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„Die Lage ist zum Kotzen“Reaktionen zur Rekord-Ablehnung an Kölner Gesamtschulen

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Gesamtschule Innenstadt

Die Gesamtschule Innenstadt

Köln – „Man kann nichts beschönigen. Der große Frust ist nachvollziehbar“, sagt der Vorsitzende des Schulausschusses des Rates, Helge Schlieben. Es gibt Anlässe, bei denen auch wortgewandten Politikern nicht viel einfällt, um schlechten Nachrichten doch noch irgendetwas Gutes abzugewinnen. 960 Kinder wurden an Kölns Gesamtschulen abgelehnt – so viele wie noch nie. Und das, obwohl die Stadt mit 270 neuen Gesamtschulplätzen ihr Angebot deutlich ausgebaut hat. Das sei eine „Totalkapitulation“, so Schlieben. Was die Zukunft angehe, sei er nicht „völlig desillusioniert. Aber natürlich ist die Lage zum Kotzen“.

Die Bilanz der Stadt zum Ende der Anmeldefrist an ihren 13 Gesamtschulen hat die Politiker überrascht. Nicht nur in der Verwaltung hatte man gehofft, dass die neuen Schulen in Vogelsang und Ehrenfeld, aber auch die Rückkehr der Gymnasien zu G9 die Zahl der Ablehnungen deutlich senken könnte. Das Gegenteil ist der Fall: Rund ein Drittel aller Familien mit Viertklässlern wollten einen Gesamtschulplatz für ihr Kind. Die Schulform ist gefragter denn je.

Fast 1000 Schüler würden zu „Opfern“ einer seit Jahrzehnten andauernden „völligen Verweigerung einer notwendigen Weiterentwicklung des Schulangebots“, sagt Oswald Pannes, Sprecher der „Initiative Mehr Gesamtschulen für Köln“. Er spricht von einem „Bankrott“ der Stadt. Pannes ist auch bei den „Linken“ aktiv. Die Partei forderte die anderen Ratsfraktionen auf, „die Wünsche der Eltern endlich zu respektieren“. Die Linke verweist darauf, dass der Zahl der Gesamtschulen in Köln die fünffache Zahl an Gymnasien, Real- und Hauptschulen „gegenüberstehe“.

„Wir wollen die Schuformen nicht gegeneinander ausspielen“

Die anderen Parteien im Stadtrat haben wenig Interesse an einer Neuauflage der Grundsatzdebatte. „Wir wollen die Schulformen nicht gegeneinander ausspielen“, sagt CDU-Mann Schlieben. Das bedeute für ihn aber auch, dass die Stadt weiter ihr Gesamtschulangebot massiv ausbauen müsse. „Wenn die Zahlen so dramatisch sind, müssen wir auch darüber nachdenken, wie man kurzfristig reagieren kann.“

In diesem Zusammenhang kritisiert er auch die Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) in der von seiner Partei getragenen Landesregierung. Beschränkungen, fehlende Flexibilität und „Denkverbote“ dürfe es nicht mehr geben: Eine Absenkung der Mindestgröße bei Schulneugründungen, einfachere Dependance-Lösungen, wo existierende Gesamtschulen Nebenstellen betreiben und auf Vorrat gekaufte Container für schnelle Erweiterungen sind Beispiele.

Horst Thelen von den Grünen fordert, dass die Stadt vorhandene Raumkapazitäten in ihrem eigenen Besitz oder auch in anderen größeren Gebäuden prüft, die man anmieten kann. Er selbst habe als Lehrer erlebt, wie der Oberstufenunterricht seiner Schule in Leverkusen zeitweise im Rathaus der Stadt erteilt wurde. Die Jahrgänge einiger Oberstufen auszuquartieren, sei „in dieser dramatischen Situation“ akzeptabel.

Parteiübergreifend bekannten sich die Schulpolitiker zum Gesamtschulneubau an der Schmiedegasse in Weidenpesch. Die Schulpolitiker von CDU, SPD und Grünen im Stadtrat zeigten wenig Verständnis für den Beschluss ihrer Kollegen auf Bezirksebene. Sie hatten den Standort in der Bezirksvertretung in Frage gestellt und für ein Gymnasium ins Spiel gebracht.

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