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Anstieg der Hasskriminalität in NRWAntisemitische Vorfälle und rechte Übergriffe erreichen traurige Höchstwerte

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Mehrere Stolpersteine, hier schon teilweise gereinigt, wurden im Januar dieses Jahres mit einer weißen Flüssigkeit übergossen.Wer hier schmiert, beschmutzt nicht „Metall“, sondern Biografien: Menschen, die vertrieben, deportiert, ermordet wurden

Mehrere Stolpersteine, hier schon teilweise gereinigt, wurden im Januar dieses Jahres mit einer weißen Flüssigkeit übergossen.Wer hier schmiert, beschmutzt nicht „Metall“, sondern Biografien: Menschen, die vertrieben, deportiert, ermordet wurden

Auch in Köln steigen die Zahlen. In den meisten Verfahren rechter Straftaten wird in NRW kein Tatverdächtiger verurteilt.

Am Morgen glänzt nichts. In der Kölner Innenstadt sind 23 Stolpersteine mit schwarzem Lack überzogen, die Namen unleserlich gemacht – Messingplatten, die sonst wie kleine, hartnäckige Erinnerungen im Pflaster liegen. Die Stadt spricht im März vergangenen Jahres von einem antisemitischen Vorfall in ungewöhnlichem Ausmaß. Wer hier schmiert, beschmutzt nicht „Metall“, sondern Biografien: Menschen, die vertrieben, deportiert, ermordet wurden – und deren Nachbarn heute beim Gehen kurz den Blick senken sollen.

Solche Taten tauchen später als Zahl auf. Nordrhein-Westfalen hat 2025 ein messbares Problem mit Hasskriminalität, wie Antworten des Innenministeriums auf Anfragen der SPD-Landtagsfraktion belegen. Für antisemitisch motivierte Straftaten weist die Landesregierung 786 Fälle, was einen neuen Höchststand bedeutet. 393 Tatverdächtige wurden ermittelt, heißt es in der Polizeistatistik. Und im Phänomenbereich politisch motivierter Kriminalität rechts registrierten die Ermittler 6268 Fälle – vom Propagandadelikt bis zur Attacke. In dieser großen Zahl steckt ein Alltag, der sich nicht immer spektakulär ankündigt: ein Sticker am Laternenmast, ein Hakenkreuz am Unterführungsgeländer, eine Drohung im Postfach. Für Betroffene aber ist es der Moment, in dem die Öffentlichkeit kippt.

Köln als Tatort

Köln liefert dafür, leider, gleich mehrere Beispiele, etwa bei den Stolpersteinen. Am Holocaust‑Gedenktag werden 2025 in der Innenstadt zahlreiche dieser Mini-Gedenktafeln mit weißer Flüssigkeit übergossen– und in kurzer Folge kommt es dann immer wieder zu weiterem Vandalismus. Man muss sich das vor Augen führen: Erinnerungskultur, nicht als Sonntagsrede, sondern als Tatort. Das Pflaster wird zur Projektionsfläche – und die Täter arbeiten mit einer perfiden Logik: Was im Boden liegt, sieht jeder. Also trifft man es dort.

Der Bericht für das vergangene Jahr ist bislang nicht fertig, heißt es aus dem NS-Dokumentationszentrum in Köln. Fest stehe aber bereits, dass es im Vergleich zum Vorjahr einen erneuten Anstieg der Übergriffe gegeben habe. Aber bereits die Zahlen für 2024 waren erschütternd. Sie wurden zum vierten Mal erhoben und dokumentierten zum vierten Mal in Folge einen Anstieg antisemitischer Vorfälle im Stadtgebiet. Darunter vier körperliche Angriffe und sieben Bedrohungen.

Antisemitische Beschimpfung in Köln: „Vergasen wie bei Hitler“

In ihrem Jahresbericht 2024 nennt die Meldestelle auch konkrete Beispiele – sie reichen von Schmierereien auf Fassaden und öffentlichen Toiletten wie „Juden morden wie Nazis“ oder „Der Holocaust ist eine Lüge“ über die Beschädigungen einer jüdischen Figur auf dem Bauzaun des Jüdischen Museums MiQua bis hin zu persönlichen Beleidigungen und Anfeindungen.

So sei etwa eine jüdische Schülerin von Mitschülern beschimpft worden, sie solle die Religion wechseln und sich „vergasen gehen wie bei Hitler“. Ein Ladenbesitzer musste sich von einem Kunden, den er beraten wollte, anhören: „Mit dreckigen Juden spreche ich nicht.“ Anschließend sei der Geschäftsmann von dem Kunden geschubst und an der Kleidung gezerrt worden. Der Tatverdächtige habe den Vorfall bei der Polizei abgestritten, das Verfahren sei eingestellt worden, teilt das NS-DOK mit.

Wenn aus Symbolik Gewalt wird

Dass aus Symbolik handfeste Bedrohung werden kann, zeigt eine Unterkategorie, die in politischen Debatten gern als „Spitze des Eisbergs“ gilt: Gewalt. In Nordrhein-Westfalen wurden 2025 296 politisch rechts motivierte Gewalttaten, Bedrohungen und Nötigungen erfasst; 236 Tatverdächtige wurden dazu ermittelt. Der harte Kern an Taten, die Menschen unmittelbar treffen – körperlich oder durch Drohung. Nur im Jahr 2014 hat es in NRW mehr gegeben, wegen Ausschreitungen bei einer Hogesa-Demonstration in Köln.

Ergänzt wird das Bild für 2025 durch eine zweite Zahl: 2107 Straftaten der Allgemeinkriminalität, begangen von „bekannten Rechtsextremisten“, sowie 678 Gewaltdelikte ohne politischen Hintergrund, bei denen solche Personen als Tatverdächtige ermittelt wurden. Ideologie und Alltag sind nicht sauber getrennt; manche tragen die Haltung wie eine zweite Haut – und handeln mal aus politischem Motiv, mal aus Aggression, Gelegenheit oder Gruppendynamik.

So nüchtern die Summen wirken: In den Antworten der Landesregierung steckt eine zweite, irritierende Wahrheit. Was die Polizei als Fälle zählt, taucht bei der Justiz in anderer Gestalt wieder auf – als Ermittlungsverfahren, häufig mehr, als die Polizeizahl erwarten lässt. Bei antisemitischen Straftaten berichten die Generalstaatsanwälte für 2025 von 1985 Ermittlungsverfahren, bei politisch motivierter Kriminalität rechts insgesamt von 7655. Selbst bei den rechts motivierten Gewalttaten (inklusive Bedrohung/Nötigung) nennt die Justiz 334 Ermittlungsverfahren. Die Landesregierung verweist auf „unterschiedliche Erfassungssysteme“ – korrekt, aber politisch unerquicklich: Für die Öffentlichkeit entsteht ein Bild, in dem das Ausmaß schwankt, je nachdem, wer zählt.

Was bleibt, wenn Verfahren enden

Noch deutlicher wird der Bruch beim Blick auf das Ende vieler Verfahren, bei denen meist kein Tatverdächtiger ermittelt wird oder kein hinreichender Tatverdacht bleibt. Bei antisemitischen Straftaten nennt die Justiz 148 Verurteilungen und 17 Freisprüche. Für politisch motivierte Kriminalität rechts werden 603 Verurteilungen genannt; zudem 1010 Anklagen oder Strafbefehlsanträge. Bei den rechts motivierten Gewalttaten (inklusive Bedrohung/Nötigung) sind es 65 Verurteilungen. Das ist nicht nichts – aber es ist auch nicht die beruhigende Botschaft, die man aus Tabellen herauslesen möchte, wenn man sich als Betroffener fragt, ob der Staat einen Schutzversuch in eine Schutzwirkung übersetzt.

Und dann ist da Köln, das Pflaster als Akte. 23 Stolpersteine, geschwärzt, Namen ausgelöscht: ein Angriff auf Erinnerung, der gerade deshalb so wirkt, weil er nicht verborgen geschieht, sondern dort, wo alle gehen. In der Statistik wird er am Ende eine Zahl sein – ein Datensatz, der sich in die Reihe einfügt. Für die Stadt bleibt er eine andere Art Bilanz: Wie oft kann man Namen unkenntlich machen, bis auch die Gewissheit erodiert, dass jüdisches Leben und jüdisches Gedenken hier selbstverständlich geschützt sind?