NS-Dok KölnNeue Webseite macht Schicksal von Holocaust-Opfern virtuell erlebbar

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Erna Schönenberg und ihre Mutter (links) Emma Kaufmann sitzen am Tisch, Erna schreibt etwas.

Szene aus der Projekt-Webseite, in der Erna Schönenberg (l.) mit ihrer Mutter Emma Kaufmann am Tisch sitzt. Die 3D-Räume basieren direkt auf Fotografien der Wohnung.

Das NS-Dokumentationszentrum und der Museumsdienst haben zusammen eine interaktive Webseite entwickelt, die Eindrücke des jüdischen Lebens in Köln während des Nationalsozialismus liefert. 

„Sichtbar machen. Kommunikation im und über den Holocaust“ heißt das gemeinsame Projekt des Museumsdienstes Köln und des NS-Dokumentationszentrums (NS-Dok) der Stadt Köln. Ziel ist es, die Folgen des Nationalsozialismus am Beispiel der in Köln lebenden deutsch-jüdischen Familie Schönenberg erkennbar und vor allem erfahrbar zu machen.

Am Dienstag (6. Dezember) stellte Projektleiter Dr. Dirk Lukaßen vom Museumsdienst Köln zusammen mit seinem Team zum ersten Mal die Webseite vor, die seit Mittwoch (7. Dezember) online verfügbar ist. Sie soll zum einen als digitaler Lernraum dienen, gleichzeitig aber auch dazu beitragen, sich in das Leid der Schönenbergs hineinzuversetzen.

„Wir haben uns relativ früh dazu entschieden, trotz aller Allgemeingültigkeit eine Familie exemplarisch darzustellen anhand ihrer Briefe und Tagebücher“, erklärt Lukaßen. Dies scheint auch das Besondere am Projekt zu sein, „weil es wirklich aus dieser Innensicht heraus erzählt wird, aus dem jeweiligen Moment der Verfolgung. Das ist nochmal eine andere Art von Verständnis, die dadurch hervorgerufen wird“, so Lukaßen.

Webseite des NS-Dok und Museumsdienst Köln arbeitet mit multimedialen Elementen

Dafür ist eine Reihe von Expertinnen und Experten zusammengekommen, die mithilfe von 3D-Visualisierungen, Illustrationen, Musik- und Voice-Over-Elementen eine interaktive Plattform entwickelt haben. Auf dieser können die Besucherinnen und Besucher ins Köln der NS-Zeit eintauchen und lernen dabei nicht nur etwas über das tragische Schicksal der Schönenbergs, sondern auch über das anderer jüdischer Familien.

Drei Männer und drei Frauen, die vor einer weißen Wand stehen

Christine Bolz (Programmierung), Kane Kampmann (Künstlerische Leitung), Dr. Matthias Hamann (Direktor Museumsdienst), Dr. Henning Borggräfe (Direktor NS-Dok), Ina Hagenau (Leitung Audioproduktion) und Karsten Huth (3D-Visualisierungen) (v.l.n.r.) bei der Vorstellung des Web-Portals.

Angereichert werden ihre Geschichten durch die Berichte überlebender Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, zum Beispiel als kurze Clips oder Zitate in einer virtuell begehbaren Museumsausstellung. Neben Hintergrundinformationen findet man auf der Webseite außerdem Videos von mehreren Projektionen, die an öffentlichen Orten der Stadt an die dort stattgefundene Deportation jüdischer Bewohnerinnen und Bewohner erinnern.

Grundlage des 15-monatigen Projekts bilden zahlreiche Selbstzeugnisse der Schönenbergs in Form von Fotografien, Briefen, Tagebüchern und weiteren Aufzeichnungen. Max Schönenberg wurde 1885 in Hamm geboren und zog 1927 in die Venloer Straße 23, wo der Arzt mit seiner Frau Erna und seinem Sohn Leopold wohnte.

Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet

Anders als Leopold, der nach Palästina emigrierte, schafften es seine Eltern nicht, rechtzeitig ins Ausland zu fliehen. Sie wurden 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, in dem Max starb. Erna wurde von dort aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht, wo sie kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurde.

Insgesamt sind mindestens 30 Menschen an der Kampagne beteiligt, darunter allein 15 Sprecherinnen und Sprecher. Gefördert wird sie vom Bundesministerium für Finanzen (BMF) und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) im Kontext der Bildungsagenda „NS-Unrecht“.

Zum Abschluss des Projekts beginnt am Mittwoch (7. Dezember), dem Jahrestag der Deportation nach Riga 1941, um 20 Uhr am alten Deutzer Messegelände (Charles-de-Gaulle-Platz 1) die letzte von drei szenischen Großprojektionen. Bei der Live-Performance werden Bilder und Biografien der Opfer an die Hauswände projiziert und mit Soundelementen, dem Vorlesen und Visualisieren verschiedener Texte untermalt.

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