Handgemachte Pralinen und Torten, Königinnenpasteten und 270 Plätze – warum sich das nicht mehr rechnet.
Mitten in der CityDieses Kölner Traditionscafé schließt nach 175 Jahren

Das Café Eigel an der Brückenstraße schließt Ende Juni.
Copyright: Alexander Schwaiger
An diesem Wochentag ist das Café Eigel in der Brückenstraße kurz vor Mittag eher spärlich besetzt. Obwohl: Wenn ein Café 270 Plätze hat, dann kann das leicht schon einmal so wirken. Man kann vorne am Fenster sitzen, in einer der vielen Nischen oder im hellen Wintergarten. Es gibt keine Musik, nur leises Gemurmel, die Kellnerinnen tragen die klassischen weißen Schürzen.
Ein bisschen Melancholie liegt über der Szene. Chefin Tina Eigel kommen beim Erzählen immer wieder die Tränen. Nach 175 Jahren schließt das Café. Am 30. Juni wird hier zum letzten Mal Kuchen verkauft. Eine Institution verschwindet. Generationen von Kölnern kennen zum Beispiel das riesige Lebkuchen-Hexenhaus, das zu Weihnachten immer im Schaufenster steht und dessen kleine Versionen man für die Kinder mit nach Hause nahm.

Niko und Tina Eigel haben sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht.
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„Die Entscheidung haben wir uns nicht leicht gemacht“, sagt Niko Eigel, Betreiber in fünfter Generation und Betriebswirt. Aber wirtschaftlich sei ein Weitermachen einfach nicht mehr möglich. Er blättert in einem sehr alten Fotoalbum. 1851 eröffnete Theodor Eigel auf der Schildergasse 36 eine kleine Konditorei. In dem Caféhaus trafen sich zunächst vor allem Männer zum Zeitunglesen und Kartenspiel.
1851 auf der Schildergasse eröffnet
Ein Foto aus den 1890er Jahren zeigt den prächtigen Innenraum im Stil der Neorenaissance mit einer reichverzierten, verspiegelten Anrichte und Dutzenden von Torten auf feinen Kredenzen. Das Café sei damals eine Sehenswürdigkeit gewesen. Theodor Eigels Sohn hielt in einem Buch handschriftlich mehr als 100 Tortenrezepte fest, liebevoll verziert mit Bildern von Engeln, Blumen und Obst – das wird bis heute in Ehren gehalten.

Das Foto aus den 1890er Jahren zeigt die prachtvolle Einrichtung von damals. Das Café Eigel war eine Sehenswürdigkeit.
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Es ist eines der wenigen Zeugnisse der Vergangenheit, denn im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus in der Schildergasse komplett zerstört. Nach dem Krieg zog das Café kurz auf die Hohe Straße, dann entstand der Neubau in der Brückenstraße im astreinen 50-Jahre-Stil mit einer damals revolutionären Espressobar. „Mein Vater war Italien-Fan.“
Einst hatte das Café Eigel zwölf Konditoren
Doch auch davon ist nichts mehr erhalten. 2006 haben die Eigels die Inneneinrichtung noch einmal komplett neu gestalten lassen. Bürgerliche Postmoderne könnte man den Stil nennen, der heute schon wieder ein wenig altmodisch wirkt. Was aber immer blieb: das riesige Angebot an Kuchen, dazu 20 Sorten handgemachte Pralinen und 15 verschiedene Teegebäcksorten aus Mürbeteig. Auf Bestellung werden aufwändige Geburtags- und Hochzeitstorten gemacht. 40 Mitarbeiter hat der Betrieb. „Zu Hochzeiten hatten wir zwölf Konditoren, jetzt sind es sechs“, sagt Niko Eigel.

1875 enstand das Büchlein mit mehr als 100 handgeschriebenen Tortenrezepten.
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„Wir sind sehr stolz, dass wir den hohen Qualitätsstandard immer gehalten haben“, erzählt seine Frau. „Aber das ist einfach nicht mehr finanzierbar.“ Aus verschiedenen Gründen: Vor allem nach der Corona-Pandemie seien die Gäste ausgeblieben. Viele arbeiten weiterhin im Homeoffice, so dass der Mittagstisch weniger gefragt ist. „Außerdem hat sich das Einkaufsverhalten geändert. Statt in die City zu gehen, wird online bestellt. Es sind vor allem in der Woche einfach nicht mehr so viele Leute unterwegs.“
Zu Weihnachten ist es rappelvoll, doch das reicht nicht
Hinzu kommt die Inflation. „Die Leute sparen an Dingen, die nicht unbedingt notwendig sind.“ Und dazu gehöre leider auch ein Café-Besuch. Ein Stück Kuchen kostet hier aktuell 6,40 Euro. Da stutzen manche Gäste. „Butter, Kakao, alles ist sehr viel teurer geworden und das müssen wir leider auch weitergeben“, sagt Tina Eigel.
Natürlich gebe es auch Zeiten, in denen das Café rappelvoll ist und der Verkauf brummt. Am Wochenende, zu Brückentagen, zu Ostern und Weihnachten. November und Dezember sind die besten Monate. „Aber davon kann man nicht den Rest des Jahres leben“, sagt Niko Eigel.

Ein Stück Kuchen kostet derzeit 6,40 Euro im Café.
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Die Eigels geben niemanden die Schuld an der Entwicklung – es sei eher der Lauf der Zeit. Dass in Köln gefühlt jede Woche ein neues kleines Café mit oft ausgefallenen Schwerpunkten aufmacht, hat sie nie beunruhigt. „Das richtet sich vor allem an ein junges Publikum, unseres ist eher mittelalt. Allerdings sind die Gäste dort durchaus bereit, relativ hohe Preise zu bezahlen.“
Keine Angst vor Starbucks
Dass demnächst gleich nebenan an der Ecke Hohe Straße ein großer Starbucks einziehen wird, sehen sie eher positiv. „Alles, was die Straße belebt, ist gut.“ Und zur Lage: Natürlich sei die Hohe Straße derzeit schwierig. „Aber es gibt eine Menge toller Projekte, zum Beispiel den Umbau des Mediamarkt-Gebäudes. In ein paar Jahren wird das hier wieder gut aussehen“, sagt Tina Eigel. „Aber einen so langen Atem haben wir nicht mehr.“

Das Café hat 270 Plätze und wurde zuletzt 2006 modernisiert.
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Wäre denn eine Verkleinerung der Fläche und ein kleineres Sortiment ein Ausweg gewesen? „Nein, denn der Umbau hätte nochmal viel Geld gekostet“, so Niko Eigel. „Und dann wäre ja auch der Charakter weg.“ Also bringt das Ehepaar den Kunden nun schonend bei, dass es vorbei ist. „Köln ohne Eigel, das kann ich mir nicht vorstellen“, war eine Reaktion. Ein Stammkunde trauerte um die Trüffeltorte, die er jedes Jahr zum Geburtstag bestellte. Und eine Kölnerin in Marbella wird jetzt nicht mehr ihren Stollen geschickt bekommen.
Bis Ende Juni wird noch weitergemacht. Auf der Mittagskarte steht wie eh und je die Königinnenpastete und das Ragout Fin – typisches Café-Speisen, „weil man sie so gut vorbereiten kann“. Nur die „Russischen Eier“ – Kartoffelsalat, Fleischsalat und hartgekochte Eier mit einer kleinen Krönung aus Kaviar – die gibt es nicht mehr, dafür aber Avocadobrot und ein veganes Auberginencurry. Das ältere Ehepaar in einer der Nischen hat den Klassiker Bockwurst mit Kartoffelsalat gewählt.

Allein 20 Sorten Teegebäck bietet Eigel an. Das Silberstück stammt noch vom Großvater, dessen Name am Fuß eingraviert ist.
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Wie der Riesenraum zukünftig genutzt wird, ist noch unklar. Wichtig ist den Eigels, dass alle Mitarbeiter gut unterkommen. Tina Eigel (57) will sich einen neuen Arbeitsplatz suchen. Niko Eigel (64) sagt: „Ich putze erstmal die Silberkännchen vom Großvater.“ Er lacht und schaut etwas wehmütig auf die kleine Etagere, die vor ihm steht. Am Fuß ist der Name „Th. Eigel“ eingraviert, obenauf drapiert ist eine Auswahl von Pralinen und feinem Teegebäck.
Kölner Traditionscafés
seit 1830: Jansen (by Fassbender), Obenmarspforten
seit 1842: Printen Schmitz, Breite Straße
seit 1855: Reichard am Dom
seit 1911: Wahlen, Hohenstaufenring
seit 1919: Osterspey, Luxemburger Straße
seit 1938: Cafe Franck, Ehrenfeldgürtel
Fromme an der Breite Straße, 1892 gegründet, schloss 2024. Hauptgrund: Personalmangel