Bundespräsident Steinmeier bei Gedenkfeier Birlikte„Wir haben die Dimension des rechten Terrors lange nicht wahrhaben wollen“

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Bundespräsident Frank-Walter-Steinmeier sprach beim Gedenkfest an die Opfer des NSU in Köln-Mülheim.

Auch Bundespräsident Frank-Walter-Steinmeier sprach beim Gedenkfest an die Opfer des NSU in Köln-Mülheim.

Nach dem Fehlalarm eines Bombenspürhundes startete der Gedenktag in Mülheim mit Verspätung. Im Zentrum standen trotz prominenter Redner die Stimmen der Betroffenen.

Vor dem Bundespräsidenten, dem Ministerpräsidenten und der Kölner Oberbürgermeisterin steht beim Birlikte-Fest am Sonntag Özcan Yildirim auf der Bühne, um sein Schweigen zu brechen: Vor dem Friseursalon von ihm und seinem Bruder Hasan in der Keupstraße war vor genau 20 Jahren, am 9. Juni 2004, eine Nagelbombe explodiert, die der rechtsextreme NSU dort platziert hatte. Mehr als 20 Menschen waren zum Teil schwer verletzt worden – viele sind bis heute traumatisiert.

Die Yildirims waren wie viele andere Opfer des Anschlags über Jahre zu Unrecht verdächtigt worden. „Man hat uns beschuldigt, wir seien kriminell, hätten Schutzgeld angenommen, seien Teil der türkischen oder kurdischen Mafia“, erinnert sich Özcan Yildirim. „Erst sieben Jahre später kam die Wahrheit ans Licht. Bis heute haben wir nicht mehr als eine Entschuldigung erhalten. Und das, obwohl wir finanziell und psychisch schwere Schäden davongetragen haben.“

Verpäteter Start weil Bombenspürhunde anschlagen

20 Jahre habe er geschwiegen, sich nur fotografieren lassen und höchstens belanglose Worte gesagt, sagt der Friseur, der vom Tatort umgezogen ist – 100 Meter weiter in ein anderes Ladenlokal, „aber meine Söhne haben mir gesagt: Wir dürfen nicht noch einmal angeschuldigt werden, wir müssen endlich sprechen.“ Also stehe er nun hier. „Fotos und Symbole reichen nicht“, sagt Yildirim, „was wir brauchen, ist die volle Solidarität und ein klares Nein zum Rassismus!“ Einige der Menschen an der Bühne haben Tränen in den Augen.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt mehr als eine Stunde später als geplant auf die Bühne. Bombenspürhunde der Polizei hatten in der Nähe der Hauptbühne an der Keupstraße angeschlagen. Es sei ein verdächtiger Gegenstand gefunden worden sein, hieß es zunächst. Viele Menschen mussten an den Eingängen zur Keupstraße warten. Gegen 14:30 Uhr gibt die Polizei Entwarnung: Die Ermittler konnten keine gefährlichen Gegenstände finden. Wie der Sprecher der Polizei sagte, hatten die Hunde im Bereich eines Hydranten angeschlagen.

Unter anderem Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) und Hendrik Wüst (CDU) kamen zum Gedenktag nach Mülheim.

Unter anderem Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) und Hendrik Wüst (CDU) kamen zum Gedenktag nach Mülheim.

„Wir setzen ein Zeichen gegen Rechtsextremismus, gegen Rassismus, gegen Menschenfeindlichkeit – und wir setzen gemeinsam für unser Land ein Zeichen gegen politisch motivierte Gewalt – ganz gleich, von wem sie ausgeht“, sagt Steinmeier, der sich beschämt über das Versagen des Staates zeigt. „Die bittere Wahrheit ist: Wir, Politik, der Staat und seine Sicherheitsbehörden, haben die Dimension des rechten Terrors, dessen blutige Spur sich über mehr als zehn Jahre durchs Land zog, lange nicht wahrhaben wollen. Wir waren lange blind für ein Netzwerk, das aus Rassenhass und menschenfeindlicher Nazi-Ideologie mordete, verletzte und raubte, obwohl es durchaus Spuren hinterließ. Wir haben viel zu lange gebraucht, um Zusammenhänge zu erkennen.“

Birlikte: Redner appellieren an Verbundenheit

Immerhin hätten es die Rechtsextremen nicht geschafft, die Gesellschaft zu spalten. „Diejenigen, die hier vor 20 Jahren ihren zynischen, rassistischen Mordplan weiterführen wollten, sie haben es nicht geschafft, uns auseinanderzutreiben. Und auch diejenigen, die deren menschenverachtende Ideologie heute teilen, werden dies nicht schaffen! Im Gegenteil: Wir sind hier, wir sind zusammen – Birlikte!“ Langanhaltender Applaus.

Gemeinschaft ist am Sonntag in Mülheim überall zu spüren. Vor den Restaurants und Geschäften sind Tische aufgebaut, deutsche und türkische Fahnen wehen vor der Keupstraße 23, dort, wo vor 20 Jahren eine Nagelbombe explodierte. An einer Hausfassade flattert eine wandgroße Fahne in schwarz-rot-gelb mit Sternen als Zeichen für die deutsch-türkische Verbundenheit. Tausende Menschen aller Generationen und Kulturen sind da.

An Zusammenhalt und Verbundenheit erinnern fast alle Rednerinnen und Redner auf der Bühne. Ministerpräsident Hendrik Wüst erneuert das, was er zuvor schon in einem Gastbeitrag für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ gesagt hatte: „Vor 20 Jahren hat der Staat gleich doppelt versagt: Er hat die Opfer zu Tätern gemacht“, sagt er. „Ich bitte Sie alle, die davon betroffen waren und sind, um Entschuldigung.“ An diesem Tag denke er an alle, die bis heute mit den Folgen der Wunden des Anschlags zu kämpfen hätten. „Hass und Hetze haben in unserem Land keinen Platz!“

„Was es braucht, ist Aufklärung, Gerechtigkeit, Konsequenzen und ein würdiges Gedenken! Sonst bleiben ihre Worte leere Worte, Herr Ministerpräsident“
Rednerin bei Birlikte

Der Anschlag der rechtsextremen NSU-Organisation „hat das Leben in der Stadt Köln und unser Zusammenleben hier bedroht“, sagt Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. „Wir stehen zusammen – Birlikte – das ist ein Appell für ein tolerantes und friedliches Zusammenleben der Kulturen in unserer Stadt.“ Auch die Stadt Köln habe lange Zeit nicht genug getan, um den Opfern zu helfen. „Es reicht nicht, von Toleranz zu singen. Mir tut das Geschehene sehr leid.“

Desto wichtiger sei es, aus der Zukunft zu lernen, und „entschieden zusammenzustehen“, so Reker. Die Demokratie befinde sich „in einem Abwehrkampf mit ungewissem Ausgang“. Das Mahnmal an das Nagelbombenattentat sei wichtig, um „nachhaltig an das Geschehene zu erinnern und es in Zukunft besser zu machen“.

Betroffene sagten später auf der Bühne indes auch, dass eine Entschuldigung nicht reiche: „Was es braucht, ist Aufklärung, Gerechtigkeit, Konsequenzen und ein würdiges Gedenken! Sonst bleiben ihre Worte leere Worte, Herr Ministerpräsident“, sagte eine Rednerin. Die angestaute Wut kommt in den Beiträgen immer wieder hoch.

Vielfältiges Programm bei Birlikte

Das Programm ist so vielfältig wie seine Akteure: Lesungen, Ausstellungen, Aufführungen und Konzerte gibt es auf verschiedenen Bühnen, im Schauspiel, auf der Straße, in Cafés, Restaurants und in Hinterhöfen. Eine Präsentation und ein Podiumsgespräch beschäftigen sich mit dem geplanten Mahnmal an der Keupstraße. Über Wege zum Gedenken an rechtsextreme Gewalt und deren Aufarbeitung diskutieren derweil Aktivist Gianni Jovanovic, Ayşe Güleç von der Bundeszentrale für politische Bildung und Sozialwissenschaftler Fabian Virchow im Depot 1 des Schauspiels. Später diskutiert ein Podium über die Rolle der Medien in Bezug auf rechtsextremen Terror, bevor das Bündnis „Köln stellt sich quer“ über Kölner Strategien gegen Rechtsextremismus diskutiert.

Menschen feiern auf der Keupstraße.

Gemeinschaft ist am Sonntag in Mülheim bei Birlikte überall zu spüren.

Cihat Genç ist da, Angehöriger der bei einem rechtsextremistischen Brandanschlag von Solingen ermordeten Familie Genç, um über Bildungsarbeit aus der Sicht von Betroffenen zu sprechen, und Ibrahim Arslan, Überlebender des Brandanschlags von Mölln. Betroffene des Anschlags auf der Keupstraße sprechen über Traumata und über falsche Beschuldigungen. Einer erzählt, dass er die Keupstraße nach dem Anschlag verlassen musste.

Am Abend sprechen Schriftsteller Navid Kermani, der scheidende Schauspiel-Intendant Stefan Bachmann und Regisseur Nuran David Calis („Die Lücke“) über „die Kraft der Veränderung in Köln-Mülheim durch die große Kunst der Nachbarschaft“.

Auf der großen Bühne an der Schanzenstraße spielen am Nachmittag und Abend viele der Künstlerinnen und Künstler, die sich schon seit langem gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit engagieren: Brings, Microphone Mafia und Kasalla, Eko Fresh, Paveier und Bläck Fööss, Carolin Kebekus, Ata Canani, Negah Amiri, Chefket und Stadtgeklimper, Mehmet Akbaş und Ensemble und Sebastian Krumbiegel. 

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