Abo

„Köln mit allen Sinnen“Kölns Geschichte kommt in der Wolkenburg auf den Tisch – und wird besungen

3 min
Köln mit allen Sinnen: De Kallendresser auf der Bühne in der Wolkenburg bei der Zeitreise durch 150 Jahre Stadtgeschichte, zu der der „Kölner Stadt-Anzeiger“ bei den „Fine Food Days“ eingeladen hatte.

Köln mit allen Sinnen: De Kallendresser auf der Bühne in der Wolkenburg bei der Zeitreise durch 150 Jahre Stadtgeschichte, zu der der „Kölner Stadt-Anzeiger“ bei den „Fine Food Days“ eingeladen hatte.

Bei den „Fine Food Days“ in der Wolkenburg gab es Lustiges, Erhellendes, feinste Live-Musik sowie Speis und Trank – das Publikum dankte mit tosendem Applaus.

„Wenn sich de Familich trifft, kütt nur vun allem et Bess op dr Desch!“ Es ging gleich zünftig mit einem Bläck-Fööss-Klassiker zur Sache in der festlich eingedeckten Wolkenburg. „Fine Food Days“ hin oder her – so richtig vornehm sein, können die Kölschen eigentlich nicht. „Auch wenn sie gerne vorgeben, als ob“, meinte Moderator Helmut Frangenberg zu Beginn des Abends. Wie könnte man „Fine Food Days“ auf Kölsch übersetzen? „Daach för jet Leckers ze müffele“, lautete ein Vorschlag. „Wenn wir den Genuss des feinen Häppchens betonen wollen, wäre ,Müngesmoß mangs müffele‘ die vornehmere Variante“, so Frangenberg.

„Köln mit allen Sinnen“, lautete das Motto dieser Premiere im Rahmen des alljährlichen Festivals der Kölner Spitzengastronomie, zu der der „Kölner Stadt-Anzeiger“ eingeladen hatte. Die Köche der Wolkenburg servierten ein kölsches Viergang-Menü zu einer Zeitreise durch 150 Jahre Stadtgeschichte. Die Band De Kallendresser spielte Lieder aus fast allen Jahrzehnten und zeigte eindrucksvoll, dass die kölsche Liedkultur immer auch ein Spiegel ihrer Zeit war und ist.

Beste Stimmung am festlich gedeckten Tisch: Die Gäste sangen lautstark mit und hatten Spaß an manchem Text aus früheren Zeiten.

Beste Stimmung am festlich gedeckten Tisch: Die Gäste sangen lautstark mit und hatten Spaß an manchem Text aus früheren Zeiten.

„Wie sah Köln vor 150 Jahren aus?“, fragte Frangenberg. Heute ist es kaum vorstellbar: Bis dahin war Köln in überschaubaren Ausmaßen innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer ein Ort, an dem es langsam zuging, weil fast alles zu Fuß erledigt wurde. Dann sorgte der technische Fortschritt für einen rasanten Wandel in einer schnell wachsenden Stadt.  Seit 150 Jahren sorgen die Verkehrspolitik und Konflikte im Straßenland für heftige Debatten, Streit und Protest in Leserbriefen.

Vor 150 Jahren begann nicht nur die Geschichte des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Konrad Adenauer und der kölsche Liedermacher Willi Ostermann erblickten das Licht der Welt. „In diesen drei Fällen konnte man noch nicht wissen, welche Erfolgsgeschichten vor ihnen lagen“, berichtete Frangenberg, Redakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Bei einer weiteren „Geburt“ sei das anders gewesen: Mit der Erfindung des Otto-Motors 1876 leistete das Kölner Unternehmen „Gasmotorenfabrik Deutz“ einen revolutionären Beitrag zur Motorisierung der Welt.

Wie aus einer Mörderin ein temperamentvoller Vamp wurde

Über 200 Gäste hatten Spaß an Anekdoten, Geschichten und Betrachtungen über die mutmaßlich typischen Eigenarten der Kölnerinnen und Kölner. Zu denen gehört ein eigentümlicher Blick auf die eigene Geschichte, der Unschönes ausblendet oder völlig neu interpretiert. Da wird die Stadtgründerin Agrippina als „temperamentvoller Vamp“ besungen, während man die Tatsache einfach ausblendet, dass sie für vier bis sechs Morde – darunter die Vergiftung ihres Gatten Kaiser Claudius – verantwortlich war. Die „Kallendresser“ sangen dazu Karl Berbuers „Agrippina, Agrippinensis“ aus den 50er Jahren. Zum Blick auf 150 Jahre Stadtgeschichte gehört auch die Erfindung von Legenden und die Pflege von identitätsstiftenden Mythen, aus denen unzählige wunderbare Lieder wurden.

Helmut Frangenberg, Redakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“, moderierte die Zeitreise in der Wolkenburg.

Helmut Frangenberg, Redakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“, moderierte die Zeitreise in der Wolkenburg.

Thomas Gebhardt, der bei den „Kallendresser“ das Akkordeon zu den fein arrangierten Stücken mit mehrstimmigem Gesang spielt, erzählte von seinen Recherchen für eine 400 Seiten starke, neue Biografie über Willi Ostermann mit einer vollständigen Werksausgabe, die in dieser Woche erscheinen wird. Der kölsche Liedermacher, den Frangenberg „Kölns ersten Popstar“ nannte, verstand es, Anfang des 20. Jahrhunderts aus Alltagsgeschichten Hits zu machen.

Die Gäste in der Wolkenburg sangen lautstark mit, ließen sich aber auch immer wieder aufs Zuhören ein. Wie konnte aus der furchtbar traurigen Ballade vom „Treuen Husar“ ein schmissig-fröhlicher Karnevalsmarsch werden? Warum darf man den Allzeithit „Heidewitzka, Herr Kapitän“ als eines der wenigen Zeugnisse einer widerspenstigen Haltung in der NS-Zeit sehen? Und wieso ist die Bedeutung der Bläck Fööss für die kölsche Kultur gar nicht hoch genug einzuschätzen, als sie den in Konventionen erstarrten, „scheintoten Karneval“ der 60er und 70er Jahre revolutionierten?

Das Publikum bedankte sich für Lustiges, Erhellendes, feinste Live-Musik sowie Speis und Trank mit tosendem Applaus. Nach „Rheinischem Pudding mit Rübenkraut-Zabaione und Vanilleeis“ zum Dessert mussten die „Kallendresser“ immer neue Zugaben geben, bevor man glücklich zu „Och wat wor dat fröher schön doch en Colonia“ nach Hause schunkelte.