Von Sexualdelikten über sogenannte Ausländerkriminalität bis hin zu politisch motivierten Straftaten – die alljährliche Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) löst jedes Mal Aufregung aus. Schnell kursieren auch fragwürdige Interpretationen der Zahlen. Zu denen, die einen kühlen Kopf bewahren, gehören die Soziologinnen Gina Rosa Wollinger von der Deutschen Hochschule der Polizei und Nicole Bögelein vom Institut für Kriminologie der Kölner Universität.
Am Mittwoch waren sie zu Gast in der Workstage des Neven DuMont Hauses und sprachen vor rund 60 Besuchern und Besucherinnen mit Joachim Frank, Chefkorrespondent des „Kölner Stadt-Anzeiger“, über Aspekte der Kriminalität. Auch sonst mischen sich die Wissenschaftlerinnen in die Debatte ein, etwa mit ihrem Buch „True Criminology“ und ihrem gleichnamigen Podcast. Ihre Absicht ist, mit fundierten Kenntnissen über „Mythen“ rund um das Verbrechen aufzuklären.
„Verzerrungsfaktoren“ und Dunkelfeld werden nicht berücksichtigt
In die PKS würden nur Fälle eingehen, die die Polizei an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet hat, sagte Wollinger. Weder bilde sie das jeweilige Dunkelfeld ab noch gebe sie Auskunft darüber, wie viele Tatverdächtige verurteilt worden sind. Zudem seien „Verzerrungsfaktoren“ in Rechnung zu stellen wie etwa das Anzeigeverhalten, die Intensität von Polizeikontrollen bei bestimmten Delikten und zwischenzeitliche Gesetzesänderungen.
So hat die Teillegalisierung von Cannabis zu einem starken Rückgang bei Rauschgiftdelikten geführt. Andererseits hat das 2002 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz, das dem Schutz im privaten und häuslichen Umfeld dient, die Zahlen in diesem Bereich ansteigen lassen. Bögelein sprach ein Lob aus: Viele Medien würden inzwischen die „Verzerrungsfaktoren“ berücksichtigen, was zu einem „Qualitätszuwachs“ in der Berichterstattung geführt habe.
Sexualdelikte werden meist von Männern aus dem direkten Umfeld begangen
Zu den Mythen rechnen die Kriminologinnen die Annahme, dass Sexualdelikte meist von „triebgesteuerten“, den Opfern fremden Männern verübt werden. Im Gegenteil stammten sie häufig aus dem „Nahbereich“, beim Kindesmissbrauch etwa aus der Verwandtschaft oder dem Sportverein. Frauen müssten sich weit weniger Sorgen machen, allein durch Köln zu laufen, als Furcht davor haben, in den eigenen vier Wänden Gewalt zu erleben.
Eine „Zäsur“ nannte Bögelein die Kölner Silvesternacht. Die Forschung spreche gar von einer „postkölnischen Zeit“. Einer Zeit, in der das Sexualstrafrecht nach dem Prinzip „Nein heißt Nein“ reformiert wurde. Auch der Pressekodex wurde geändert, dahingehend nämlich, dass die Nennung der Nationalität des Täters zulässig ist, wenn das „öffentliche Interesse“ dafür spricht – was sich sehr weit auslegen lässt. Bögelein kritisierte, dass schon zuvor viel häufiger über Straftaten von Migranten berichtet worden sei als über von Deutschen begangene Delikte. Nur wenn die Herkunft ein „kriminogener Faktor“ sei, sollte sie Staatsangehörigkeit erwähnt werden, sagte sie.
„Migration an sich hat keinen Erklärungswert“
Selbst beim Thema „Ehrenmord“ mahnte sie zur Vorsicht. Entsprechende Taten kämen auch bei Deutschen vor, würden aber zum Beispiel „Eifersuchtsdrama“ genannt. Ist also die Vermutung, dass Migranten überproportional kriminell sind, ebenfalls ein Mythos? Die Antwort der Wissenschaftlerinnen fiel differenziert aus. Bögelein wies darauf hin, dass Gewalt häufig von jungen Männern – die auch unter Deutschen überdurchschnittlich gewalttätig seien – untereinander in beengten, überwachten Unterkünften verübt werde. Wollinger sagte, für einen Vergleich müssten aus der Statistik unter anderem die ausländerrechtlichen Verstöße herausgerechnet werden.
Zu berücksichtigen sei auch, dass bei Migranten häufiger als bei Herkunftsdeutschen bestimmte „Risikofaktoren“ vorkämen. Sie besuchten häufiger Haupt- und Realschulen, das Elternhaus habe weniger Geld, in der Erziehung spiele Gewalt eine größere Rolle und Macho-Einstellungen seien ausgeprägter. Kurzum: „Migration an sich hat keinen Erklärungswert“. Eine Umfrage unter migrantischen Schülern und Schülerinnen habe ergeben, dass 95 Prozent Gewalttätigkeit ablehnen, so Bögelein. Ausgehend von einer „ganz kleinen Gruppe“ würden deren Auffälligkeiten „generalisiert“ – in einer Debatte, in der laut Wollinger die „Kultur überbetont“ wird.
Hasskriminalität von Rechtsextremen nimmt zu
Ist auch die Annahme, dass Deutschland insgesamt krimineller wird, ein Mythos? Was tatsächlich zunimmt, sei die Hasskriminalität, also die Zahl der Delikte, die einer „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ entspringen, sagte Bögelein. Die Taten seien Rechtsextremen zuzuordnen; die AfD befördere die Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas, indem sie „nach unten tritt“ und bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgrenze. Auch rechtsradikale Migranten mischten mit.
Schüsse, Brandsätze, Explosionen: In Köln verstärkt sich der Eindruck, dass die Kriminalität zunimmt, aktuell wegen der Serie von Angriffen auf Geschäfte und Wohnhäuser. Wollinger sprach von einer „neuen Dimension“ der Organisierten Kriminalität zum Zweck der Einschüchterung. Was Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns aus dem Publikum heraus bestätigte. Die Täter legten es auf demonstrative „Sichtbarkeit“ an, und man habe es mit dem Modell „Crime as a Service“ zu tun: Junge perspektivlose Männer ließen sich dafür dingen, Sprengsätze zu zünden und Schüsse auf Gebäude abzugeben.
Eine Erhöhung von Strafen hilft nicht bei der Verbrechensbekämpfung
So beunruhigend dieses „bundesweite Phänomen“ auch sei: „Wir fühlen uns nicht hilflos.“ Das zeigten die 24 Festnahmen seit Pfingsten. Es gehe gezielt gegen Menschen mit geschäftlichen Beziehungen zu den Drahtziehern, „normale“ Kölner Bürger müssten also keine Angst haben, auch wenn die Schüsse auf Häuser in aller Öffentlichkeit gefährlich seien.
Eine Erhöhung von Strafen zur Verbrechensbekämpfung nutze nichts, viel wichtiger sei das „Entdeckungsrisiko“, sagte Wollinger bei der Beantwortung der Publikumsfragen. Bögelein steuerte etwas Positives bei: Im internationalen Vergleich habe Deutschland eine äußerst niedrige Mordrate.

