt, darunter zwei 20-Zentner-Bomben. Mehr als 20.000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen – die größte bislang dokumentierte Nachkriegsevakuierung in Köln. Dutzende Medien berichteten darüber aus dem In- und Ausland.

Neben den Sprengbomben wurden 26 Brandbomben sowie 27 kleinere Kampfmittel wie Granaten oder Munition gefunden. Sie konnten ohne größere Schutzmaßnahmen abtransportiert werden. 16 Verdachtsfälle stellten sich als harmlos heraus.

Zehntausende Arbeitsstunden für Sicherheit

Der organisatorische Aufwand bleibt enorm. Der Kommunale Ordnungsdienst leistete fast 18.650 Arbeitsstunden, pro Evakuierung waren durchschnittlich 63 Einsatzkräfte gebunden. Hinzu kamen 644 Krankentransporte und 2580 Menschen, die Anlaufstellen zur Betreuung aufsuchten – darunter rund 6300 Seniorinnen und Senioren über 75 Jahre.

Die Kosten für solche Einsätze seien erheblich und variierten stark, heißt es auf Anfrage. Die eigentliche Suche, Entschärfung und Beseitigung von alliierten Kampfmitteln zahlt das Land NRW. Für Sicherung, Absperrung und Evakuierung kämen jedoch die örtliche Ordnungsbehörde oder Grundstückseigentümer auf. In der Vergangenheit hätten die Gesamtkosten je Einsatz grob zwischen 60.000 und 260.000 Euro gelegen. Privatleute könnten zudem für vorbereitende Maßnahmen wie das Abtragen von Erdschichten, das Entfernen von Bewuchs oder die Wiederherstellung von Flächen aufkommen müssen.

Allein 2025 gingen 3209 Anträge auf Luftbildauswertung bei der Stadt ein, über 1300 konkrete Kampfmitteluntersuchungen folgten. Die Bilanz macht deutlich: Solange in Köln gebaut wird, wird auch gesucht. (sbo/els)