Kolumne zum Diversity-TagVielfalt ist das Gegenteil von nervig

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Eine riesige Regenbogenfahne liegt am Diversity-Tag vor dem Reichstagsgebäude.

Eine riesige Regenbogenfahne liegt am Diversity-Tag vor dem Reichstagsgebäude.

Die Diskussion über Menschen, die irgendwie anders als viele andere sind, ist zu oft fokussiert auf Probleme – Das muss sich ändern. Ein Gastbeitrag von Erik Flügge.

Die Mehrheit unserer Gesellschaft hat ein Bild von Normalität im Kopf. Jede Abweichung von diesem Bild muss sich erklären und häufig genug rechtfertigen. Das nervt besonders all diejenigen, die diesem Bild von Normalität nicht entsprechen. Menschen mit anderer Herkunft oder Hautfarbe, anderer Sexualität oder Geschlechtlichkeit, aber auch Menschen mit blau gefärbten Haaren, Düsseldorfer und Motorradrocker.

Seit einigen Jahren werden diese Bilder von Normalität kritisch durchleuchtet. Die Menschen sollen nicht nur verstehen, dass unsere Gesellschaft vielfältig ist, sondern die Vielfalt von Anfang an mitdenken, anstatt sich selbst als Standardfall zu denken. Sie sollen sehen, was es alles gibt und daran ihre eigenen Vorstellungen kritisch überprüfen können. Das wiederum nervt nicht wenige in der Mehrheitsgesellschaft. Mancher hat den Eindruck, es gehe ständig nur noch um Schwule, Migranten, Gendersterne und Transpersonen.

Falls Sie zu dieser Gruppe gehören, denen das Thema Diversity auf den Geist geht, dann muss ich Ihnen leider sagen, heute haben Sie sich den falschen Artikel ausgesucht. Ich kann Sie aber beruhigen: Ich schreibe jeden Monat eine Kolumne hier im „Kölner Stadt-Anzeiger“, und heute lesen Sie zum ersten Mal von mir, dass ich nebenbei auch noch ein schwuler Mann bin. Also ruhig Blut, es geht nicht ständig um Vielfalt – nur manchmal, und das ist auch gut.

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Vielfalt sorgt für beruflich spannende Entwicklungen

Bei einer Sache, beim Thema Vielfalt bin ich persönlich allerdings auch genervt. Die Diskussion über Menschen, die irgendwie anders als viele andere sind, dreht sich für meinen Geschmack viel zu oft um Probleme. Die gibt es, keine Frage. Aber es gibt auch das genaue Gegenteil: Menschen mit Vielfaltsmerkmalen – diese Formulierung ist mein Versuch, niemanden zu vergessen – erweisen sich besonders häufig als beruflich spannende Persönlichkeiten.

Schwule zum Beispiel entkommen deutlich häufiger der Armut ihrer Familie als heterosexuelle Geschwister in armen Familien. Der Grund ist, dass die schwulen Jungs mit den anderen heterosexuellen Jungs im sozialen Umfeld nicht viel anfangen können und sich eine neue Freundesgruppe suchen. So lernen sie neue Perspektiven und finden häufiger Wege raus aus der Armut.

Diversity-Tag: Ein Coming-out ist auch ein Stärketest

Genauso ist es übrigens auch mit jedem Coming-out. Personen, die zu dem stehen, wer sie sind, haben einen echten Stärketest bestanden. Ein Coming-out – das meint, dass man zum Beispiel öffentlich sagt, dass man schwul, lesbisch, bi oder trans ist – ist eine Form von Unternehmergeist. Man geht Risiken ein, um ein besseres Leben zu gewinnen – und wenn Sie mich fragen, ich habe noch nie eine Person getroffen, die ihr Coming-out bereut hat.

Das Spannende an meinem Vergleich mit dem Unternehmergeist ist, dass wir in der Wirtschaft – ich bin selbst erfolgreicher Unternehmer – genau solche Menschen dringend suchen. Leute, die Leitung für sich und andere wahrnehmen können und ihren Mann, ihre Frau oder Ihre Person stehen. Viel Stärke ist also zu finden bei all den Menschen, die ein bisschen anders sind, und das erklärt auch, warum heutzutage jedes größere Unternehmen gerade nach diesen Leuten händeringend Ausschau hält.


Erik Flügge ist Geschäftsführer der Kölner Beratungsfirma „Squirrel & Nuts“ in Köln und Kolumnist für den Stadt-Anzeiger.Er ist Stifter der Stiftung „Come Out!“.

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