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Rumänen in KölnEin Leben unter Planen

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Seit Monaten leben Ion (l.) und sein Bekannter in einem Waldstück mitten in der Innenstadt.

Köln – Wer sich bis zu Ion durchgeschlagen hat, wird freundlich empfangen. Mit einem alten Hemd wischt der 49-jährige Rumäne ein paar Zweige von einem Hocker und bittet, Platz zu nehmen. Er holt eine Dose Instant-Kaffee aus seinem Zelt und erhitzt ihn auf einem Campingkocher.

Ion wartet, bis der Lärm eines vorbei rollenden Zuges verklungen ist, dann beginnt er zu erzählen – warum er aus einer der ärmsten Gegenden Rumäniens nach Köln gekommen ist, womit er sein Geld hier verdient und warum er seit drei Monaten im Wald haust, mit seinen beiden Söhnen, einer Schwiegertochter und einem Bekannten. Sie alle stammen aus Brasov, wollen in Köln Geld für ihre Familien in der Heimat verdienen. Dabei haben sie kaum genug, um sich selbst zu versorgen.

Mitten in der Kölner Innenstadt

Die Lichtung, auf der die fünf Rumänen sich zwei Zelte aus Holzlatten, Bauplanen und Birkenästen gebaut haben, liegt auf einem überwucherten Brachgelände mitten in der Kölner Innenstadt, ein paar Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Der Weg führt über eine Wiese, auf der sich Menschen mit Laptops auf dem Schoß und Kaffeebechern in der Hand sonnen durch ein nicht verriegeltes Stahltor auf einen sandigen Privatweg. Links und rechts Bäume und dichtes Gestrüpp. Dazwischen verlassene Matratzenlager, auf dem Boden gebrauchte Heroinspritzen und Exkremente.

Ion zündet sich eine Zigarette an. 750 Euro hätten die fünf für die Busfahrt nach Köln bezahlt, erzählt er, 150 pro Person. In Brasov habe sich Köln als Stadt herumgesprochen, in der man relativ unbehelligt von den Behörden leben könne, erzählt Ions Freund, der Ungar Zakariás Gajdács von Temeschburg. Zakariás lebt seit Jahren in Köln, er ist heute zu Besuch. „In Brasov gibt es keine Arbeit für mich, ich bin Bauarbeiter, aber da wird nichts mehr gebaut“, sagt Ion in gebrochenem Deutsch. Unter Diktator Ceaucescu hätte es bis Ende der 80er Jahre wenigstens Arbeit für jeden und eine funktionierende Landwirtschaft gegeben. Aber jetzt? Jetzt sei alles kaputt.

Konkurrenz und Bedrohung

Neun Euro hat Ion heute verdient. Er sammelt Pfandflaschen und verkauft die Obdachlosenzeitung „Querkopf“. Viele Rumänen tun das inzwischen, zum Ärger der Stammverkäufer, die die Armutseinwanderung aus Bulgarien und Rumänien zunehmend als Konkurrenz und Bedrohung für ihr Geschäft empfinden. Jede Woche überweist Ion zwischen 25 und 50 Euro an seine Frau und die fünf Enkelkinder in Brasov. Täglich telefoniert er mit ihnen, ihre Gesichter hat er als Hintergrundbild auf seinem alten Handy gespeichert. „Sie sagen mir dann, ich muss mehr Geld schicken, das reicht nicht. Aber was soll ich tun?“

Jeden Job würde er annehmen, sagt Ion. Er kennt Landsleute, die Metall stehlen oder Schwarzarbeit auf dem so genannten Arbeiterstrich anbieten. Aber das würde er nie tun, beteuert der 49-Jährige und kreuzt seine Arme, als werde er gefesselt. „Ich will keinen Ärger mit der Polizei.“ Regelmäßig räumen Stadt und Polizei Zeltlager, in denen Rumänen und Bulgaren hausen – zuletzt am Gleisdreieck in Neuehrenfeld. Wildes Campieren ist verboten, sonst liegt gegen die Männer und Frauen nichts vor. Als EU-Bürger dürfen sie sich frei im Land bewegen.

Mit Tesafilm hat Ion ein abgebrochenes Stück Spiegel an einem Birkenstamm befestigt, dahinter klemmt ein Plastikkamm. Gestern sei Haarschneidetag gewesen, erzählt er, seine Familie habe sich gegenseitig frisiert. Wie hat er sich das Leben in Deutschland vorgestellt? Ion lächelt. „Eine kleine Wohnung, ein Dach, eine Toilette, ein Fernseher. Und Arbeit.“

Mit Schmerztabletten gegen Krankheiten

Die Realität sieht anders aus: Seine Notdurft verrichtet Ion im Wald, zum Duschen fährt er in den Obdachlosentreff Gulliver am Bahnhof, seine Kleidung findet er auf der Straße. Oder in Kleiderkammern von Wohltätigkeitsorganisationen; aber das kostet Geld, wenn auch nur ein paar Cent. Der 49-Jährige zeigt die Schweißflecken unter seinen Armen, er zupft an seinem fleckigen Hemd, an seiner schmutzigen Hose. „Das hier ist Müll“, sagt er, „Müll.“

Ion und seine Familie wollen noch eine Weile durchhalten, bevor sie nach Brasov zurückkehren. Sie hoffen, dass die Behörden ihr Lager so schnell nicht finden. Und eine weitere Sorge treibt sie um: dass sie bei den elenden Lebensbedingungen ernsthaft krank werden. Keiner von ihnen ist versichert. Bisher konnten sie sich stets mit Schmerzmitteln aus der Apotheke behelfen.