Kölner Obdachlose und Corona„Das erste Mal seit fünf Tagen wieder saubere Hände“

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Fast alle Obdachlosen gehören zur Corona-Risikogruppe. Nur können sie nicht zu Hause bleiben und sich auch nicht dauernd die Hände waschen.

  1. Seit die Pandemie ausgebrochen ist, seit die Straßen leer sind, niemand mehr Pfandflaschen liegen lässt, seit einige Unterkünfte plötzlich geschlossen bleiben, sorgen auch sie sich um das bisschen Existenz, das sie noch haben.
  2. Die Corona-Krise trifft die Kölner Obdachlosen besonders hart.
  3. „Die Situation ist dramatisch, seit der vergangenen Woche erleben wir immer mehr Menschen, die einfach nur Hunger haben und sich seit Tagen nicht gewaschen haben“, sagt Helferin Nicole Freyaldenhoven.
  4. Einer von diesen Menschen ist Peter.

In diesen Tagen passiert etwas am Kölner Hauptbahnhof, gegenüber vom Dom, gleich neben den Containern der Polizei, das sonst überall in der Stadt verboten ist. Menschen kommen im öffentlichen Raum zusammen, viele Menschen. Innerhalb von zwei Stunden werden es an diesem Donnerstagmittag mehr als 130 sein. Manche stehen beisammen, in Grüppchen, unterhalten sich, rauchen, lachen. Andere halten Abstand. Alle holen sich das, was sie brauchen zum Überleben.

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Essensausgabe. Peter hat sich schick gemacht. Trägt blaue Funktionsjacke und noch blaueren Leinenschal, während die Sonne in Sommerlaune auf den Bahnhofsvorplatz knallt. Er, die Haare grau und gekämmt, die Hände klein und gepflegt, steht und wartet und fällt auf in der Gruppe, weil er so unauffällig aussieht. Man könnte denken, er hat sich verlaufen, auf dem Weg ins Museum, hat seine Reisegruppe verloren. Aber es gibt gerade gar keine Reisegruppen am Kölner Hauptbahnhof. Und die Museen haben auch zu.

Klar sind auch heute die Klischees angerückt, kurz nach 12 Uhr und die wanken schon, das Gesicht zerfurcht vom Alkohol oder Härterem. Peter aber ist kein Bettler und kein Trinker, sagt er. Und Freund Manni: „Gibt genug von uns, die nicht so sind, wir haben nichts mit Sucht oder so zu tun. Wir brauchen nur was zu essen.“

Der Andrang ist groß, wenn ehrenamtliche Helferin der Krise Essen an Wohnungslose verteilen.

Einer nach dem anderen. Zwei Meter Abstand, so empfiehlt es ja der Drosten, der Virologe aus Berlin, Peter und Manni haben das schon mitbekommen, Peter hat ein Handy und Facebook, Manni liest die Zeitung. Manchmal. Wenn sie einer liegen lässt.

Es gibt Lunchpakete, die die Helfer vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) verteilen. Sind aber eigentlich gar keine Pakete, sind Tüten. Zwei Brote, eins mit Fleisch, eins vegetarisch, zwei Müsliriegel, Obst, Apfelschorle, Wasser, ein bisschen was Süßes. Ein Kilo provisorische Versorgung. Genug um satt zu werden, sagt Peter. Und mehr könnte man Menschen wie ihm gerade auch nicht bieten.

Sorge um das bisschen gesicherte Existenz

Menschen wie Peter sind: Obdachlose. Und seit die Pandemie ausgebrochen ist, seit die Straßen leer sind, niemand mehr Pfandflaschen liegen lässt und auch kein Kleingeld in den Becher wirft, seit einige Unterkünfte plötzlich geschlossen blieben, sorgen auch sie sich um das bisschen gesicherte Existenz, das sie noch haben.

Der Montag davor. 8.30 Uhr, und einmal durch den Bahnhof hindurch: Breslauer Platz. Der Obdachlose Robert riecht an seinen Fingern und sagt: „Ah, das tut gut. Das erste Mal seit fünf oder sechs Tagen wieder saubere Hände.“ Ein Ehrenamtler hat sie mit Desinfektionsmittel bespritzt. Regelmäßig verteilen die Organisationen Helping Hands, Gemeinsam für die Platte, Care 4 Cologne und die Obdachlosenhilfe mit Herz hier Essen, hören zu, klären auf.

Und jetzt gerade, so scheint es, ist das besonders wichtig.

„Die Situation ist dramatisch, seit der vergangenen Woche erleben wir immer mehr Menschen, die einfach nur Hunger haben und sich seit Tagen nicht gewaschen haben – denen also das Grundlegendste fehlt“, sagt Nicole Freyaldenhoven von den Helping Hands, neben ihr ein Bollerwagen. 200 Brötchen hat sie dabei, außerdem 15 Liter Kaffee, Tee, Müsli und Trinkpäckchen. Schnell bildet sich eine Schlange. Auch hier gilt: Abstand, bitte. Die meisten halten sich daran.

Besonders das Waschen und das Duschen, sagt Robert, sei zum Problem geworden, seitdem die Stadt Köln und das Land NRW weitere, umfangreiche Maßnahmen im Kampf gegen das Corona-Virus bekanntgaben. Seit alles dichtgemacht hat außer den Apotheken, Supermärkten, Drogerien und Banken.

Und plötzlich war auch die Überlebensstation Gulliver am Bahnhof zu. Und das Arbeitslosenrestaurant Lore am Hansaring. Und der Vringstreff in der Südstadt. Wichtige Institutionen im Kölner Hilfenetz für Obdachlose. Sie hatten auf Eigeninitiative geschlossen, weil die Hygieneregelungen kaum einzuhalten seien, weil allein ins Gulliver jeden Tag 200 Besucher kämen, zum Teil drogenabhängig und psychisch krank.

Der SKM hingegen hielt mit viel Kraft seine Angebote offen, die Notschlafstellen und die Beratungsstellen. Am Bahnhof wurden die Öffnungszeiten sogar ausgeweitet, von drei Stunden am Tag auf über elf Stunden. „Wir haben uns gedacht: Wenn wir niemanden mehr reinlassen dürfen, dann bringen wir das Angebot nach draußen“, sagt Fachbereichsleiter Andreas Hecht vom SKM. Jetzt steht ein Tisch vor der Unterkunft. Die Sozialarbeiter führen Gespräche im Hof. Falls es mal regnen sollte oder kalt wird, stehen Pavillons und Heizpilze bereit. In das Gebäude selbst dürfen nur noch Mitarbeiter oder Drogenabhängige, die den Konsumraum nutzen wollten. Und einzelne Obdachlose, um zu duschen. Davon allerdings kamen in den vergangenen Tagen viele. Zu viele. Eben auch die, die sich sonst immer woanders gewaschen hatten.

Eigentlich dusche er jeden Tag, sagt Peter. Auch weil er nicht will, dass andere es merken. Dass er auf der Straße lebt. Weiß ja nicht mal seine eigene Familie. In der vergangenen Woche aber, da ging nichts mehr, sagt er. Hygiene-Shutdown. Einmal nur ist er hineingekommen, beim SKM, der einzige Ort um den Hauptbahnhof, an dem sie sich noch waschen konnten. War ein Höhepunkt, sagt Peter.

Den Rest der Zeit weiß er nicht mehr wohin. Hat ja alles zu. Die Bibliothek: zu. Die Bäckereien: zu. Auch alle Aufenthaltsräume für Obdachlose: zu.

„Also läuft man halt so rum, den ganzen Tag, ohne Plan“, sagt Peter und läuft los, Kumpel Manni läuft mit und Hündin Witzig hinterher. Manni, von Beruf Flaschensammler, er nennt sich zumindest selbst so, sagt, er wohne mittlerweile im Bauwagen, das sei schon okay, aber auf mehr als 13 Grad kriegt er den an kalten Tagen auch mit Gasbrenner und Kerzen nicht geheizt. Peter sagt, er zelte mit fünf anderen auf einem Gelände, direkt hinter dem Rheinboulevard in Deutz, von dem die Polizei noch vor wenigen Tagen 600 Leute verweisen musste, die es nicht so ernst nahmen mit den Schutzmaßnahmen.

Vorgesternnacht war schlimm, sagt Peter, da waren es minus zwei Grad und der Wind kam und blies das Zelt auf. Und jetzt kann er sich nicht mal mehr tagsüber irgendwo aufwärmen.

Aber noch wichtiger als Wärme ist ihm Strom. Er braucht doch Strom. Er muss doch sein Handy laden. Hat er vorher immer da gemacht, wo es halt ging. Jetzt geht’s nur noch beim SKM, er gibt den Mitarbeitern das Telefon, sie nehmen es mit hinein, eine Stunde laden. Heißt für ihn: eine Stunde ohne Handy.

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Dreimal am Tag telefoniert Peter mit der Familie, drei Kinder, vier Enkel, eine Frau. Sie wohnen mittlerweile weit weg, nicht mehr in Deutschland. Viel will Peter nicht über sie erzählen, genauso wenig wie über die Gründe, warum er, angeblich nach dem BWL-Studium einst Controller bei einer großen Firma, obdachlos wurde, am 21. Januar 2014. Fehlentscheidungen privater Natur, sagt er. Selbst Schuld, sagt er. Jetzt reicht die Rente nicht mehr, sagt er.

Sie bleiben vor dem Gulliver stehen. Immer noch zu. Als sie den Aushang lesen, ruft ein Mitarbeiter aus dem Fenster. Ab morgen dürfen sie wieder duschen, auf die Toiletten auch. Man würde wieder an seine Schließfächer kommen. Von denen haben viele Obdachlose hier eins, lagern dort, was wertvoll ist oder zu wuchtig zum Schleppen.

„Wir tun in dieser Krise sogar noch mehr“

Einen Tag später, am Freitag, öffnet das Gulliver tatsächlich wieder, nach zehn Tagen Stillstand. Zumindest halb. Duschen und Toilettengänge sind wieder möglich. Man kommt auch wieder an die Schließfächer. Fast parallel dazu bauen Mitarbeiter der Stadt auf dem Bahnhofsvorplatz mobile Dusch- und Toilettenwagen auf, die dort bis Ende April stehen sollen. Mindestens.

Außerdem bleiben alle Notschlafstellen geöffnet. Die täglichen Care-Pakete sollen an weiteren fünf Stellen verteilt werden. Die Winterhilfe für Wohnungsnotfälle, so hat es die Stadt beschlossen, soll nicht wie geplant Ende März schließen, sondern vorerst auf unbestimmte Zeit geöffnet bleiben.

„Wir verzichten gerade nicht auf Angebote, wir tun in dieser Krise sogar noch mehr als sonst“, erklärt Sozialdezernent Harald Rau am Freitag am Telefon. Auch ihn, der sagt, dass ihn die riesige Solidarität seiner Mitarbeiter und der vielen Ehrenamtler berühre, hätten vor wenigen Tagen die Stimmen erreicht, die eine katastrophale Versorgungslage bei Obdachlosen beklagten.

Rau sei dann klar gewesen, dass es jetzt schnell gehen müsse, sie schnell handeln müssten.

Dennoch sei die Stadt auch weiterhin auf schwierige Bedingungen eingestellt. Nicht nur, weil durch die aktuelle Wirtschaftskrise mittelfristig weitere Menschen verarmen könnten. Jetzt gerade, sagt Rau, müsse man vor allem verhindern, dass unter Obdachlosen ein Infektionsherd entsteht, gehören doch nahezu alle von ihnen zu einer der Risikogruppen.

Für die Notunterkünfte habe man deswegen Wachdienste engagiert, die auf die Einhaltung der Hygiene-Vorgaben achten. Auch sei die Stadt im Moment dabei, neue Schutzmasken für Mitarbeiter der Hilfsorganisationen zu besorgen. Das Amt für Wohnungswesen hat zudem in zwei Flüchtlingsunterkünften 53 Wohneinheiten bereitgestellt, die bei einem Ausbruch als Quarantäne-Unterkünfte für Wohnungslose genutzt werden könnten. Man sei bereit, weitere Wohnungen auf dem freien Markt anzumieten, wenn nötig.

Bisher noch nicht. Bisher hat sich noch kein Kölner Obdachloser infiziert. „Viele Menschen sind aber noch immer nicht richtig aufgeklärt, wissen nicht, was das Coronavirus überhaupt ist und welche Gefahr es bedeutet“, sagt Nicole Freyaldenhoven von den Helping Hands. „Sie kommen auf uns zu, wollen uns die Hände schütteln und verstehen die Welt nicht mehr.“

Peter und Manni, beide Risikogruppe, beide Raucher, haben zumindest keine Angst, sich anzustecken. „Entweder ich krieg’s oder ich krieg’s nicht“, sagt Manni. „Früher oder später kriegen wir’s eh alle“, sagt Peter.

Auf den Handschlag verzichten sie zur Verabschiedung trotzdem lieber.

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