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Erinnerungen an das alte Köln-Weidenpesch„Wir hatten zwei Kinos“

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Der frühere Seniorenvertreter Hans Peter Fiegen beim Gespräch im Bezirksrathaus Nippes.

Weidenpesch/Mauenheim – Er feiert im laufenden Jahr seinen 88. Geburtstag und war noch bis 2016 jahrelang als Seniorenvertreter für den Bezirk Nippes aktiv: Hans Peter Fiegen hat für Jahrzehnte im alten Merheim linksrheinisch gelebt, das 1952 in Weidenpesch umbenannt wurde – heute wohnt er im Grünen Hof im angrenzenden Mauenheim. Nun hat er Erinnerungen aus seiner Jugend niedergeschrieben, um der Nachwelt einen Eindruck des damaligen Veedelslebens zu geben. „Ich bin erstaunt, dass ich mittlerweile als fast Einziger noch ein sogenannter Zeitzeuge bin“, meint er. „Von meinen damaligen Klassenkameraden leben gerade noch fünf Mitschüler, von ihnen haben drei mit Demenz zu kämpfen.“ Mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ traf er sich zum Gespräch über die alten Zeiten.

Herr Fiegen, wann sind Sie nach Merheim, beziehungsweise Weidenpesch, gekommen?

Ich bin 1942 mit meinen Eltern hierhin gezogen, da mein Opa verstorben war und mein Vater das Objekt von ihm geerbt hatte. Früher wohnten wir an der Streitzeuggasse in der Innenstadt. In der Nähe von uns befand sich eine Synagoge; als kleiner Junge habe ich 1938 auch die Reichspogromnacht mitbekommen. Ich sah die Brände und die Menschen auf der Straße und dachte: Was läuft da ab? Die randalierenden NS-Schergen waren in einem Hotel in der Nähe untergebracht. Einen Tag zuvor waren uns die Mannschaftswagen aufgefallen, mit denen sie angereist kamen.

Als Sie in den Kölner Norden zogen, war der Zweite Weltkrieg dann schon mitten im Gange. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Vor allem an die vielen Bombardements erinnere ich mich. Die Bahnstrecke entlang des Ortes wurde oft beschossen, da die Wehrmacht über sie Nachschub transportierte. Die Royal Air Force überflog oft im Tiefflug das freie Feld; manchmal konnte ich sogar in die Pilotenkabine schauen. Vorne in der Propellermaschine saß der Pilot – und hinter ihm ein Soldat mit Maschinengewehr, der buchstäblich auf alles schoss, was sich bewegte. Zum Glück aber wurden Glanzstoff-Courtaulds und Ford, als teilweise britische beziehungsweise US-amerikanische Unternehmen, nie bombardiert.

Bei Glanzstoff-Courtaulds arbeitete auch Ihr Vater.

Ja, er war 27 Jahre dort beschäftigt, in der Energieversorgung des Werkes. Immer wenn Voralarm war, setzten meine Mutter und ich uns per Rad in Bewegung, vom heutigen Rewe aufs Werksgelände. Im heutigen Zuckerhut-Bunker suchten wir Schutz.

Haben Sie bis Kriegsende in Köln ausgeharrt?

Nein, nicht ganz: Nach dem verheerenden „Peter-und-Paul-Angriff“ am 29. Juni 1943 wurden wir mit dem Zug in Richtung Breslau in Sicherheit gebracht. Dort wurden wir auf einem Gut untergebracht, was einem NSDAP-Mitglied gehörte. Wir wurden sehr menschlich behandelt und hatten genug zu essen. Aber die Fahrt dorthin war schlimm; denn es war vergessen worden, die Rotkreuz-Flagge am Zug zu hissen, das internationale Zeichen für Zivil- und Verletztentransporte. So wurden wir mehrfach beschossen. Als wir 1944 hörten, dass die Russen im Anmarsch sind, wurden wir erneut evakuiert, diesmal nach Thüringen im Ort Geisa. Dort arbeiteten wir auf einem Bauernhof; ich führte die Kühe aufs Feld. Da es keine Schule gab, mussten wir uns dort anderweitig beschäftigen. Erst 1946 und 1947 in Köln konnte ich wieder die Volksschule besuchen. Im Laufe des Lebens habe ich mir generell viel autodidaktisch beigebracht.

Wie haben Sie den Neustart in Köln geschafft?

Nach dem Krieg fing ich bei Ford an. Ich hatte einen sehr guten Meister dort, Josef Lang hieß er. Als die KVB dann Schaffner und Fahrer suchte und mit einer Dienstwohnung lockte, habe ich gekündigt und dort 1952 als Schaffner angefangen, später arbeitete ich auch als Fahrer. Ich erinnere mich noch gut an die Fahrten auf der Linie 12, wo die schwitzenden Arbeiter von Ford nach Hause transportiert werden mussten. Und ich hatte viele Kolleginnen, die als Schaffnerinnen in Teilzeit arbeiteten. Man muss große Achtung haben vor diesen Frauen, die viele Kinder zu versorgen hatten und Köln auch zuvor lange am Laufen gehalten hatten, während die Männer im Krieg waren – und die hinterher noch die Trümmer weggeräumt haben.

Und für Freizeit war auch gesorgt im Ort ...

Ja, wir hatten den VfL Köln 99 als großen Fußballclub und unsere zwei Kinos. Das war früher die große Abwechslung. Wir sahen viele US-amerikanische Filme, aber auch deutsche und österreichische, mit Hans Moser. Heute ist von alledem nur noch die Pferderennbahn da.

Wie haben die Merheimer damals empfunden, dass ihr Ort umbenannt wird?

Es war zuerst eine große Umgewöhnung, aber dann spielte sich der Name ein. Man hatte für den neuen Stadtteil-Namen den Weidenpescher Park, den es damals schon gab, als Namenspaten herangezogen. Und das Dr.-Dormagen-Guffanti-Haus wurde damals Longerich zugeschlagen.

Und wie erleben Sie die aktuelle Entwicklung des Ortes?

Schön finde ich, dass die Rennbahn gut besucht ist. Das war sie in der Nachkriegszeit auch schon; wir mussten bei der KVB an Renntagen zusätzliche Fahrzeuge einsetzen. Sie hat sich gut entwickelt, die Veranstaltungen vor 20 Jahren waren mit dem, was heute drumherum gemacht wird, nicht zu vergleichen. Was aber ein Trauerspiel ist: dass sich niemand mehr um die denkmalgeschützte Tribüne kümmert. Keiner erklärt sich bereit, sie zu sanieren.