Bei der interaktiven Tour sollen die Teilnehmer neue Facetten der Kölner Innenstadt wahrnehmen und kennenlernen.
Stadtspaziergang als Performance„Downtown Paradise“ feiert erfolgreiche Premiere in Köln

Die Performance „Dowtown Paradise“ ist ein Stadtspaziergang der besonderen Art, veranstaltet vom Jugendclub des Schauspiel Kölns.
Copyright: Martina Goyert
Sirenengeheul von draußen zieht die Zuschauer und Zuschauerinnen an die geöffneten Fenster im dritten Stock. Unten auf der Straße sehen sie vor den blinden Schaufenstern eines Kaufhauses Leute neben Trittleitern stehen. Nach dem verebbten Alarm sprechen eine Frau und dann alle Leute durch Megafone: „Ich nehme meine Stadt wahr, ich betrachte sie, sehe sie, glotze, präge sie mir ein, ich beobachte meine Stadt…“ Die Worte waren eben, nach einer Tanzperformance zu rhythmischen Klängen im abgedunkelten Raum, schon einmal zu hören, vorgetragen von Darstellern und Darstellerinnen des eigenwilligen Stadtspaziergangs „Downtown Paradise“. An diesem Abend findet er zum ersten Mal statt.
60 Besucher und Besucherinnen sind am Karsamstag in die Glockengasse gekommen, um an der künstlerischen Aktion von „Polylux“ teilzunehmen. So nennt sich der Jugendclub des Schauspiels Köln für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Mit „Downtown Paradise“, bei dem der urbane Raum zur Bühne wird, will er „erforschen, wie Wahrnehmung, Mitgefühl und Verantwortung im öffentlichen Raum verhandelt werden“. Die Texte und Szenen, in denen es wiederholt um Anonymität und Vereinzelung in der Großstadt geht, stammen von Julia Lynn Dittes, Judith Niggehoff, die zudem Regie führt, Burak Şengüler, der zugleich als Dramaturg beteiligt ist, Ronja Simon und den Jugendlichen von „Polylux“.
Performance und Geschehen gehen ineinander über
In der Hämergasse, die von der Glockengasse abgeht, steht die Besuchergruppe den Darstellern und Darstellerinnen erneut gegenüber. Sie sind komplett oder überwiegend in Grau gekleidet (Kostüme: Lea Vrebac). Jetzt ist auch besser zu erkennen, dass die Leitern – ebenso wie das Geländer im Treppenhaus – mit künstlichen roten Blüten geschmückt sind. Dieses Requisit kehrt auf dem Spaziergang mehrfach wieder (Bühne: Selina Schwaiger). Die Teilnehmer werden unter anderem aufgefordert, mit einer Hand vor den Augen auf die Geräusche der Umgebung zu achten. Unweigerlich drängt sich das Klavierspiel auf, das von der Breite Straße herüberklingt. Schon an diesem Ort im Innenstadt-Trubel zeigt sich, dass sich die Performance mit dem Geschehen ringsum verwebt. Passanten bleiben neugierig stehen, ein Mann packt eine große Einkaufstasche in seinen Wagen, ein anderer startet geräuschvoll seinen Motorroller.
Wegen ihrer Größe wird die Gruppe zweigeteilt. Die einen streben zur Boulderhalle „Elements“ in der Schildergasse, die anderen zum NS-Dokumentationszentrum. Da es darum geht, die Stadt mit wachen Sinnen zu erleben, ist die Aufmerksamkeit geschärft. Im Vorhof von St. Maria in der Kupfergasse plätschert der Brunnen, ein Bettler hält einen roten Becher für Almosen vor sich, Vögel zwitschern in grünenden Bäumen. „Hier wurden Menschen weggesperrt, gefoltert und ermordet. Und es passierte mitten im Herzen von Köln, umgeben von Wohnhäusern, Büros, Cafés und Menschen, die nicht hinsahen...“, hört die zweite Gruppe in einem Ausstellungsraum des NS-Dokumentationszentrums. Zu einem dumpfen Ton steigen die Mitspieler und -spielerinnen auf den mitgebrachten Trittleitern auf und ab. Bald ist der Bogen in die Gegenwart geschlagen: „Es liegt etwas Schweres in der Luft, es geht durch die Häuser und durch die Straßen. Ein Monster, von dem wir dachten, dass es besiegt wäre.“

Der Spaziergang macht auch im NS-Dokumentationszentrum Halt.
Copyright: Martina Goyert
Dass der weitere Weg am Geschäft „Kauf dich glücklich“ in der Großen Langgasse vorbeiführt, passt zur nächsten Station. Kurz vor der Schildergasse thematisiert der Jugendclub das Verführerische des Konsums, ohne pauschale Abwertung, allerdings im Kontrast dazu, dass in der Einkaufsmeile Obdachlose ihr Nachtlager aufschlagen. Durch das Gewimmel des Neumarkts geht es hinein in den Gebäudekomplex der Kreissparkasse Köln. Im Vortragssaal des Käthe-Kollwitz-Museums, wo sich beide Teilgruppen wieder vereinen, stimmt der Song „Guck mich nicht an“ von Ildikó darauf ein, um welchen Aspekt des Stadtlebens es nun geht: „Ich steh' auf der Straße, Männer nerven mich / Guck mich nicht zu lange an / Äh, nein, äh, äh, guck mich am besten gar nicht an“ (Sounddesign: Lina Rohde).
Was stört in Köln?
Mit einer weiteren Bewegungsperformance, in Form von Monologen und eines Telefongesprächs wird deutlich gemacht, wie sich eine junge Frau fühlt, die nachts allein in der Straßenbahn unterwegs ist und Angst vor sexuellen Übergriffen durch Männer hat. In einem anderen Raum ist erneut das Wechselspiel von Sehen und Gesehenwerden Thema, der Austausch flüchtiger Blicke zwischen fremden Menschen, mal distanziert, mal freundlich. Theatralisch stellen die Jugendlichen dar, was sich gegen die Gleichgültigkeit setzen lässt: Auf einem Podest aus Würfeln bilden sie eng aneinandergedrängt ein „Mahnmal gegen Vereinzelung“, das an Kollwitz’ Bronzeplastik „Turm der Mütter“ erinnert.
Die Stärken des engagierten Stadtspaziergangs, der einzeln oder im Chor gesprochene Texte, choreografierte Bewegungen und Musik verbindet, zeigen sich noch einmal in der Aufzugshalle der Neumarkt-Passage, der letzten Station. Was stört, was fehlt in einer Stadt wie Köln? Allerlei, von zu teuren Wohnungen über den Mangel an Bäumen und „Orten, an denen man sich aufhalten kann, ohne Geld zu bezahlen“ bis hin zu „Polizisten am Neumarkt, die mir mehr Angst machen, als dass ich mich sicher fühle“. Alles verdichtet sich zum Eindruck, „als ob die Stadt nicht für die Menschen gemacht wäre, die hier leben“. Dagegen richtet sich der Appell, sie müsse uneingeschränkt allen Platz bieten, nicht nur denen, die ohnehin viel Raum einnehmen, sondern auch jenen, „die nicht wissen, wohin mit sich“.
Die Premiere erntete Jubel und verdienten, lang anhaltenden Applaus. Auch die „Downtown Paradise“-Spaziergänge am Ostermontag und -dienstag waren ausverkauft. Weitere Aufführungen finden im Mai statt.

