Für 2,6 Millionen Euro stellt die AVG ihre Transporte von Rostasche auf Elektromobilität um. Drei E-Lastwagen pendeln ab sofort zwischen Niehl und der Deponie in Erftstadt.
KreislaufwirtschaftBei der AVG Köln fahren Lkw mit Strom aus Müll

Die neuen Elektro-Lkw der AVG Köln im Schnellladepark an der Geestemünder Straße in Niehl.
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Beim Gang zur Restmülltonne dürfen die Kölner ab sofort ein weniger schlechtes Gewissen haben, wenn das überhaupt möglich ist. Der Müll-Kreislauf, den sie damit in Gang setzen, ist an einer Stelle seit dieser Woche etwas umweltfreundlicher.
Aber der Reihe nach: Der gesamte Abfall, im vergangenen Jahr waren es 690.600 Tonnen Haus- und Sperrmüll einschließlich der Sortierreste aus anderen Müllbehältern, wird in der Müllverbrennungsanlage in Niehl verbrannt. Täglich rund 2000 Tonnen – sieben Tage die Woche in drei Schichten ohne Unterbrechung. Der Kölner Anteil waren 228.000 Tonnen Restmüll und 42.300 Tonnen Sperrgut.
Bei der Verbrennung fallen pro Jahr rund 180.000 Tonnen Rostasche an. Sie enthalten größtenteils mineralische Bestandteile wie Asche, Schlacke und Reste von Keramik, Glas oder Beton, aber auch Metalle wie Eisen, Aluminium und Kupfer. 180.000 Tonnen, die per Lkw von Köln-Niehl ins 30 Kilometer entfernte Erftstadt auf die Deponie Ville transportiert und aufbereitet werden.
Aus Abfall wird Energie, und aus dieser Energie wird Mobilität
Für das Management der Abfallverwertungsgesellschaft Köln (AVG) ist der 8. September ein besonderer Tag. Im Schatten des Müllofens nehmen Martin Garth und Karl Georg Boje den neuen E-Ladepark und drei E-Lkw in Betrieb, die mit Strom betrieben werden, der beim Verbrennen des Restmülls entsteht. 2,6 Millionen Euro hat die AVG investiert – ein kleiner Zuschuss von 87.000 Euro aus einem Förderprogramm des Bundes für Elektromobilität eingerechnet. Es sind die ersten Elektro-Lkw, die mit Müll angetrieben werden, um Müll zu transportieren.

Setzt auf Kreislaufwirtschaft: AVG-Geschäftsführer Martin Garth
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Martin Garth drückt das bei der Inbetriebnahme des neuen Ladeparks an der Geestemünder Straße etwas sachlicher aus. „Aus Abfall wird Energie, und aus dieser Energie wird Mobilität. Viel anschaulicher kann man kaum zeigen, was moderne Kreislauf- und Energiewirtschaft heute bedeutet“, sagt der AVG-Chef. „Mit unserer Ladestruktur verbinden wir Energieerzeugung und Logistik zu einem konkreten betrieblichen Konzept.“
Bisher pendeln bis zu neun Lastwagen viermal täglich im Ein-Schicht-Betrieb zwischen dem Müllofen in Niehl und der Aufbereitungsanlage auf der Deponie in Erftstadt. Die drei neuen firmeneigenen Fahrzeuge fahren ab sofort mit Eigenstrom, der vom AVG-Kraftwerk direkt in die neun Ladesäulen gespeist wird. „Für eine Schicht braucht man zwischen acht und neun Lastwagen. Wir haben also immer noch Fahrzeuge mit konventionellem Dieselantrieb im Einsatz“, sagt Mit-Geschäftsführer Karl Georg Boje.

Die Müllverbrennungsanlage in Niehl liefert Strom für die ersten drei E-Lkw der AVG.
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Auch das soll sich möglichst schnell ändern. Geplant ist ein Zwei-Schicht-Betrieb und der Kauf weiterer E-Lkw von Mercedes-Benz. Bisher transportiert die AVG nur ein Drittel der Rostaschemengen selbst. „Wir wollen diesen Anteil auf bis zu 80 Prozent erhöhen“, sagt Boje. „Das ist das nächste Projekt.“
Die strombetriebenen Zugmaschinen kosten pro Stück rund 300.000 Euro, doch dieser Preis amortisiere sich innerhalb eines Jahres durch die Einsparungen beim Strom, den Wegfall der Mautgebühr und Einsparungen beim CO₂. Vollelektrische Autos erzeugen im Betrieb keine direkten Emissionen. Der Strom gilt als anrechenbar. Je sauberer der Strommix, desto mehr CO₂-Einsparung lässt sich zertifizieren.
Die AVG-Chefs in Köln sind so etwas wie die Musterschüler der Kreislaufwirtschaft. Umso ärgerlicher ist, dass ausgerechnet der Grünen-Politiker Oliver Krischer als Verkehrs- und Umweltminister in Nordrhein-Westfalen den Eröffnungstermin kurzfristig absagen musste. Schließlich hat die Landesregierung unter Federführung der Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) Anfang vergangener Woche die erste Kreislaufwirtschaftsstrategie für NRW verabschiedet.
Kreislaufwirtschaft in NRW: Bruttowertschöpfung von 20 Milliarden Euro
„Projekte wie dieses setzen wichtige Impulse, treiben die Elektrifizierung von Fahrzeugflotten voran und ebnen den Weg für eine emissionsfreie Logistik von morgen“, lobt Krischers Vertretung, Staatssekretär Viktor Haase.
Nach Angaben der Landesregierung erzielen Unternehmen, die sich der Kreislaufwirtschaft verschrieben haben, schon heute eine Bruttowertschöpfung von mehr als 20 Milliarden Euro und sichern damit rund 240.000 Jobs in NRW.
Mit der Strategie will NRW einen „grundlegenden Wandel im Umgang mit Ressourcen“ erreichen, heißt es in einer Erklärung der Landesregierung. Die nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie sieht vor, dass bis 2045 der Rohstoffkonsum in Deutschland auf sechs bis acht Tonnen pro Kopf und Jahr sinkt. Derzeit sind es rund 16 Tonnen. Gleichzeitig will NRW den Anteil zirkulär genutzter Materialien deutlich erhöhen. Beim Ausbau der Recyclingkapazitäten für kritische Rohstoffe will das bevölkerungsreichste Bundesland mit seinen vielen Unternehmen in diesem Bereich zum Erreichen des europäischen Ziels beitragen, künftig mindestens 25 Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen durch Recycling zu decken.
Neue Aufbereitungsanlage für Rostasche auf der Deponie Ville
Für die AVG ist das längst Alltag. Auf dem Gelände der Deponie Ville wird derzeit eine neue Aufbereitungsanlage für Rostasche gebaut, die im September 2027 den 15 Jahre alten Vorgänger ersetzen soll. Durch die moderne Sortiertechnik sollen künftig 90 statt bisher 75 Prozent der in den Aschen befindlichen Altmetalle zurückgewonnen und als Sekundär-Rohstoffe eingesetzt werden.
Erreicht wird dies durch eine gekoppelte Anordnung mehrerer Eisen- und Nichteisen-Abscheider, die selbst noch Metallpartikel von wenigen Millimetern erfassen und ausschleusen können. Gerade die feinen Metalle, die hauptsächlich als Verbunde zum Beispiel in Verpackungen oder elektronischen Bauteilen im Abfall anfallen, werden durch die Müllverbrennung erst freigelegt und können aus den Rostaschen zurückgewonnen werden.
Die Rostaschen sollen dann von bis zu neun E-Lkw von Niehl nach Erftstadt gebracht werden. Lkw, die nicht nur elektrisch fahren, sondern deren Nebenantriebe wie die Kipphydraulik auch mit Strom versorgt werden, der aus dem Fahrzeugantrieb kommt. „Das gab es bei Daimler so ab Werk noch nie“, sagt AVG-Boss Martin Garth. „Wir sind die Ersten, die das testen. Solche Vorhaben entstehen nicht über Nacht. Wir sind längst mehr als ein reines Abfallunternehmen.“
