Köln – Er war ein enger Vertrauter des Polizeipräsidenten. Einer für besonders schwierige Fälle. Einer, der sich vielleicht wie kein zweiter Spitzenbeamter der Kölner Behörde für eine moderne und professionelle Polizeikultur engagierte. Und der Mann, der sich für den geborenen Nachfolger von Ex-Bayern-Stürmer Gerd Müller hielt – bis ihm bei den Jugendbezirksmeisterschaften in Bochum die Grenzen aufgezeigt wurden. „Da musste ich erkennen, dass es wohl doch ein paar bessere Fußballer gibt als mich“, erzählt Udo Behrendes, der bis zum Oktober Polizeidirektor in Köln war, heute, ungefähr 45 Jahre später.
Also wurde er kein Fußballprofi, sondern ging zur Polizei. Nicht aus Überzeugung, es war vielmehr ein Trick, um den Wehrdienst zu umgehen. „Nach der Ausbildung wollte ich Sportjournalist werden.“ Aber der gebürtige Hagener fand schnell Gefallen am Beruf, er blieb „bei der Polizei hängen“, wie er sagt, insgesamt 41 Jahre, 26 in Köln, zuletzt als Chef des Leitungsstabes. Seit kurzem ist Behrendes im Ruhestand – mit gerade mal knapp 59 Jahren und auf eigenen Wunsch: „Ich will nach dem Berufsleben noch so viel Zeit wie möglich haben.“
Vielen bei der Polizei wird er fehlen. Denn Udo Behrendes wurde vor allem dann gerufen, wenn es brenzlig wurde, wenn ein Vermittler gefragt war – zuletzt im Sommer bei der drohenden Räumung des Autonomen Zentrums in Kalk. Am Ende zogen die Besetzer freiwillig aus, die Polizei musste nicht eingreifen – es war vor allem das Ergebnis von Behrendes’ Verhandlungsgeschick.
Freiwillig die Pistole abgegeben
„Kommunikation ist eine seiner ausgeprägten Stärken“, weiß Polizeipräsident Wolfgang Albers, der seinen ehemaligen Berater als „beeindruckende Persönlichkeit“ beschreibt. Als einer der wenigen Polizisten in Köln besaß Behrendes keine Dienstpistole. Er hat sie 1986 bei seiner Beförderung in den höheren Dienst abgegeben. Freiwillig. Seitdem hat er nie wieder eine getragen. „Viele sagen, die Waffe gehört zum Polizeiberuf. das sehe ich nicht so, jedenfalls gehört sie für mich nicht notwendig zu den Positionen, die ich zuletzt bekleidet habe.“ Man kann die Episode mit der Pistole aber durchaus auch symbolisch betrachten: Denn beharrlich setzte Behrendes auf Verständigung und Deeskalation. Zwang und Gewalt waren für ihn ultima ratio.
Polizeibeamte, die das Gewaltmonopol missbrauchten, lernten seine ungemütliche Seite kennen: 1994 zeigte Behrendes in Bonn einen Kollegen an, der aus seiner Sicht ohne Anlass mit dem Schlagstock auf eine Demonstrantin eingeprügelt hatte. Das brachte ihm bei manchen in der Behörde den Ruf eines Nestbeschmutzers ein. Doch Behrendes ließ sich nicht beirren. Die professionelle Streifenpolizei – das war bis zuletzt das Kernthema des 59-Jährigen: Wie löst der gute Polizist Gewaltsituationen? Wie schafft er es, sich im Zaum zu halten, wenn die Situation um ihn herum eskaliert? Und schließlich: Wie geht die Polizei mit eigenen Fehlern um? Diese Fragen trieben ihn um.
Im Mai 2002 musste Udo Behrendes beweisen, dass er auch Antworten hat. Sechs Beamte der Eigelsteinwache hatten einen 31-jährigen Mann so misshandelt, dass er im Koma starb. Der damalige Leiter der Innenstadtinspektion musste abtreten, Behrendes übernahm die Nachfolge, er sollte den Skandal aufarbeiten. „In der Inspektion Mitte habe ich die schwierigste und anschließend dann die schönste Phase meiner Karriere erlebt“, sagt er rückblickend. Starke Zweifel hätten ihn anfangs geplagt: „Schaffe ich das? Kriege ich das hin?“ Mit seiner Frau, einer Krankenschwester, habe er lange Gespräche geführt. „Ihre Außensicht hat mir sehr geholfen.“
Reform des Gartens geplant
Behrendes krempelte die komplette Führungsstruktur in der Innenstadtinspektion um, verteilte die Belastungen anders und ließ den Prozess von Wissenschaftlern, einem Pfarrer und einem Psychologen begleiten. „Vieles hat sich dadurch zum Positiven gewandelt“, sagt er heute. Von 46 Führungskräften hätten nur zwei nicht mitgezogen; die wurden versetzt.
Als „beeindruckenden Menschen“ beschreibt auch Carmen Thomas Udo Behrendes. Vor drei Jahren führte die ehemalige WDR-Moderatorin durch eine interne Veranstaltung mit 350 Führungskräften der Polizei Köln. „Udo Behrendes schätze ich für seine phänomenale Gründlichkeit und Umsicht“, sagt Thomas. „Und für seine tapfere Bereitschaft und Geduld, ein System wie die Polizei noch innovativer zu reformieren.“
Das muss nun auch ohne ihn gelingen. Innovativ reformieren will Behrendes in Zukunft lieber den großen Garten hinter seinem Haus. Er möchte viel reisen, mit seiner Frau Kleinkunst- und Theatervorstellungen besuchen und häufiger ins Fußballstadion gehen, zum FC Schalke 04, seinem Lieblingsverein. Seine bewährten Stärken – Kommunikation, Geduld, Beharrlichkeit – sind ab sofort nur noch bei einem speziellen innerfamiliären Konflikt gefragt: Behrendes’ Sohn und eine seiner beiden Töchter sind Mitglieder bei Borussia Dortmund, dem Schalke-Erzfeind. Udo Behrendes spielt auf Zeit. „Das wächst sich aus“, glaubt er. „Im Herzen sind meine Kinder Schalke-Fans.“
