Köln früher und heuteWarum der Leipziger Platz einst drei Meter tiefer lag

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Ein historisches Schwarz-Weiß-Bild des Leipziger Platzes von oben

Vor dem Zweiten Weltkrieg lag der Leipziger Platz noch abgesenkt. Auf diesem Bild ist der Platz um 1910 zu sehen.

In unserer Serie „Köln früher und heute“ stellen wir wichtige Kölner Bauwerke, Plätze und Siedlungen vor. Diesmal: der Leipziger Platz.

Wer das Bedürfnis verspürt, für eine Weile den Zumutungen des Alltags zu entkommen, ist vielleicht auf dem Leipziger Platz nicht ganz falsch. Nicht nur, weil er mit seiner historischen Randbebauung und dem alten Baumbestand einen Hauch Belle Époque verströmt. Die Sternwarte und das Planetarium des angrenzenden Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums ermöglichen zudem regelmäßig Ausflüge ins Universum.

Die astronomischen Aktivitäten auf dem markanten Turm der Schule hätten gut zu dem Vorschlag gepasst, der vor 120 Jahren kursierte, als die 140 Meter mal 115 Meter große Parkanlage frisch fertig war und einen Namen brauchte. Die Idee, sie „Sonnenplatz“ zu nennen und die Straßen drumherum nach Merkur, Saturn, Uranus oder Mars setzte sich allerdings nicht durch.

Während dem NS-Regime trafen sich unangepasste Jugendliche auf dem Platz

Dem Alltag auf ihre Weise entfliehen wollten die Jugendlichen, die sich seit dem Sommer 1942 immer zahlreicher nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Leipziger Platz und den angrenzenden Gaststätten trafen, um Wanderfahrten in die Umgebung zu planen, aber auch illegale Aktionen. Mit dem Drill der Hitlerjugend hatten die bis zu 100 Jungen und Mädchen nichts am Hut, man kleidete sich lieber unkonventionell, sang „undeutsche“ Lieder und trug Edelweißabzeichen unter dem Kragen.

Dem NS-Regime war das subtile Treiben der „Edelweißpiraten“ suspekt. Anfang Dezember 1942 kam es in Nippes zu Verhaftungsaktionen. Nun möchte die „Initiative Nippeser Edelweißpiraten“ der „mutigen, unangepassten und freiheitsliebenden“ Jugendgruppe auf dem Leipziger Platz ein Denkmal setzen. Sie sei Vorbild nicht nur für junge Leute.

Gartendirektor Fritz Encke plante den ursprüngliche Aufbau des Parks

In seinen Ausmaßen hat sich die rechteckige Grünfläche inmitten bürgerlicher Umgebung seit ihrer Fertigstellung 1906 nicht verändert, wohl aber in ihren Details. Die entscheidende Neuerung war nach dem Zweiten Weltkrieg die Anhebung des Platzniveaus: Lag die Fläche mit ihrem zentralen Spielbereich anfangs in einer Senke von etwa drei Metern, wurde sie nun mit Kriegsschutt aufgefüllt. Die Böschungen fallen seitdem nicht mehr ganz so tief ab und sind auch nicht mehr so schick gestaltet wie in den ersten Jahren.

Die Ursprungsplanung stammt von dem städtischen Gartendirektor Fritz Encke, der eine Kombination aus Grünschmuck und Spielplatz vorsah und damit allen Altersgruppen des wachsenden Stadtteils einen Ort der Erholung bieten wollte. Die Nordseite mit Bänken und dem halbkreisförmigen Ruheplatz war den Erwachsenen vorbehalten, die Mitte gehörte der Jugend. Schaukeln und Basketballkörbe, wie es sie heute gibt, suchte sie damals vergebens. „Acht Bänke und Spieltische stehen den Kleinen zur Verfügung“, schrieb 1906 eine Kölner Tageszeitung.

Zu sehen ist der Leipziger Platz, im Vordergrund Sitzbänke, im Hintergrund das Leonardo-da-Vinci-Gymnasium.

Das Leonardo-da-Vinci-Gymnasium prägt noch heute die bürgerliche Atmosphäre des Leipziger Platzes.

Die Stadterweiterung Kölns war damals in vollem Gange. Als Nippes 1888 eingemeindet wurde, war der Vorort noch in ein „Hoch“ und ein „Tief“ unterteilt. Auf dem nicht hochwassergefährdeten Hochgebiet wurde zuerst gebaut. „Danach, ab den 1890er Jahren, hat sich die Stadt dem Tiefgebiet gewidmet“, sagt Stadtteil-Chronist Reinhold Kruse. Also jenen Überflutungsflächen, die nördlich der Mauenheimer Straße und der Florastraße lagen.

Durch Aufschüttungen wurde das Areal ab Ende 1900 angehoben und so dem Zugriff des Rheins entzogen, wobei der innere Teil des Leipziger Platzes unter Niveau blieb. Bis dato hatten sich an dieser Stelle ausgedehnte „Rieselfelder“ befunden. Hierhin wurde mit Tankfuhrwerken das Brauchwasser der Nippeser Haushalte sowie ihrer Latrinen verfrachtet. Die neue Kanalisation beendete ab 1891 diese unhygienischen Verhältnisse.

Seit 1906 steht das Gymnasium nebenan

Der Leipziger Platz und die umliegenden Häuser waren im Tiefgebiet die ersten Ergebnisse der Bautätigkeiten. Zunächst beschwerten sich die Anwohner noch über das „wüste Loch“, in dem es wegen der spärlichen Beleuchtung zu Belästigungen von Frauen und Kindern gekommen sei. 1905 begann dann endlich die Gestaltung der Anlage, die Anfang August 1906 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Zwei Jahre später war auch das monumentale Gymnasium an der Nordseite fertig.

Es sind vor allem die zuckersüßen Hausfassaden, die für Ulrich Krings den Leipziger Platz zu etwas Besonderem machen. „Die Randbebauung ist Gott sei Dank zu 80 Prozent noch immer historisch und sehr schön erhalten“, sagt der ehemalige Kölner Stadtkonservator. Der Jugendstil hat das Viertel geprägt, das Gymnasium mit seinem markanten Turm entwarf Architekt Friedrich Bolte in einer Mischung aus Jugendstil und Neobarock.

Die Namen der Plätze in Nippes spiegeln den Preußisch-Nationalen Einfluss wider

Nach starken Kriegsschäden wurden die oberen Gebäudepartien und der Turm verändert wiederaufgebaut. Das imposante Erscheinungsbild der Schule ist geblieben: „Der rötliche Sandstein zeigt, dass der Staat damals üppige Materialien verwendet hat“, so der Kunsthistoriker.

Die Namen vieler Plätze und Straßen im Quartier spiegeln die politische Großwetterlage zur Zeit ihrer Entstehung wider. Das Preußisch-Nationale dominiert. Der kleine Bruder des Leipziger Platzes, der ebenfalls von Fritz Encke konzipierte Erzbergerplatz westlich der Neusser Straße, hieß Königin-Luise-Platz, bevor er in den 1920-er Jahren nach dem ermordeten Zentrums-Politiker Matthias Erzberger umbenannt wurde.

Preußische Helden der Befreiungskriege gegen Napoleon finden sich hingegen noch heute auf vielen Straßenschildern. Dass der Leipziger Platz nach der Völkerschlacht von Leipzig 1813 benannt wurde, bedauert Reinhold Kruse. Die Sonne hätte viel besser gepasst.

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