Eine Domschweizerin sagte als Zeugin im laufenden Verfahren am Landgericht aus.
Vorfall an KathedraleMann reißt Schlüssel von Kölner Dom an sich – das droht ihm vor Gericht

Der Vorfall ereignete sich an einem der Eingänge zum Kölner Dom.
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Wegen eines räuberischen Angriffs auf eine Domschweizerin muss sich ein 36-jähriger Kölner seit Montag vor dem Landgericht verantworten. Der Beschuldigte wollte in den Kölner Dom eindringen und hatte der Frau gewaltsam einen Schlüsselchip entrissen. Es war der Höhepunkt einer ganzen Serie von Straftaten, die den Mann für lange Zeit in die geschlossene Psychiatrie bringen könnten. Denn bei allen 17 ihm vorgeworfenen Delikten gilt er aufgrund einer Erkrankung als schuldunfähig.
Köln: Domschweizerin am Eingang der Kathedrale angegriffen
Die Domschweizerin wollte an jenem Montagmorgen das Nordtor der Kathedrale für Touristen aufschließen, als der Randalierer auftauchte. Sie kannte ihn von einem früheren Vorfall und verschloss den Eingang geistesgegenwärtig wieder. Doch durch ein Gitter konnte der Mann das Band der Dommitarbeiterin mit der Schlüsselkarte ergreifen und abreißen. Dann flüchtete er in Richtung des Hauptbahnhofs. Verletzt worden sei sie nicht, „aber ich habe mich erschrocken, er hat mich ja auch berührt.“

Der Beschuldigte mit seinem Verteidiger Mario Geuenich beim Prozessauftakt im Landgericht
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„Der hat mich beklaut“, habe sie zu Kollegen gerufen, sagte die Zeugin. Die riefen dann die Polizei. Ein Beamter sagte im Zeugenstand, dass sie den Beschuldigten anhand von Videoaufnahmen verfolgen und am Breslauer Platz stellen konnten. Der Schlüssel zum Dom sei auch wieder aufgetaucht – in einem Glas mit Süßigkeiten in einem Geschäft des Bahnhofs. Die Domschweizerin und der Polizist berichteten, wie wirr sich der Mann zum Tatzeitpunkt und danach verhalten habe.
Der Beschuldigte räumte den Diebstahl des Domschlüssels ein. Warum er das getan habe, wisse er nicht mehr. Erinnern konnte er sich aber noch, warum er einige Monate zuvor zwei Garten- und Landschaftsbauer von seinem Wohnungsfenster in Worringen mit Glasflaschen beworfen und sie mit einem Messer bedroht habe. Er habe gedacht, sie zerstörten mit den Arbeiten an Beeten den Lebensraum der Bienen. Die beiden Arbeiter trugen Prellungen am Kopf und an den Armen davon.
Köln: Kaffee als „Notwehrmittel“ in Kaufland-Filiale
Schmerzhaft wurde es auch für einen Mitarbeiter in der Kaufland-Filiale in Humboldt/Gremberg. Unter anderem nach Zigaretten hatte der Beschuldigte laut Staatsanwältin in dem Geschäft gegriffen und mit den Fäusten und einem Stuhl auf den Beschäftigten eingeschlagen. Die Folge: Nase gebrochen und Platzwunden. Ein Kollege des Verletzten schüttete dem Angreifer heißen Kaffee über den Kopf und stoppte so die Attacke. „Kaffee als Notwehrmittel haben wir selten“, bemerkte Richter Jan Orth.
An seiner früheren Anschrift soll der 36-Jährige mit einer Eisenstange randaliert, Türen eingeschlagen und Lampen zerstört haben. „Ich fackle das Haus ab“, soll er einem Bewohner entgegengerufen haben, als dieser eingegriffen habe. Tatsächlich Feuer gelegt hatte der Mann laut Ermittlern in der Garage einer Kirchengemeinde. Ein angezündeter Karton habe für Rußbildung gesorgt. Auch in einer Kleingartenanlage soll der Mann randaliert und einen alarmierten Polizisten getreten haben.
Weitere Taten im familiären Umfeld listet die Staatsanwaltschaft auf. Der letzte Vorfall vor der Festnahme ereignete sich dann an der Bahnhaltestelle Geldernstraße. Dort hatte der Mann laut Vorwurf eine Frau gepackt, die gerade ein Buch gelesen hatte. „Er riss sie in die Höhe und wollte ihr gewaltsam das Buch entreißen“, so die Staatsanwältin. „Jetzt ist Schluss mit diesen Büchern“, habe der Mann gebrüllt, zudem „scheiß Juden“. Danach wurde der 36-Jährige in eine Klinik eingeliefert.
Köln: Beschuldigter spricht von Besserung durch Medikamente
„Ich war damals echt nicht zurechnungsfähig und kann auch gar nicht verstehen, warum ich das alles gemacht habe“, sagte der Beschuldigte. Ihm tue das „total leid“. Richter Orth zeigte sich erstaunt, wie gut er sich im Gerichtssaal mit dem Mann unterhalten konnte. „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht im Vergleich“, bemerkte auch Verteidiger Mario Geueunich. Nach der Festnahme habe er mit dem Mandanten gar kein richtiges Gespräch führen können. Nun sei der Mann sehr reflektiert.
Auf Nachfrage des Richters schilderte der Beschuldigte, an einer paranoiden Schizophrenie zu leiden. Die habe er „durch das Kiffen“ entwickelt. „Mit den Medikamenten geht es mir besser, ich habe auch keine Nebenwirkungen“, sagte der 36-Jährige. Das Gericht muss nun anhand der Beweisaufnahme und durch ein ärztliches Gutachten klären, ob von dem Mann auch aktuell eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Wäre dem so, müsste dieser auf Dauer in die geschlossene Psychiatrie.
Köln: Viele Anordnungen von Unterbringung am Amtsgericht
Oft mehrmals die Woche verhandelt das Landgericht mittlerweile solche Unterbringungsverfahren. Hier geht es nicht um Strafe. Wann eingewiesene Straftäter wieder in die Freiheit entlassen werden können, entscheiden Ärzte. Regelmäßig erstellen sie eine Einschätzung zur Gefährlichkeit. In der bekannten Forensik in Porz leiden etwa 90 Prozent der Insassen an einer Schizophrenie, dazu kommen Menschen mit einer forensischen Intelligenzminderung oder einer Persönlichkeitsstörung.
Wie das Kölner Amtsgericht jüngst mitteilte, nehmen auch die Anträge betreffend Unterbringungen nach dem PsychKG zu – 2413 Fälle im Jahr 2025 und damit knapp 100 mehr als im Vorjahr. Im Rahmen dieser Maßnahme können akut psychisch erkrankte Menschen zum Selbstschutz oder der Gefahrenabwehr zunächst bis zu sechs Wochen in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen werden. In 610 Fällen wurden in Köln 2025 auch Fixierungen und ähnliche Maßnahmen angeordnet.

