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Seit 35 Jahren in KölnWarum Netflix für einen Aufwärtsschub eines Tweed-Geschäfts sorgt

Lesezeit 3 Minuten
Frank Schätzing und Konrad Adenauer lassen sich von Thomas und Tina Schmitz im Laden in der Friesenstraße beraten.

Frank Schätzing (l.) und Konrad Adenauer (2.v.r.) mit Thomas und Tina Schmitz.

Das Tweed-Geschäft „John Crocket“ in der Kölner Friesenstraße gibt es seit 35 Jahren.  So mancher Prominente ist Fan. 

„Besser großes Karo als kleines Karo“, lacht Konrad Adenauer und probiert sein neues Tweed-Jacket bei „John Crocket“ in der Friesenstraße an. Schriftsteller Frank Schätzing wählt Jacke und Weste mit blau-türkisen Streifen – passend zu seinen mexikanischen Cowboy-Stiefeln. Dazu Manschettenknöpfe mit Weltkartenmotiv. „Das hat was von Phileas Fogg aus 'In 80 Tagen um die Welt'.“

Thomas Schmitz, Inhaber des Geschäftes, und seine Frau Tina kennen ihre Kunden schon lange – und feiern mit ihnen das 35-jährige Bestehen ihres Unternehmens. Mit so etwas Ausgefallenem wie dem typisch britischen Tweed so lange über die Runden zu kommen, ist schon eine Kunst.

Thomas Schmitz (64, Rufname Tom) hatte die Vorliebe für den eher schweren Stoff beim Wirtschaftswissenschaft-Studium in Irland und England entdeckt. Schöne Stücke brachte er dann zunächst im Kofferraum in seine Heimatstadt Köln, bevor er 1987 seine Firma gründete. Da rund um den britischen Lieblingssport Cricket schon alle Namen besetzt war, gab es seiner Marke die Fantasie-Bezeichnung „John Crocket“.

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Große Nachfrage nach Tweed wegen Netflix-Serie „Peaky Blinders“

Neben Köln baute er drei weitere Filialen auf, aber stieg auch schon sehr früh ins Internetgeschäft ein. Denn mit Laufkundschaft lässt sich nicht wirklich ein Geschäft machen. Der Großteil des Umsatzes wird über den Online-Handel erzielt. Der Stoff kommt aus England und Irland, gefertigt wird in Portugal.

Die Schnitte seien im Laufe der Zeit etwas schmaler geworden, aber sonst habe sich nicht viel geändert. „Wir können das Rad nicht neu erfinden“, sagt Thomas Schmitz. Tradition ist Tradition – auch, dass es nur ein kleines Angebot für Frauen gibt. Stabil sind auch die Preise – ein Anzug kostet um die 700 Euro.

„Unser Vorteil ist: Wir stehen ziemlich alleine da mit unserem Geschäftsmodell.“ Nur in Edinburgh und London arbeiteten ähnliche Unternehmen. Höhen und Tiefen gab es natürlich trotzdem. Große Einbrüche verursachte der Crash der Lehman-Bank 2008, da verging vielen die Kauflaune – und Schmitz schloss mit der Filiale in Bonn die letzte außerhalb von Köln.

Den jüngsten großen Aufwärtsschub gab es durch die Netflix-Serie „Peaky Blinders“ über eine Gangsterbande in den 1920er- und 1930er-Jahren. „Da wollen sich viele so kleiden wie die Darsteller.“

Außerdem sind zur Zeit Tweed-Hochzeitsanzüge bei den Herren sehr beliebt, auch wenn der Stoff für eine typische Sommerhochzeit eigentlich zu warm ist. Viele Dankes-Fotos von Brautpaaren schmücken den von dunklem Holz und Kronleuchtern geprägten Laden – der mit seiner altmodischen Eleganz inmitten der Feiermeile Friesenstraße heraussticht.

Frank Schätzing ist England-Fan

Frank Schätzing, nach eigenen Worten ein großer Englandfan, erinnert daran, dass viele Musiker des Britpop der 90er und Nullerjahre wie Damon Albarn (Blur) Tweed getragen und damit Trends gesetzt haben. „Man muss den Look etwas brechen, damit es nicht zu streng aussieht.“ So wie er es mit Cowboystiefeln macht. Konrad Adenauer dagegen hält es eher mit den handgemachten, klassischen Crocket-Schuhen. „Die Briten haben ein anderes Verhältnis zu ihren Traditionen“, meint er. Er schätzt vor allem das Understatement und die Langlebigkeit.

Die Langlebigkeit ist allerdings für Schmitz auch ein Problem: „Unsere Sachen sind nicht kaputt zu kriegen.“ Doch echte Fans kaufen trotzdem weiter. „Es gibt sogar Kunden, die kommen mit leeren Koffern aus Berlin oder Hamburg und decken sich ein.“ Und einem Herrn hat er – augenzwinkernd – schon einmal Kauf- und Hausverbot erteilt. „Der hatte wirklich schon alles gekauft.“ Aber von großem oder kleinem Karo kann man wohl einfach nicht genug haben.

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