In der aktuellen Ausgabe der Talkreihe „frank&frei“ ging es unter anderem um pazifistische Überzeugungen in Zeiten des Krieges.
„frank&frei“„Ethische Fragen sind auch durch einen Ukraine-Krieg nicht aus der Welt“

Rolf Mützenich (v.l.), Moderator Joachim Frank, Bischof Peter Kohlgraf, Eve-Marie Becker und Katajun Amirpur sprachen am Mittwochabend über die Militarisierung der Gesellschaft.
Copyright: Alexander Schwaiger
Vor fast genau vier Jahren begann der Ukraine-Krieg. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz erkannte darin einen historischen Wendepunkt und verkündete in seiner Zeitenwende-Rede eine Neuausrichtung der deutschen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Das hat Gewohntes verändert: Von Kriegstüchtigkeit ist die Rede, in Deutschland gilt seit Jahresbeginn ein neuer Wehrdienst, und die Evangelische Kirche (EKD) bekräftigt in ihrer jüngsten Friedensdenkschrift aus dem Jahr 2025, dass „militärische Maßnahmen“ zur Eindämmung von Gewalt notwendig sein können – bis hin zum Besitz von Nuklearwaffen aus sicherheitspolitischen Gründen.
Dass dieser Wandel die Menschen umtreibt, zeigte sich auch am Mittwochabend in der Karl-Rahner-Akademie. Rund 160 Interessierte hatten sich zur Talkreihe „frank&frei“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“ eingefunden, die nach dem richtigen Weg zum Frieden fragte und auch die Rolle des (christlichen) Pazifismus thematisierte. An der Gesprächsrunde nahmen die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, die evangelische Theologin Eve-Marie Becker, der frühere SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf teil.
Applaus für Mainzer Bischof Kohlgraf
Der Kölner Bundestagsabgeordnete Mützenich hatte diese Woche im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ davon gesprochen, dass „die Bellizisten derzeit die schlagenden Argumente auf ihrer Seite zu haben scheinen“. Auf dem Podium bekräftigte er dennoch seine Überzeugung, dass es neben dem Selbstverteidigungsrecht eines Staates „auch andere Möglichkeiten geben muss, um Kriege einzuhegen“. Diplomatie sei nicht wirkungslos. Das zeige etwa Xi Jinpings Aufruf zur Deeskalation, als die Biden-Regierung Ende 2022 nicht ausschließen konnte, dass Putin in der Ukraine taktische Atomwaffen einsetzt. Dass er für diese Haltung in der Kritik stehe, nehme er zur Kenntnis. Gleichwohl hätte er sich in dieser Frage insbesondere von den Kirchen mehr öffentlichen Zuspruch gewünscht.
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Bischof Kohlgraf, Präsident der Friedensbewegung „Pax Christi“ in Deutschland, verwies in diesem Zusammenhang auf den Papst: Leo XIV. habe davon gesprochen, dass man damit leben müsse, für dumm verkauft zu werden, wenn man sich als Christ für Gewaltlosigkeit einsetze. Dennoch betonte Kohlgraf: „Ethische Fragen sind auch durch einen Ukraine-Krieg nicht aus der Welt.“ In einer Demokratie komme es darauf an, Gewissensbildung zu betreiben, wenn man über Militär und Waffen spreche. Für diese Aussage erntete der Mainzer Bischof viel Applaus.
Wo Gewaltverzicht an Grenzen stößt
Islamwissenschaftlerin Amirpur wandte unter Verweis auf die jüngsten Proteste im Iran ein, wohin eine pervertierte, religiöse Gewissensbildung führen kann. Je nach Quelle sei von bis zu 20.000 Toten die Rede. Das Wahnwitzige sei, dass das iranische Regime für sich in Anspruch nehme, „den reinen mohammedanischen Islam“ umzusetzen. Deshalb laute die Anklage gegen die Demonstranten, „Krieg gegen Gott zu führen“. Sie sei ratlos, wie sie insbesondere ihren iranischstämmigen Studierenden eine theologische Herleitung zum Gewaltverzicht näherbringen könne: „Ich wüsste nicht, welche Blicke ich mir damit einhandeln würde.“
Die evangelische Theologin Becker stellte die Frage, „ob mit einer rein friedensbedingten Mentalität die Herausforderungen der Gegenwart angemessen angegangen werden können“. Da habe in der evangelischen Kirche ein Umdenken stattgefunden, das sich auch biblisch begründen lasse: „Das Doppelgebot der Liebe, Gottesliebe und Nächstenliebe ist ein Gebot. Die Feindesliebe, die Jesus und Paulus thematisieren, hat keinen Gebotsrang.“ Hier müsse differenziert werden.
Kohlgraf sprach sich dafür aus, das Vernunftgeleitete im Glauben stark zu machen. Er nehme wahr, dass Politik zunehmend religiös aufgeladen werde: Putin, der sich seinen Krieg vom russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill absegnen lasse. Trump, der sich nach dem überlebten Attentat als Auserwählten betrachte. Den Menschen müsse klargemacht werden, dass so kein Messias aussehe. „Außerdem glaube ich, dass der Messias schon gekommen ist“, sagte der Bischof. „Da habe ich ein gutes Modell, wie ich mir einen Messias vorstellen kann. Die beiden, die ich jetzt genannt habe, wären es für mich nicht.“

