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Köln früher und heuteErste Großsiedlung nach dem Krieg – Wie sich die Stegerwaldsiedlung über die Jahre veränderte

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Viele Geschäfte, dafür wenig Autos - die Stegerwaldsiedlung im Jahr 1955

Viele Geschäfte, dafür wenig Autos – die Stegerwaldsiedlung im Jahr 1955

Im Köln der Nachkriegszeit fehlte es an Wohnungen. Zwischen 1952 und 1956 wurde daher die Siedlung für rund 6000 Menschen gebaut.

Nach dem Krieg eine ordentliche Wohnung zu haben, war nicht selbstverständlich in Köln. Noch 1950 mussten sich rund 46.500 Menschen mit Notunterkünften zufriedengeben. Sie lebten in Bunkern, Kellern oder Ruinen. Betroffen waren oft einkommensschwache Schichten, waren doch vor allem dichtbesiedelte Viertel im Krieg bombardiert worden. Da nun auch Evakuierte und Heimatvertriebene aus dem Osten nach Köln kamen, verschärfte sich die Krise. Wer in der Stegerwaldsiedlung wohnen durfte, konnte sich deshalb glücklich schätzen.

Das Erscheinungsbild der Stegerwaldsiedlung hat sich durch Fassadenmodernisierungen stark geändert.

Das Erscheinungsbild der Stegerwaldsiedlung hat sich durch Fassadenmodernisierungen stark geändert.

Von 1952 bis 1956 ließ die Deutsche Wohnungsgesellschaft (Dewog) zwischen dem Pfälzischer Ring, der Deutz-Mülheimer Straße und Bahngleisen ein neues Quartier mit 1677 Wohneinheiten für rund 6000 Menschen errichten. Notwohnungen auf einer Industriebrache der Vereinigte Stahlwerke van der Zypen und Wissener Eisenhütten AG waren dafür abgebrochen worden. Die früheste Kölner Großsiedlung nach dem Krieg lag damals auf Deutzer Gebiet, wurde aber in den 1970er Jahren Mülheim zugeschlagen, was vielen Bewohnern missfiel.

Heute wohnen etwa 3000 Menschen in der Siedlung

Durch die inselartige Lage zwischen Verkehrswegen und Industriegebieten war eine gute Infrastruktur von Anfang an wichtig. Zur Erstausstattung zählten ein Kindergarten und eine Schule, außerdem Kirchen, Altenwohnungen und Wohnheime für Ledige. „Die Siedlung war autark“, sagt Manfred Moll, Hobby-Historiker und von 1954 bis 1973 in der Stegerwaldsiedlung zu Hause. Metzgerei, Sparkasse, Apotheke oder Post– alles für den täglichen Bedarf sei vorhanden gewesen: „Wir hatten sogar ein Ärztehaus.“

Heute wohnen rund 3000 Menschen in der Siedlung, doch die Nahversorgung ist lückenhaft. „Die Menschen hier sind ein bisschen abgeschnitten“, sagt Marius Henne, Sozialraumkoordinator für Buchforst und Mülheim-Süd. Außer einem Discounter gebe es keine Geschäfte mehr. Wer mehr will, muss die Straßenbahn oder sein Auto nutzen. Nicht so einfach vor allem für ältere Bewohner.

Die Deutsche Wohnungsgesellschaft wollte vor allem Familien fördern

„An der Stegerwaldsiedlung ist sehr interessant, dass sie nicht nur von einem Architekten, sondern von einem ganzen Team gestaltet wurde“, so der frühere Kölner Stadtkonservator Ulrich Krings. Hochhäuser wechseln sich mit viergeschossigen Mehrfamilienhäusern mit Satteldach ab, deren Wohnungen oft mit Laubengängen erschlossen werden. Zentral liegt die katholische Kirche St. Urban von Architekt Fritz Schaller. Für die katholisch geprägte Dewog war es das erste große Bauprojekt. Sie wollte vor allem Familien fördern. Namensgeber der Siedlung wurde Adam Stegerwald, christlicher Sozialpolitiker und Gewerkschafter.

Manfred Moll musste sich ab 1954 an der Theodor-Brauer-Straße eine 45-Quadratmeter-Wohnung mit seinem Bruder und seinen Eltern teilen. Das Bad befand sich im Keller. Platz für eine Waschmaschine war nicht vorhanden, dafür gab es eine Großwäscherei auf dem Gelände, die die Arbeit für ein bisschen Geld übernahm. Überwiegend katholische Familien hätten anfangs in der Stegerwaldsiedlung gelebt, später zunehmend Menschen mit Migrationshintergrund: „Auch heute ist die Mischung sehr groß.“

Durch umfangreiche Fassadenmodernisierungen hat sich das Erscheinungsbild vieler Gebäude vor einigen Jahren stark verändert. „Dadurch gab es hier und da auch Mietsteigerungen“, so Marius Henne. Eine Erhaltungssatzung, die die Bewohner vor Verdrängungsprozessen schützen sollte, sei vor zwei Jahren aufgehoben worden. „Aber es passieren auch schöne Dinge“, sagt der Sozialraumkoordinator. Dazu zählten zum Beispiel die Begegnungen im neuen Awo-Stadtteiltreff Mülheim, der Sprachkurse anbietet, Beratungsangebote und einen interkulturellen Chor. Zu hoffen sei, dass sich durch geplante Neubaugebiete in der Nachbarschaft eines Tages auch wieder die Infrastruktur für die Bewohner der Stegerwaldsiedlung verbessere.