Kölner Jesiden möchten mit ihrem „Ezidischen Kulturverein für Menschenrechte“ die Erinnerung an den Völkermord aufrechterhalten und sich für Menschenrechte einsetzen.
Für Erinnerung und MenschenrechteJesiden gründen Kulturverein in Köln-Weiden

Die Mitglieder des „Ezidischen Kulturvereins für Menschenrechte“ stehen in Weiden an ihrem Vereinssitz. Gert Meyer-Jüres (Mitte) von der Willkommensinitiative Köln-West half bei der Gründung.
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Ein ungutes Gefühl beschlich Nawas Ghalem, als er am Morgen des 13. August 2014 mit Familienmitgliedern in ihrer Feigenbaumplantage im Shingal- (Sindschar-) Gebirge im Nordirak unterwegs war und seinen Lehrer anrief. Der damals Elfjährige wollte etwas über eine Klassenarbeit wissen. Doch der Lehrer ging nicht ans Telefon, was untypisch für ihn war. Ein Anruf seines Onkels bestätigte die Ahnung: „Der IS hat den Süden angegriffen und 1000 Leute getötet“, schilderte er. Die anderen Familienmitglieder sollten ins Dorf zurückkommen. Sie müssten nach Kurdistan fliehen. Und so machten sie sich auf den Weg, zusammen mit vielen anderen.
Heute sitzt Nawas mit seinem Cousin Salam Ghalem in der Wohnung von Jamal Quasim an der Lübecker Straße in Weiden. Sie haben einen Verein gegründet, den „Ezidischen (Jesidischen) Kulturverein für Menschenrechte“. Quasim ist Vereinsvorsitzender. Auch er ist 2014 aus dem Nordirak geflohen. Die Vereinsmitglieder möchten in der Diaspora die jesidische Kultur pflegen, sich für Menschenrechte einsetzen, über den Völkermord an den Jesiden aufklären und über ihre heutige Situation. Denn viele sind aktuell von Abschiebung bedroht. Über 200.000 leben in Deutschland.

Jesiden bei der Demonstration zum Gedenken an den Jahrestag des Massakers an ihrem Volk im Nordirak auf dem Bahnhofsvorplatz am 3. 8. 2026
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Es handelt sich um die größte Diasporagemeinde von den insgesamt schätzungsweise rund 1 Million Jesiden, die es 2014 auf der Flucht in alle Himmelsrichtungen verschlug. Wer sich gerade wo befand, bestimmte über das Überleben und den weiteren Fluchtweg. Dabei waren sie vorgewarnt, wie Salam Ghalem erzählt: Schon als der IS im Juni 2014 die Stadt Mosul angriff, hätten die Jesiden Shingal verlassen wollen. Doch die kurdischen Peschmerga, die Streitkräfte der autonomen Region Kurdistan im Irak, hätten sie nicht gehen lassen und versprochen, sie zu schützen. „Als der IS uns dann überfiel, waren sie nicht da. Sie hatten sich zurückgezogen“, sagt Ghalem. Die rund 1700 Menschen in dem zu Shingal gehörenden Dorf Kocho hatten keine Chance. Es wurde vom IS umzingelt, die Männer wurden getötet, die Frauen und Kinder wurden verschleppt.
250.000 Menschen flohen ins Shingal-Gebirge im Nordirak
Die Menschen aus den anderen Dörfern traten die Flucht in das Shingal-Gebirge an. Sehr viele hatten kein Auto und waren zu Fuß unterwegs, bei 40 Grad im Schatten, mit wenig oder ohne Wasser und Proviant. Rund 250.000 Jesiden flüchteten ins Gebirge und waren vom IS eingeschlossen. „Wir waren sieben Tage dort, während die Welt zuschaute“, erzählt Salam Ghalem. „Tausende, vor allem ältere Menschen und Kinder, verdursteten und verhungerten.“
Schließlich gelang es der PKK, der kurdischen Miliz YPG und jesidischen Kämpfern, einen Fluchtkorridor vom Shingal-Gebirge nach Syrien zu öffnen, von wo aus sie weiter nach Kurdistan flüchteten, hunderte Kilometer zu Fuß. Viele leben dort seit zwölf Jahren in Zeltcamps. Salams und Narwas Familien besaßen ein Auto, das sie verkaufen konnten, hatten einige Ersparnisse und kauften sich bei Schleusern den Weg nach Europa frei: Sie flohen über die Türkei und das Meer nach Griechenland, danach ging es weiter über die Balkan-Route bis nach Deutschland.
Massengräber in Shingal – 7000 Frauen wurden verkauft
Vergessen können sie die Ereignisse am 3. August 2014 nicht. Zuletzt haben sie am Jahrestag des Genozids mit einer Demo am Kölner Dom auf das Schicksal ihres Volkes aufmerksam gemacht: „Wir haben 13.000 Menschen verloren, über 5000 sind gestorben, über 7000 Frauen und Kinder wurden verkauft. Noch immer sind 2700 Frauen und Kinder verschwunden“, schildert Salam Ghalem. Später entdeckte man in Shingal 96 Massengräber. Deutschland hat den Völkermord an den Jesiden im Januar 2023 als solchen anerkannt.
Salam und Nawas Ghalem sind in Deutschland zur Schule gegangen. Salam absolviert eine Ausbildung als Augenoptiker. Nawas Ghalem ist mittlerweile Bauzeichner und möchte nun in Berlin Architektur studieren. Wenn er und Salam nicht an den Ort zurückgeschickt werden, wo sie den Terror erlebten, in eine Geisterstadt. „Shingal ist eine Ruine“, sagt Salam Ghalem. „Unsere Nachbarn haben dem IS geholfen. Sie sind immer noch dort. Heute tragen sie Polizeiuniformen.“
