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Nachruf auf Anestis DoulidisLeben und Kochen frei Schnauze

6 min

Charakterlich und körperlich ein Bär von Mann: Anestis Doulidis.

Köln – „Anestis, kochst du uns was Schönes?“ Diesen Satz hört er am liebsten. Und er hört ihn oft. Dann geht er in die Küche und wirft in die Töpfe, was gerade da ist: Oktopus, frische Kräuter, viel Knoblauch, alles mit einem guten Wein abgelöscht. Kochen frei Schnauze – das ist für ihn Genuss. Und Genuss spielt für den Wirt Anestis Doulidis eine große Rolle.

Anestis Doulidis

geboren:

10. März 1950 in Nikisiani, Griechenland

gestorben:

17. Oktober 2013 Köln

1950 wird er als erstes Kind seiner Eltern in Griechenland geboren, drei jüngere Geschwister folgen. Obwohl er auf eine gute Schule geht, macht ihm das Lernen nie wirklich Freude. Auch seine Kinder wird er später nicht zur Strebsamkeit drängen. Sie sollten lieber machen, worauf sie Lust haben, statt sich in der Schule von strengen Lehrern vorschreiben zu lassen, was wichtig und richtig ist.

Als Anestis 15 ist, bekommt sein Vater einen Job als Gastarbeiter, die Familie wandert aus nach Köln. Dort angekommen, absolviert er eine Ausbildung zum Industrieschlosser. Das ist zwar nicht Anestis Traumberuf, aber immerhin besser als Schule. Kaum ist er dem Regiment von Schule und Ausbildung entflohen, wartet das nächste auf ihn.

Anfang der Siebzigerjahre wird er vom Militär einberufen. Für Anestis bedeutet das: zurück nach Griechenland, weg von der Familie, hin zu einer neuen Autorität, die ihm sagt, was er zu tun und zu lassen hat. In Griechenland herrscht da die Militärjunta, eine Diktatur, die ihren Nachwuchs mit Drill und Härte erzieht. Kein gutes Klima für den Freigeist. Als die zwei Jahre Wehrdienst um sind, ist Anestis froh, nach Köln zurückkehren zu können.

Hier hat er seine Geschwister um sich, hier kann er seine Zeit wieder so verbringen, wie er möchte. Auf einer Weihnachtsfeier lernt er Emilia kennen, eine bildhübsche, junge Portugiesin. Mit Händen und Füßen machen sie sich bekannt, mit Händen und Füßen macht Emilia deutlich, dass sie sich für griechische Mythologie interessiert. Das lässt sich Anestis nicht zweimal sagen.

Emilia und die griechische Mythologie

Er erzählt die Geschichte der Ilias, von Athena und Apollon, die sich im Trojanischen Krieg gegenüberstehen. Der Mythos bleibt nicht die einzige Göttergeschichte an dem Abend. „Schon damals gefiel mir seine ruhige und gutmütige Art“, sagt Emilia. So lässt sie sich einige Tage später zu einer Verabredung zu viert mit ihrer Freundin, Anestis und dessen Bruder überreden. „Anestis wünscht sich so sehr, dass du auch kommst“, soll die Freundin gesagt haben. Gemeinsam gehen sie auf die Neujahrsfeier in den Gürzenich.

1980, als Anestis und Emilia schon drei Jahre verheiratet sind und ihr erster Sohn Alexander auf der Welt ist, wechselt er den Beruf. Als Busfahrer für die KVB zu arbeiten ist bis dato zwar kein schlechter Job, doch es gibt wieder Dienstpläne und autoritäre Chefs. Mit dem Restaurant „El Greco“ am Ubierring wagen er und seine Brüder den Schritt in die Selbstständigkeit. „Damals war es nicht so leicht, als Ausländer eine Konzession für ein Lokal in Deutschland zu bekommen“, erinnert sich seine Frau. „Anestis hat sich dahinter geklemmt, ist immer wieder zu den Ämtern gegangen.“ Der Laden wird eröffnet – und läuft. Besonders die Studenten und Professoren aus der Kunsthochschule gegenüber sind treue Gäste.

Frischer Fisch zum Abgucken

Wenig später zieht das Restaurant um, bleibt aber im Veedel. Das Lithos in der Teutoburger Straße wird zum ersten richtigen Fisch-Restaurant in der Südstadt. Von Sardinen über Muscheln bis zu Haifisch und Langusten reicht die Karte. Frischer Fisch ist im Rheinland etwas Besonderes. Die Bewunderung für Anestis’ Angebot geht so weit, dass die anderen Wirte aus der Nachbarschaft ihm auflauern und mit dem Auto heimlich hinterherfahren, um zu sehen, wo er seine Meerestiere kauft. Böse ist er darüber nicht, im Gegenteil.

Der Ruf vom Lithos spricht sich rum. Die Gäste kommen nicht nur wegen der guten Küche, auch das Ambiente stimmt. Oft rundet der Wirt die Preise ab, lässt Fünfe gerade sein und gibt einen Ouzo zum Abschied aus. Anestis ist gerne Gastgeber und mag es nicht, seine Gäste rausschmeißen zu müssen. Die Sperrstunde ist ihm ein Dorn im Auge. Nicht selten kommt es vor, dass er pünktlich um Mitternacht draußen die Bretterverschläge vor die Fenster stellt und der Betrieb drinnen weiterläuft.

Doch Anestis ist nicht nur Wirt, Freunde nennen ihn einen Kosmopoliten. Über Gott und die Welt kann er diskutieren, ist stets über das aktuelle Geschehen informiert. Die Zeit beim Militär und die Erfahrungen mit dem Junta-Regime haben ihn zum Sozialisten gemacht, zum Verfechter der Demokratie. Zu den Wahlen fliegt er nach Griechenland, um dort seine Stimme abzugeben. Oft sitzt der groß gewachsene Mann mit dem Rauschebart und der gemütlichen Statur im Restaurant und philosophiert mit seinen Gästen über Politik, das Leben und das Spiel.

Gespielt wird um Genuss

Spielen zählt zu Anestis’ Leidenschaften, am liebsten Karten, Kniffel oder Backgammon. Dabei kann es schon mal laut werden, wenn er herausfordert wird und sich dann ausgiebig freut, sobald sein Gegner auf einen seiner Spielzüge hereinfällt. Doch er ist ein fairer Spieler, kann verlieren und gibt zur Anerkennung einen Kaffee aus, einen Rotwein, ein Bier oder eine Limo. Gespielt wird um Genuss, nicht um Geld. Besonders Kaffee und Süßkram schmecken dem Lebemann Anestis Doulidis.

Anfang der Neunziger Jahre ziehen Restaurant und Gäste ein weiteres Mal um, ein paar Straßenecken weiter in die Alteburger Straße, ins Dialog. Unter neuem Namen wird die altbekannte, griechische Küche serviert. Inzwischen stehen auch seine Söhne Alexander und Joao immer öfter hinter dem Tresen und führen das Familienrestaurant. Anfangs fällt es Anestis schwer, sich aus dem täglichen Betrieb zurückzuziehen. Doch er vertraut seinen Söhnen, immer öfter fliegt er mit Emilia nach Portugal, um die Tochter zu besuchen, die dort studiert. Das Leben zwischen Griechenland, Portugal und Köln gefällt ihm.

Doch sein Herz wird schwächer, er muss auf seine Blut- und Cholesterinwerte achten, besser gesagt: Emilia achtet darauf. Ab jetzt gibt es morgens am Frühstückstisch nur noch Tee. Erst, wenn Anestis unten im Laden ist, genehmigt er sich einen kleinen Kaffee. Seine Süßigkeiten und Nüsse verteilt er auf verschiedene Verstecke in der Wohnung, damit Emilia sie nicht findet. Nur seinem Enkel verrät er die geheimen Orte.

Vor wenigen Jahren erleidet Anestis einen schweren Herzinfarkt, ein Warnschuss. Er hört auf zu rauchen und zieht sich aus dem beruflichen Alltag zurück. Weniger Stress und gesündere Ernährung sind jetzt die Devise. Sein Herzmuskel ist geschwollen, das Blut muss besser durch seinen Körper fließen. Doch die Devise bringt nichts mehr. Im Oktober vergangenen Jahres stirbt Anestis mit 63 Jahren an einem weiteren Herzinfarkt. Sein Sohn Alexander sagt nach seinem Tod: „Er hatte einfach ein zu großes Herz.“