„Sie setzen ihr Leben aufs Spiel!“Ehemalige Geisel der Kölner Busentführung vor 29 Jahren dankt den Rettern

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29 Jahre nach der Entführung eines Stadtrundfahrtbusses in Deutz spricht die ehemalige Geisel Lisa Klein über die Geschehnisse am 28. Juli 1995.

29 Jahre nach der Entführung eines Stadtrundfahrtbusses in Deutz spricht die ehemalige Geisel Lisa Klein über die Geschehnisse am 28. Juli 1995.

Die Entführung eines Stadtrundfahrt-Busses war einer der dramatischsten Kölner Kriminalfälle. Lisa Klein erinnert sich an ihre Rettung.

Wie schnell sagt man in einem banalen Zusammenhang „Du Held!“ oder „Du Heldin!“, ohne sich die Bedeutung von Heldentum bewusst zu machen. Die Frau, mit der ich heute für meine Rubrik „Zwei Kaffee, bitte!“ ins Gespräch komme, hat das sehr gründlich getan und ist zu dem Schluss gekommen, dass in unserer Gesellschaft vor allem diejenigen Helden sind, die in Polizei-Sondereinsatz-Kommandos oft ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um andere zu schützen oder zu retten.

Lisa Klein hat selber eine solche Situation erlebt – sie war Geisel bei der Entführung eines Stadtrundfahrt-Busses vor 29 Jahren. Damals, sagt sie, als wir uns im Café Fassbender gegenübersitzen, konnte und wollte sie nicht mit der Presse über das Ereignis sprechen, bei dem drei Menschen starben, zwei schwer verletzt wurden – sie zum Glück nur leicht.

„Es gibt sonst niemanden, der hilft!“

„Aber wenn ich jetzt die Chance habe, danke sagen zu können, dann möchte ich das tun: Danke und nochmals danke!“ Lisa Klein wünscht sich, dass die Wertschätzung für diese Personen wieder zunimmt. Die Wertschätzung gegenüber all den Menschen, die als Helfer für uns bereitstehen; die selbst oft ein hohes Risiko eingehen, um andere zu retten und nie wüssten, ob sie solch einen Einsatz selber überleben. 

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SEK-Leute seien keineswegs die „Rambos“, wie sie vielfach in Filmen dargestellt würden, sondern „starke, in sich ruhende Persönlichkeiten“, die „viel zu wenig Respekt und Dank“ erhielten. Lisa Klein schaut mich an und lächelt: „Wir sind angewiesen auf solche Menschen. Es gibt sonst niemanden, der hilft!“ Dass man immer öfter von Fällen höre, in denen Helfer behindert, angegriffen oder beleidigt würden, sei ein Skandal.

Lisa Klein lässt die furchtbaren Ereignisse Revue passieren

Ich begegne der Kunsthistorikerin in Rathausnähe. Sie ist an diesem Nachmittag mit ihren Stadtführer-Freundinnen verabredet und – zum Glück für mich – viel zu früh dran. Die 62-Jährige ist Inhaberin eines Bestattungsinstituts in Bergisch Gladbach, das sie 1998 von ihren Eltern übernommen hat. Als die Getränke serviert sind, beginnen wir ein Gespräch über Begräbniskultur und übers Sterben. Dann sagt Lisa Klein plötzlich: „Ich glaube, ich möchte lieber über etwas anderes sprechen.“

In den 20 Jahren, in denen ich diese Kaffee-Rubrik mache, haben mir schon viele Menschen bewegende Geschichten erzählt; aber kaum eine hat mich so berührt wie das, was mir mein Gegenüber über diesen Freitag, den 28. Juli 1995 berichtet. Lisa Klein, das kann man spüren, fällt es nicht leicht, die dramatischen Ereignisse dieses Sommertags Revue passieren zu lassen. Aber offenbar ist zwischen uns gerade eine Verbindung entstanden, die das zulässt.

Der junge Busfahrer ist sofort tot

Die gebürtige Bensbergerin ist an diesem Julitag ein wenig spät dran, der Bus der öffentlichen Stadtführung steht bereits abfahrbereit da. Also springt die damals 33-Jährige rein, nimmt neben dem 26-jährigen Fahrer Raimund Geuer Platz – ohne wie sonst die Mitfahrenden zu begrüßen oder auch nur einen Blick nach hinten zu werfen. Es geht sofort los.

Mittags, als der Bus mit den 25  Touristen an Bord – darunter drei Kindern – für die Pause auf den Parkplatz der Deutzer Messe zurollt, „taucht wie aus dem Nichts ein vermummter Mann auf – mit Waffe in der Hand und Sprengstoffstangen am Bauch“. Lisa Klein hört einen Knall, der junge Busfahrer kippt zur Seite, ist sofort tot.

„Der am wenigsten in sich ruhende Mensch, den ich je erlebt habe“

Die Schilderung, die nun folgt, ist die eines Alptraumes, der für die meisten Geiseln etwa sieben Stunden andauern wird. „Was wollte der Täter?“, frage ich. Klein zuckt die Achseln. Er habe keine Forderung gestellt. Es sei überhaupt kein Motiv erkennbar gewesen. Der Mann – „er war der am wenigsten in sich ruhende Mensch, den ich je erlebt habe“ – habe nur rumgebrüllt und wild mit der Pistole umher geschossen. 

Den verängstigen Touristen wird Klebeband auf die Münder geklebt und die Hände mit Kabelbindern gefesselt. Lisa Klein wird aufgefordert, alle Vorhänge zuzuziehen. Sie versucht auf Englisch, auf den 31-jährigen Täter beruhigend einzuwirken und zu vermitteln. 

„Come back or I kill the children!“

Der benachbarte Tanzbrunnen wird renoviert, ein Arbeiter wundert sich über den Bus mit den verhängten Scheiben und ruft die Polizei. Als sich ein Beamter wenig später Zutritt verschaffen will, schießt der Entführer ohne Vorwarnung. Der Polizist überlebt schwer verletzt. Dann wird eine Insassin vom Entführer rausgeschickt, um draußen das Gepäckfach zu öffnen. Die Frau flieht. Als Nächstes schickt der Täter Lisa Klein los und macht unmissverständlich klar: „Come back or I kill the children!“

Mit diesem Satz im Ohr steht die Stadtführerin dann „minutenlang alleine draußen im herrlichen Sonnenschein“. Was tun? Wieder hineingehen, um womöglich selber erschossen zu werden oder fliehen und das Leben von Kindern aufs Spiel zu setzen? Lisa Klein hätte mit einer solchen Schuld nicht leben können. „Dann hätte ich lebenslang zur Therapie gehen können und mein Leben wäre ohnehin zu Ende gewesen.“

„Und plötzlich habe ich die Sicherheit verspürt, leben zu dürfen!“

„Ich bin so dankbar, dass ich so gehandelt habe und bin zutiefst demütig“, fährt sie fort, während ich dasitze und mit den Tränen kämpfe. Was für eine Entscheidung!

Zurück im Bus soll sie auf Befehl des Entführers den Motor anlassen, was ihr nicht gelingt. „Irgendwie war ich dem wohl zu blöd, also schickte er mich nach hinten.“ Dort – in der letzten Reihe sitzend – entdeckt sie hinter den Vorhängen ein größeres Loch in der durch Schüsse zersplitterten Heckscheibe. Sie überlegt. Schickt ein Gebet zum Himmel: „Muss ich bleiben oder darf ich gehen?“ Sie selber hat das Gefühl, „alles in meiner Macht Stehende getan zu haben“. Und plötzlich habe sie die Sicherheit verspürt, leben zu dürfen.

„Das war das größte Geschenk meines Lebens!“

Sie versucht, mit einer Hand unauffällig das Fensterloch zu vergrößern. Verletzt sich. Die Narbe ist heute noch sichtbar. Dann befiehlt sie sich: „Mach‘ dich weich wie eine Katze!“ – und springt. Draußen steht ein Polizeiwagen. Klein wird von einem Beamten gepackt und hinter die großen Pflanzenkübel gezogen, die als Sichtschutz dienen. „Das war das größte Geschenk meines Lebens!“

Während man die Geisel im gepanzerten Mercedes ins Eduardus-Krankenhaus bringt, wo die Sehne an der Hand genäht wird, dauert für die meisten anderen im Bus der Alptraum insgesamt rund sieben Stunden an. Einem älteren Mann und einem Jungen gelingt ebenfalls die Flucht durchs Heckfenster. Als der Entführer im Bus eine Touristin erschießt, eröffnen die Scharfschützen der Polizei, die inzwischen unter anderem auf dem Dach der Messe Position bezogen hatten, das Sperrfeuer. Der Entführer Leon Bor, ein gebürtiger Russe, stirbt im Gang des Busses.

„Ich bin dem Bösen begegnet, aber auch dem Guten“

Lisa Klein bedankt sich im Anschluss an die Geschehnisse per Zeitungsannonce bei ihren Rettern, mit denen sie bis heute Kontakt hält. Das für sie Unfassbare besteht darin, dass die Spezialeinheiten, wie man ihr anvertraute, so gut wie nie ein Dankeschön von einer Geisel oder anderen Geretteten erhalten. „In was für einer Welt leben wir?“

Ich frage Lisa Klein, wie sie das alles verarbeitet habe und höre aus ihrer Antwort heraus, dass ihr Beruf dabei sehr geholfen habe. Heute sei sie „dem Schicksal oder Gott“ zutiefst dankbar. „Ich bin an diesem Tag dem Bösen begegnet, aber auch dem Guten. Und ich hatte zwei Chancen. Während der ersten fühlte ich mich verantwortlich. Bei der zweiten nicht mehr. Wenn man das Gefühl hat, in der Hölle zu sein, und man darf leben, dann ist das das größte Geschenk, was man bekommen kann.

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