Kölner Holocaust-ÜberlebendeNachruf auf Faye Cukier – Erinnerungen einer Unbeugsamen

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Faye Cukier trägt an ihrem 100. Geburtstag ein lila Hütchen und ein lila Hemd. Sie schaut lächelnd in die Kamera.

Faye Cukier wurde am 15. Juni 1922 in Mülheim geboren.

Die Kölner Holocaust-Überlebende Faye Cukier ist am Montag im Alter von 100 Jahren gestorben. Ein Nachruf

Als Faye Cukier im vergangenen Juni im Elternheim der Kölner Synagogen-Gemeinde ihren 100. Geburtstag feierte, fiel ihr ein, dass sie als 16-Jährige auf der Keupstraße mit Steinen beworfen und als Jüdin beschimpft worden war. Es ging ihr nicht gut, sie saß im Rollstuhl, sprach in kurzen, leisen Sätzen, erinnerte sich an manches nicht – an die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens aber sehr genau.

Die antisemitischen Beleidigungen, die sie ertragen musste, wusste sie im Wortlaut und kölschem Dialekt. Sie erinnerte sich, wie ein Nazi-Polizist sie im belgischen Exil verhaften wollte – und sie mit ihm flirtete, um ihn umzustimmen. Auch ein Kölner Lehrer, der ihr Ohrfeigen gegeben habe, war ihr präsent. Am Montag ist die NS-Zeitzeugin und Holocaust-Überlebende Faye Cukier gestorben.

Antisemitischer Angriff auf der Kölner Keupstraße

In Erinnerung bleibt die kleine Frau, die gern ein Hütchen und knallroten Lippenstift trug und noch mit weit über 90 abends in Tanzcafés ging, als Frau mit großer Courage, Witz und Energie.

Kurz nach dem Angriff auf sie in der Keupstraße beschloss die Familie, Köln zu verlassen. Mit ihrer Mutter floh sie nach Belgien, eine Weiterreise nach England, die USA oder Kanada scheiterte auch, weil die Eltern nur die polnische Staatsbürgerschaft besaßen – und polnische Juden meist keine Einreiseerlaubnis erhielten.

Als 18-Jährige verkaufte Faye Cukier in Antwerpen Diamantenschmuck und sorgte durch ihre Arbeit für den Unterhalt der ganzen Familie. Der Deportation nach Auschwitz entging sie nur mit viel Glück, in Brüssel habe sie sich eine Nacht in einem Kaninchenstall verstecken müssen.

Faye Cukier schaut lächelnd in die Kamera

Faye Cukier an ihrem 100. Geburtstag vergangenen Juni

Schon als Schülerin hatte die als „Schönheit von Müllem“ bekannte Cukier davon geträumt, Schauspielerin zu werden. Die Nationalsozialisten hatten ihr wichtige Jahre ihres Lebens gestohlen – gebrochen hatten sie sie nicht. Nach dem Krieg zog Faye Cukier in die USA und begann zu modeln. Lange hatte sie zwei Wohnsitze: im Sommer lebte sie in Pennsylania, im Winter in Köln. Im gehobenen Alter machte sie eine Ausbildung zur Bauchtänzerin, in Kölner Tanzbars war die forsche Dame mit dem roten Lippenstift bekannt. Oft erzählte sie ihre Geschichte in Schulen und in den Erzählcafés des Bundesverbandes für NS-Verfolgte.

In den 1990er Jahren begann Cukier in den USA, ihre Geschichte aufzuschreiben und fand schnell einen Verlag. Die Biografie „Fleeing the Swastika“ („Flucht vor dem Hakenkreuz“) erschien vor zehn Jahren auch auf Deutsch. Stolz war Cukier, dass sie mit weit über 80 Jahren zum Werbegesicht der Kölner Verkehrsbetriebe wurde. Sie wollte gesehen und gehört werden – desto mehr nach dem Krieg, als sie für Jahre verstummen musste, um nicht ermordet zu werden.

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