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Wohnen im Alter„Plötzlich sitzen wir hier schon seit acht Jahren zusammen“

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Ein Mann sitzt in einer Küche und lacht in die Kamera.

Peter Heinzke wohnt seit acht Jahren in einer Co-Housing-Wohnung mit drei weiteren Mitbewohnerinnen.

Menschen suchen im Alter nach Wohnformen, die Nähe und Selbstständigkeit verbinden. Die Nachfrage ist groß, die Möglichkeiten in Köln sind überschaubar.

Gemeinschaftlich wohnen – das wollte Peter Heinzke schon sein ganzes Leben lang. Als Student lebte er in Wohngemeinschaften, später, vor rund 40 Jahren, dachte er erneut darüber nach, als er mit seiner Familie bei Düren wohnte. Damals ließ sich die Idee nicht umsetzen. Aber heute, mit 76 Jahren, lebt Heinzke wieder in einer Art WG. Er nennt es „Little Co-Housing“.

Mit drei Frauen teilt er sich eine große Gemeinschaftsküche. Jede und jeder der vier Bewohner hat ein rund 40 Quadratmeter großes Zimmer mit Bad und Balkon. Auf Wunsch konnten kleine Küchenzeilen ergänzt werden. Mit einer klassischen Studierenden-WG hat dieses Co-Housing allerdings wenig gemeinsam. Nichts wirkt improvisiert oder provisorisch. Die Küche ist gut ausgestattet, auf dem Tisch stehen Obstschale und Kerzenständer statt leerer Bierflaschen und Stickern.

Blick in einen Wohnraum mit Tisch, Stühlen und Bänken

Ein großer Esstisch sorgt dafür, dass die Gruppe zusammenkommen kann: zum gemeinsamen Essen oder auch für die ein oder andere Feier.

Der wichtigste Unterschied ist auf den ersten Blick jedoch nicht sichtbar, für das Zusammenleben aber entscheidend. „Es ist ein langfristiges Modell, auf das wir uns eingelassen haben, mit offenem Ausgang“, sagt Heinzke. „Plötzlich sitzen wir hier schon seit acht Jahren zusammen.“ Als Student habe man meist nur zwei oder drei Jahre zusammengewohnt, mit ganz anderen Lebensfragen. „Heute haben wir alle ein oder mehrere Leben hinter uns und jahrzehntelang eigenständig Haushalte geführt.“

Heinzke ist der Älteste der Wohngemeinschaft, inzwischen sind aber alle vier in Rente. Das Zusammenleben beschreibt er als entspannt. Es gibt einen Putzplan, aber kaum feste Regeln. Vorwiegend treffen sie sich abends in der Küche, morgens eher zufällig. Alle seien noch oft unterwegs.

Der Blick in eine Küche. Auf dem Herd stehen Pfannen, Gewürze im Regal.

Die Küche ist der Ort, wo sich die Mitbewohner treffen.

Wo möchte ich wohnen, wenn ich alt werde? Diese Frage stellen sich viele Menschen spätestens dann, wenn die Kinder ausgezogen sind, eine Partnerschaft endet oder der Partner stirbt. Zurück bleiben oft große Wohnungen oder Häuser und das Gefühl, den nächsten Lebensabschnitt nicht allein verbringen zu wollen. Mit ihm wächst häufig auch die Angst vor Einsamkeit.

Gemeinschaftliche Wohnformen wie Co-Housing, Mehrgenerationenhäuser oder Senioren-WGs können darauf eine Antwort sein. Der Bedarf wächst. Das Amt für Wohnungswesen der Stadt Köln verzeichne in den letzten Jahren eine steigende Nachfrage nach Beratung zu sozialem und innovativem Wohnen, sagt eine Sprecherin der Stadt.

Auch Kathleen Battke vom Verein Neues Wohnen im Alter beobachtet seit Langem ein wachsendes Interesse. Seit zehn bis 15 Jahren gebe es einen stetigen Strom an Anfragen, sagt sie, rund zehn bis 20 pro Monat. Ein Grund sei der demografische Wandel. „Es gibt deutlich mehr ältere Menschen und viele sind mit 60 oder 70 noch fit und aktiv.“

Viele, die sich für gemeinschaftliches Wohnen interessieren, fühlen sich selbst noch nicht alt. Häufig befinden sie sich jedoch an einem biografischen Wendepunkt. Die Kinder sind ausgezogen, Partnerschaften womöglich zerbrochen, Lebensentwürfe verändern sich. Was bleibe, sei oft eine Wohnsituation, die nicht mehr passe, und der Wunsch nach Gemeinschaft.

„Da ist zum einen die Angst, allein zu bleiben“, sagt Battke. Ebenso wichtig sei aber etwas Positives: Lust auf Aktivität, Austausch und gegenseitige Unterstützung. Gemeinschaftliches Wohnen werde von vielen nicht als Rückzug verstanden, sondern als bewusste Entscheidung für ein aktives Älterwerden.

Hinzu kommt ein starkes soziales Motiv. Viele verstehen solche Wohnformen als gesellschaftliches Engagement. Als einen Versuch, Wohnen neu zu denken in Zeiten steigender Mieten, fehlender kleiner Wohnungen und wachsender Unsicherheit. Gemeinschaft solle Nähe schaffen, aber auch Schutz bieten: vor Isolation ebenso wie vor den Zumutungen eines angespannten Wohnungsmarkts.

2014 kam das Grundstück im Clouth-Quartier auf den Markt. 2017 zog die Gruppe ein. Ganz schnell musste sich eine Gruppe von Menschen finden, die zusammenwohnen wollte. Gemeinsam mussten sie ein Konzept schreiben, die Stadt damit überzeugen und die Finanzierung bewerkstelligen. „Wunschnachbarn“ nennen sie sich. Elf Parteien leben in dem Haus. Manche haben Kinder, andere leben allein. „Der Anlass war einfach, dass es auf einmal eine Möglichkeit gab, ein passendes Grundstück zu erwerben. Eine Chance, eine alte Idee zu verwirklichen.“

Zwei Werkbänke.

In der Werkstatt im Keller des Hauses können auch die Nachbarn aus den Häusern drumherum arbeiten.

Die Arbeit im Haus organisieren sie in Arbeitsgruppen. Sie kümmern sich um Gemeinschaftsräume, die gemeinsame Werkstatt, den Garten oder die Technik. Einmal im Monat gibt es eine Hausversammlung, dazu Feste, Ausflüge und zwei gemeinsame Hauspflegetage im Jahr.

Heinzke und seine drei Mitbewohnerinnen sind Eigentümer ihrer Co-Housing-Zimmer. Um die „Wunschnachbarn“ herum stehen andere Häuser, in manchen wohnen ebenfalls Menschen in gemeinschaftlichen Wohnprojekten zusammen. Eine Gruppe hat sich als Genossenschaft organisiert. In andere Stadtbezirken Kölns gibt es auch Angebote für das gemeinschaftliche Wohnen zur Miete.

„Ich möchte mich im Alter nicht mehr erklären müssen“

So reibungslos verläuft gemeinschaftliches Wohnen jedoch selten. Drei Jahre von der Idee bis zum Einzug seien eher die Ausnahme, sagt Heinzke, zehn Jahre seien realistischer. Die LesVitas suchen seit drei Jahren. So nennen sich die sieben Frauen, die gemeinsam in ein lesbisches Wohnprojekt ziehen wollen. Bei einem Treffen liegt ihr ausgedrucktes Konzept auf dem Tisch. Vier der sieben Frauen sitzen darum und trinken Tee. „Ich möchte mich im Alter nicht mehr erklären müssen“, sagt Margot Kamphoff. Die gemeinsame Geschichte und Prägung schaffe Vertrauen.

Auch praktische Fragen spielen eine Rolle. Kamphoff lebt derzeit im vierten Stock. Noch falle ihr das Treppensteigen leicht. Aber was, wenn nicht mehr? Regina Hoyer, ebenfalls Teil der Gruppe, sagt: „Allein ist vieles schwerer zu stemmen, finanziell wie organisatorisch.“ Rückzug sei ihnen ebenso wichtig wie Gemeinschaft. Ziel sei es, einander zu stützen und möglichst lange selbstständig zu bleiben – ohne Pflegeeinrichtung werden zu wollen.

Vor einigen Monaten seien die Frauen von einer bestehenden Initiative des gemeinschaftlichen Wohnens eingeladen worden, sich deren Konzept anzuschließen. Der Bewerbungsprozess laufe noch, eine endgültige Entscheidung der Stadt stehe aus.

Drei Jahre der Suche haben sie hinter sich. Zwei Jahre, die intensiv mit Arbeit gefüllt gewesen seien. „Ein solches Konzept schüttelt man ja nicht einfach aus dem Ärmel“, sagt Regina Hoyer. „Die Arbeit kommt immer in Wellen. Und dann arbeiten wir zusätzlich zu unseren regelmäßigen Treffen sehr intensiv.“ Sollte die Stadt dem Projekt zustimmen, werde sich die Gruppe deutlich häufiger sehen und die gemeinsame Planung in eine neue Phase eintreten.

Eine Frau sitzt im Gespräch am Tisch.

Brigitte Schäfer plant mir ihrer Gruppe ein Frauenwohn- und Kulturprojekt.

Ähnlich geht es der Beginenvilla. Seit zehn Jahren suche die Frauengruppe nach einem Standort. Sprecherin Brigitte Schäfer sagt: „Wir haben 100 Präsentationen gehalten bei Politik, Verwaltung, Stadt, Land.“ Ihr Wunsch: ein Frauenwohn- und Kulturprojekt, möglichst zentral gelegen. 25 bis 30 Wohneinheiten solle es geben. Das Erdgeschoss solle Platz für Arbeitsräume und Kulturveranstaltungen bieten. „Wir wollen nicht an den Stadtrand gedrängt werden, wir wollen an den Deutzer Hafen. Wir wollen weiterhin mittendrin sein.“ Drei bis vier Jahre werde es wohl noch dauern.

Sieben Frauen stehen Arm in Arm in bunten T-Shirts nebeneinander. Auf denen steht „BeginenVilla“.

Seit zehn Jahren formiert sich die Gruppe um Brigitte Schäfer.

Bis dahin wachse die Gruppe weiter zusammen: Sie organisieren Veranstaltungen, besuchen Konzerte, tauschen sich aus. „Ich möchte wissen, wer in zehn Jahren neben mir wohnt“, sagt Schäfer. Auch Pflegekonzepte denken sie mit. Wohnen im Alter müsse in einer Stadt wie Köln neu gedacht werden, sagt sie. Gemeinschaftliche Wohnprojekte könnten Einsamkeit vorbeugen und soziale Teilhabe erleichtern. Von Stadt und Wohnungswirtschaft komme Bewegung – aber langsam.

Das sieht auch Peter Heinzke so. In anderen Städten gebe es mehr Nachfrage, aber auch mehr Angebote. In Köln brauche es einen langen Atem, um ein gemeinschaftliches Bauen und Wohnen zu realisieren. Viele hielten seine Entscheidung für mutig. Er selbst sieht es pragmatisch: „Natürlich lebt man enger. Aber durch die gemeinschaftlich genutzten Räume habe ich heute gefühlt mehr Platz als früher allein.“