Tankred Lerch hat für viele Comedians geschrieben und eigene Bücher veröffentlicht. Neu erschienen ist sein Kurzgeschichtenband „Gott schütze die Nasa“.
Warum für diesen Kölner Autor hohe Einschaltquoten nicht alles sind

Autor und TV-Produzent Tankred Lerch hat früher für Kurt Krömer, Stefan Raab und Oliver Pocher geschrieben.Jetzt schreibt er lieber an seinen eigenen Sachen. Lerch lebt in Köln.
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Der Anblick eines erwachsenen Mannes in einem viel zu engen Kinderfrottee-Pyjama mit Nasa-Emblem reichte aus, um Tankred Lerch und seinen Bruder vor einer Tracht Prügel zu bewahren. Die testosterongesteuerte Dorf-Gang wollte wieder einmal ihren öden Alltag im norddeutschen Trittau durch Pöbeleien und Schlägereien beleben und suchte sie zuhause auf. Doch als sein Vater, im besagten Pyjama an der Türschwelle stehend, die Jugendlichen fragte, was denn los sei, seien „alle in ihre Autos zurück gerannt und waren weg“, sagt Autor und TV-Produzent Tankred Lerch.
Diese wahre Geschichte inspirierte den 56-Jährigen zu seiner Kurzgeschichte „Gott schütze die Nasa“, die auch der Titel seines neu erschienenen Kurzgeschichtenbands geworden ist. Eine andere handelt von seinem misslungenen Versuch, als Hommage für seine Mutter Marzipan zu backen. Wie Lerch als Elitewehrpflichtiger bei der Bundeswehr scheiterte, ist das Thema einer weiteren Erzählung. Der Autor verspricht: „Der Wahrheitsgehalt der Geschichten liegt bei 90 Prozent.“
Tankred Lerch: Wahrheitsgehalt seiner Geschichten sei hoch
Wir treffen den Schriftsteller und Drehbuchautor, der vor 30 Jahren nach Köln kam, im Agnesviertel. Gerade hat er wieder einmal eine Folge für die Krimiserie „Friesland“ im ZDF geschrieben, auch für „Morden im Norden“ im Ersten verfasst er Drehbücher. Hohe Einschaltquoten für TV-Formate, bei denen er als Autor mitwirkt, ist er gewöhnt: Ende der 90er war es die Harald-Schmidt-Show, dann durfte er gemeinsam mit einem Team die ersten Sendungen für die TV-Total-Show von Stefan Raab mit entwickeln. „Wir stellten fest: Das wirklich Lustige sind die TV-Ausschnitte. Auf diesen müssen wir die Show aufbauen. Und wir wissen alle, dass wir recht hatten. Früher konntest du dienstags nicht zur Schule gehen, wenn du am Montag TV-Total verpasst hast.“
Doch das, wofür er heute noch am meisten angesprochen werde, sei „Stromberg“. Zwei 19-Jährige hätten neulich in einem Uber noch Dialoge der von ihm geschriebenen Folge „Lulu“ nachsprechen können. Selbst nach anderthalb Generationen ist die Serie mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle Kult. Nur für andere schreiben, erfüllt Lerch jedoch auf Dauer nicht. „Erfolgreicher als TV-Total oder Stromberg kann doch nichts werden. Also denke ich mir: scheiß drauf“, sagt der 56-Jährige. Wer seinen derben Humor mag, kann sich freuen: Kraftausdrücke tauchen auch in seinem neuen Buch auf.
Lerchs Kurzgeschichten spielen nicht nur in seiner Heimat, sondern auch in Köln. „Köln war für mich so etwas wie Hogwarts, Entenhausen oder die Bonanza-Ranch, was es nur in Büchern oder im Fernsehen gab“, schreibt Lerch aus der Perspektive des 27-Jährigen Neuankömmlings aus dem Norden. Am Agnesviertel schätzt er das zugleich Dörfliche und Urbane. „Ich habe Dorfleben in Trittau immer gerne gemocht. Aber die Sonntage waren so trist. Und hier komme ich aus der Tür raus und der Sonntag ist wie ein Montag. Ich kann mich zwischen neun Italienern entscheiden, zu denen ich gerne essen gehen und drei davon sind auch noch meine Nachbarn.“
Lerch zieht Alltagssituationen satirisch auf, arbeitet das Groteske und Absurde aus ihnen heraus. Lerch bezeichnet sich als politischen Menschen, doch das Zeitgeschehen beschreibt er stets auf der Ebene des Mikrokosmos, ohne den Lesern eine Meinung aufoktroyieren zu wollen. Auch im Traurigen kann jede Menge Komik liegen, der befreiende Lacher die Perspektive auf das Positive legen, sagt Lerch.
Wie bei der letzten Kurzgeschichte: Sein Vater liegt im Sterben, er besucht ihn im Krankenhaus. Selbst im Sterbebett ist Platz für Witz. Es sind solche ehrlichen Momente, die Lerch vermitteln will. Sich einen Plot einfach auszudenken ohne jeglichen Bezug zur Realität – „das verpufft“, sagt er beim Gespräch im Café Elefant, wo er gern vor 50 bis 100 Leuten liest. „Aber wenn ich ehrliche Geschichten über mich erzähle oder das, was ich verarbeitet habe, dann funktioniert das gut.“ Die Dramaturgie muss trotzdem stimmen, deswegen füllt er Lücken mit Fiktion auf. „Manchmal können Dinge auch an unterschiedlichen Tagen oder in unterschiedlichen Jahren passiert sein, aber für die Geschichte fügt sich das dann zusammen“, so Lerch.
Doch wie klappt das, wenn Lerch für Comedians schreibt? Oliver Pocher, Olaf Schubert, Kurt Krömer und für viele mehr hat er geliefert: Wieviel Lerch steckt in diesen TV-Persönlichkeiten drin? „Ich bin dann vom Prinzip Dienstleister. Ich kann eigentlich nur mit Künstlern arbeiten, die auch selber Autoren sind. Ich kann ihnen helfen, Sachen herauszukitzeln, die sie vielleicht noch gar nicht gesehen haben“, sagt Lerch. Man müsse sich das mehr wie einen Dialog vorstellen.
Tankred Lerch liebt das Agnesviertel
Mit Kurt Krömer hat Lerch beispielsweise intensiv zusammengearbeitet, sie schrieben über eine gemeinsame Reise nach Afghanistan sogar ein Buch, das ein Bestseller wurde („Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will“, 2013). „Das funktioniert, weil wir in vielen Sachen ähnlich sind und vom Humor her ähnlich ticken. Wir gehen spazieren, ich erzähle eine Geschichte, und er erzählt es in seinen Worten. Dann bleibt er stehen und dann kommt das Stand-Up auf seinen Punkt: Okay, das sitzt. Und weiter geht’s. Da ist viel Eigenleistung mit dabei.“
Am Donnerstag, 23. April liest Lerch um 20 Uhr in der Agnesbuchhandlung an der Neusser Straße. Eintritt kostet 15 Euro, ermäßigt 12 Euro.
Tankred Lerch, Gott schütze die Nase *und die Eier meiner Mutter. Etwa zwanzig Short Stories, Verlag Bärmeier und Nikel, 160 Seiten.

