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50 Jahre FrauenhäuserZu wenig Plätze für Schutz suchende Frauen – Köln erfüllt Abkommen nicht

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Blick ins KStA-Archiv: Vor 50 Jahren sammelten die Gründerinnen von „Frauen helfen Frauen“ Unterschriften in der Schildergasse um nachzuweisen, dass es einen Bedarf für ein erstes Frauenhaus in Köln gibt.

Blick ins KStA-Archiv: Vor 50 Jahren sammelten die Gründerinnen von „Frauen helfen Frauen“ Unterschriften in der Schildergasse um nachzuweisen, dass es einen Bedarf für ein erstes Frauenhaus in Köln gibt.

1976 gründete sich der Verein „Frauen helfen Frauen“ und öffnete das erste Frauenhaus. Wieso es noch immer erst zwei in Köln gibt.

Die letzte Frau, sagt Josi Hüttel vom Verein „Frauen helfen Frauen“, musste sie einen Tag zuvor abweisen. Ganz verzweifelt habe die Stimme am Telefon geklungen. Ob die Kölner Frauenhäuser ihr wenigstens eine Perspektive geben könnten, wann ein Schutzplatz frei werde? Konnte Hüttel nicht. Es tue ihr leid, habe sie gesagt. Dann verwies sie die Frau an eine andere Einrichtung. Wie immer erfuhr Hüttel nicht, was nach dem Telefonat passierte. Ob die Anruferin bei einer weiteren Einrichtung anrief, ob sie dort Schutz fand, oder ob die Kolleginnen dort ihr ebenfalls aus Platzgründen absagen mussten.

Manchmal komme die abgewiesene Frau auf der Couch von Freundinnen und Bekannten unter, sagt Hüttel. Eine langfristige Perspektive sei das nicht; ein gewalttätiger Partner klingele nach dem Verschwinden seiner Frau häufig als Erstes bei ihrer besten Freundin. Andere Betroffene schlafen auf der Straße, weil der Gang nach Hause die gefährlichere Option scheint. „Diese Frauen brauchen eine geschützte Adresse“, sagt Hüttel. „Im Zweifelsfall bleiben sie ansonsten länger in der Gewaltsituation.“

Auch 50 Jahre nach der Gründung des ersten Frauenhauses in Köln kämpfen die Mitarbeiterinnen gegen die Überbelastung. Insgesamt 26 Schutzplätze bieten sie in zwei Kölner Frauenhäusern. 42 Frauen und 53 Kinder nahmen sie 2025 dort auf. Zusagen sind jedoch selten: Im Jahr 2025 mussten die Kölner Frauenhäuser 511 Schutz suchende Frauen abweisen. Ein drittes Frauenhaus soll die Überbelastung mindern, beenden wird sie diese jedoch nicht.

1976 öffnete das erste Frauenhaus in Köln

Als das erste Frauenhaus vor 50 Jahren seine Arbeit aufnahm, lief es noch vergleichsweise schnell: 1976 gründete eine Gruppe Studentinnen und Sozialarbeiterinnen in Köln den Verein „Frauen helfen Frauen“ und eröffnete noch im selben Jahr das erste Frauenhaus. Kurz zuvor hatten weitere deutsche Städte erste Schutzeinrichtungen eröffnet – nach britischem Vorbild.

Die Idee eines Frauenhauses in Köln stieß nicht überall auf Unterstützung. Im Mai 1976 sammelten die Vereinsgründerinnen 2000 Unterschriften auf der Schildergasse. Der damalige Sozialdezernent hatte ihnen dazu geraten: Die Gruppe solle erst einmal den Bedarf für ein solches Haus überprüfen. So stand es damals in Berichten des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die einkaufenden Passanten blickten demnach gespalten auf die Pläne. Einige Menschen fanden Männer gar schutzbedürftiger als Frauen. „Andere behaupteten, eine Frau, die geschlagen werde, habe es meist auch verdient“, hieß es in einem Artikel zur Unterschriftenaktion. Doch manche, meist jüngere Frauen, blieben stehen. Sie baten um Hilfe. „Wir werden die Ersten sein, die zu Ihnen kommen“, sollen sie gesagt haben.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtete am 15.5.1976: „Frauen suchen Zuflucht: Eine Kölner Gruppe bemüht sich, ein Haus für Verzweifelte einzurichten“

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtete am 15.5.1976: „Frauen suchen Zuflucht: Eine Kölner Gruppe bemüht sich, ein Haus für Verzweifelte einzurichten“

Der Berichterstattung zufolge bekamen die Frauen die notwendigen Unterschriften, doch anfangs noch keine institutionelle Unterstützung. Der Verein bat die Stadt um Geld für ein Gebäude in zentraler Lage, circa 400 Quadratmeter Wohnfläche. Das Konzept sei dem Sozialamt jedoch zu „diffus“ gewesen; man wollte das Projekt nur bezuschussen, wenn die Stadt selbst das Haus leite und „qualifizierte Experten“ im Vorstand säßen.

Der Verein konterte mit einer Stellungnahme: Die Forderung nach mehr Prominenz im Vorstand zeige „ein bedauerliches Unvermögen, demokratische Organisationsformen zu akzeptieren“, schrieben sie. Die Frauen mieteten im November ein Haus in Köln, finanziert durch Spenden. Einen Monat später beschloss der Sozialausschuss nach „einer zum Teil heftigen Debatte“, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ schrieb, nun doch mit einer Mehrheit von SPD und FDP das „Modellprojekt Frauenhaus“ zu unterstützen. Kosten: 25.000 Mark pro Jahr aus der Stadtkasse. 

Das bislang jüngste Kölner Frauenhaus öffnete 1991

Noch heute nennt der Verein seine Frauenhäuser mit gewissem Stolz „autonom“. „Gesellschaftlich betrachtet gab es in den 70er Jahren deutlich mehr Abwehr gegen das Thema häusliche Gewalt“, sagt Josi Hüttel. Das habe sich in den vergangenen 50 Jahren geändert. „Ich merke das auch an Anrufen von Bekannten, die fragen: Meine Nachbarin, meine Bekannte, meine Freundin erlebt Gewalt. Was kann ich tun?“

1991 eröffnete der Verein ein zweites Frauenhaus für Köln mit zehn Plätzen. Beide Häuser zusammen bieten heute Schutz für 26 Frauen und ihre Kinder. Zu wenig, wie der Alltag von Josi Hüttel und ihren Kollegen zeigt. Und zu wenig, wie ein Menschenrechtsabkommen des Europarats zur Vorbeugung und Bekämpfung von häuslicher Gewalt vorschreibt: Die Istanbul-Konvention verpflichtet alle unterzeichnenden Staaten – darunter Deutschland – zu umfassenden Projekten gegen Gewalt gegen Frauen. Für eine Stadt wie Köln mit 1,1 Millionen Einwohnern sieht die Istanbul-Konvention 110 Frauenhausplätze vor. 

2005 begann der Verein erste Gespräche über ein drittes Frauenhaus für Köln. Es soll 2028 eröffnet werden – fast ein Vierteljahrhundert nach diesen ersten Gesprächen. Ihre Kolleginnen hätten sich sehr für das dritte Frauenhaus eingesetzt, betont Hüttel. Doch bis zum Ratsbeschluss habe es „immer wieder Rückschläge“ gegeben und „keine wirkliche Initiative vonseiten der Politik, um da gemeinsam aktiv zu werden“. „Es wurde immer wieder auf die Notwendigkeit eines dritten Frauenhauses hingewiesen“, sagt sie. 

Dieser Ratsbeschluss wurde im Dezember 2019 auf Antrag des damaligen Bündnisses von CDU und Grünen zusammen mit der FDP und der Ratsgruppe GUT verabschiedet. Dort stand: „Der Rat befürwortet die Etablierung eines barrierefreien dritten Frauenhauses mit der Aufnahmemöglichkeit für Jungen über 12 Jahren. Die Verwaltung wird daher beauftragt, ein entsprechendes Grundstück oder eine bestehende Immobilie zu suchen und die genauen Investitionskosten zu ermitteln.“ Die Parteien verwiesen in ihrer Begründung auf die Statistiken: Jede dritte Frau in Deutschland ist demnach einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen. Das wären rechnerisch in Köln 153.659 Frauen. „Schutzräume und Hilfeangebote müssen daher stetig ausgebaut und erweitert werden.“ Kurz darauf legte die Pandemie das Leben in Köln lahm und die Pläne eines dritten Frauenhauses lagen nahezu still.

Die Suche nach einem Ort für das dritte Frauenhaus habe dem Verein viel abverlangt, sagt Hüttel. Die Sozialarbeiterinnen machten die Projektplanung nebenher, zusätzlich zu ihrer Arbeitszeit.

Mittlerweile kooperiert der Verein mit dem zum Großteil in städtischer Hand befindlichen Wohnungsunternehmen GAG. Der Verein und die Immobilien-AG haben bereits 2021 die Erweiterung des ersten Kölner Frauenhauses erfolgreich umgesetzt. Das dritte Haus mit 16 neuen Plätzen soll 2028 eröffnet werden. Der genaue Ort ist, wie bei den zwei weiteren Frauenhäusern, geheim.

Josi Hüttel auf der Bühne eines Kampagnentages für Frauenhäuser in Köln 2023.

Josi Hüttel auf der Bühne eines Kampagnentages für Frauenhäuser in Köln 2023.

Wieso genau der Weg zu dem dritten Frauenhaus sich über 23 Jahre zieht, könne sie sich auch nicht erklären, sagt Josi Hüttel. Doch wenn Deutschland die Istanbul-Konvention einhalten möchte, muss es künftig schneller gehen. „Wir bräuchten mindestens sechs Häuser in Köln“, sagt Hüttel. „Und selbst dann wären wir wahrscheinlich immer noch nicht fertig.“ Das sieht auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Julia Pedersen, so: „Das neue dritte Frauenhaus ist ein wichtiger Meilenstein für Köln. Es löst aber nicht das grundlegende Problem: Es gibt nicht nur in Köln, sondern bundesweit deutlich zu wenige Frauenhausplätze.“

Nach Maßstäben der Konvention fehlen in Deutschland noch immer rund 12.000 Schutzplätze, davon 1000 in NRW. Pedersen sagt. „Deshalb brauchen wir eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Kommunen, damit jede Frau, die Schutz sucht, diesen auch tatsächlich erhält.“

Anja Butschkau, ehemalige Sozialarbeiterin und Sprecherin für Frauen und Gleichstellung der SPD-Fraktion im Landtag, fordert eine zuverlässigere Finanzierung von Frauenhäusern in Nordrhein-Westfalen. Diese sei vom politischen Willen der jeweiligen Landesregierung und der Haushaltslage abhängig, so Butschkau. Frauenhäuser und auch Frauenberatungsstellen müssen nach wie vor Eigenanteile aufbringen.

Anja Butschkau (SPD) bei einer Plenarsitzung im Landtag (Archivbild).

Anja Butschkau (SPD) bei einer Plenarsitzung im Landtag (Archivbild).

Die Stadt Köln bezuschusst die Arbeit des Vereins derzeit mit 882.000 Euro im Jahr, das entspricht 70 Prozent der Gesamtfinanzierung der zwei Frauenhäuser. Zehn Prozent treibt der Verein selbst auf, den Rest übernimmt das Land. Unklar ist, ob das Land ab kommendem Jahr die Frauenhäuser komplett selbst finanziert, für alle Fälle, so versichert eine Stadtsprecherin, sehe der Kölner Haushalt für 2027 aber weiter die Unterstützung vor.

„Wir können den Schutz von Frauen nicht einfach auf das Engagement der Zivilgesellschaft und auf finanziell viel zu schwach ausgestattete Kommunen schieben“, sagt Butschkau dieser Redaktion. „Die Mittel für die landesgeförderten Häuser reichen bei weitem nicht aus. Platt gesagt bedeutet das: Die Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern kommen aus dem Strohsternebasteln nicht mehr raus.“ 

Das Haus Rosalie Rendu, hinter einem hohen Metalltor. Das Notfall-Wohnheim für Frauen schloss zum 30. Juni.

Das Haus Rosalie Rendu, hinter einem hohen Metalltor. Das Notfall-Wohnheim für Frauen schloss zum 30. Juni.

Die Errichtung neuer Frauenhäuser sei zudem viel zu kompliziert und von Bürokratie geprägt. Auch dies sei angesichts der steigenden Zahlen häuslicher Gewalt fatal. „Stellen Sie sich vor, eine Frau trennt sich nach Jahren von ihrem gewalttätigen Mann, nimmt ihre drei Kinder mit in eine Beratungsstelle. Sie will in der Nähe blieben, damit ihre Kinder weiter in dieselbe Klasse gehen können“, sagt Butschkau. „Und dann sind alle Frauenhäuser in ihrem Umfeld voll. Das darf in einem wohlhabenden Land wie Deutschland nicht sein.“

Stattdessen aber wurden die Hilfsangebote für von Gewalt betroffene Frauen in Köln erst einmal sogar weniger. „Mit dem Haus Rosalie wurde eine Anlaufstelle, die für Frauen in Köln total relevant war, geschlossen und nicht ersetzt“, sagt Hüttel. Das Hilfsangebot für akute Notfälle schloss zum 30. Juni dieses Jahres. „Es ist total fraglich, was jetzt passiert mit Frauen in Köln, die einfach kurzfristig, schnell einen Platz suchen, um unterzukommen.“ Eine Adresse bleibt noch: Kurzfristig können in Köln Frauen im 2020 eröffneten Clearing-Haus der Diakonie Michaelshoven unterkommen. Die dortige Notaufnahme hält 47 Plätze bereit, die die Stadt ebenfalls finanziell unterstützt.