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Schulschließungen in NRW„Distanz zu den Lehrern, aber nicht zu mir“ – vier Erfahrungsberichte

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Das Bild zeigt ein Klassenzimmer mit Stühlen auf dem Tisch. (Archivbild) oto: Caroline SeidSeidel-Dißmannel/dpa

Gelsenkirchen: Stühle stehen in einem Klassenzimmer in einer Grundschule auf den Tischen. In ganz NRW fiel am 12. Januar 2026 die Schule aus. (Archivbild)

Am Montag blieben die Schulen in NRW geschlossen. Hier berichten drei Redakteurinnen und ein Redakteur, wie sie den Tag mit Kindern im Home Office erlebt haben.

Schneefrei bedeutet ab einem gewissen Punkt: Der Fernseher läuft. Mein achtjähriger Sohn hat nämlich bis ungefähr halb elf am Vormittag schon seine in der Lernapp hinterlegten Matheaufgaben bearbeitet, das Gedicht gelesen, um es frei vortragen zu können, und Bücher zum Thema Waldtiere gesammelt, weil das diese Woche noch Thema sein wird. Vom heimischen Schreibtisch aus beobachte ich derweil, wie aus der puderigen, weißen Decke auf dem Weg nur noch ein matschiges Etwas übrig geblieben ist. Homeoffice ist in meinem Beruf glücklicherweise möglich, auch wenn das an so einem Tag ungefähr 20 „Mama-Rufe“ bedeutet – egal, ob gerade ein Telefon-Interview stattfindet oder ich mitten in der Internetrecherche bin. In unserer Hürther Grundschule ist neben dem Unterricht auch die Notbetreuung und OGS ausgefallen. Das bedeutet: Mittagessen kochen, Diskussionen über das Mittagessen führen, den Fernseher trotz Protest ausschalten, den Lärm des seit Weihnachten eingezogenen Schlagzeugs ertragen, ein gelangweiltes Kind vertrösten. (Maria Gambino)

Eingang zur Gesamtschule-Süd in Duisburg. Foto: Christoph Reichwein/dpa

Spiegelglattes Eis vor dem Eingang zur Gesamtschule-Süd in Duisburg. Wegen der Gefahr von starkem Glatteis auf den Straßen gehen die Schulen in Nordrhein-Westfalen am Montag landesweit in Distanzunterricht.

Wann wird das a zu ä?

Der Wecker klingelt eine Stunde früher als sonst. Schreiben ab sechs Uhr, damit die wichtigsten Baustellen behoben sind, wenn die Kinder aufwachen. Denn dann sind erst mal halbschriftliches Addieren und Rechtschreibregeln angesagt. Wann wird a zu ä? Wann au zu äu? Gras –Gräser, Baum – Bäume. Kurzes Draußenintermezzo, um noch ein paar klare Erwerbsarbeitsgedanken fassen zu können, was besondere Irritation im Mutterhirn hinterlässt, weil ja Schulen wegen Glätte geschlossen sind, die Kinder hätten beim Gehen hinfallen können, während der Sohn mit Ball in den Park aufbricht, um Dribbling zu üben. Ich tröste mich damit, dass ich immerhin nicht Notärztin bin oder Richterin. Da wird das mit der Vereinbarkeit dann unmöglich. Und gleichzeitig der immer wieder frustrierende Gedanke: Wie arm ist eine Gesellschaft, deren Mütter nicht selbstverständlich Notärztin sein können, weil sie die Betreuungslage derlei Aufgaben nicht zuverlässig erfüllen lässt? (Claudia Lehnen)

Das Bild zeigt den Vorplatz vor dem Kölner Hauptbahnhof und die Domtreppen am 12. Januar 2026. Foto: Alexander Schwaiger

Aufgrund von Glatteis-Warnungen ist die Innenstadt so leer wie selten.

Corona-Erinnerungen kehren zurück

Zum Rodeln nach Eckenhagen war am Sonntag halb Köln gekommen. Bei Minustemperaturen schob sich eine gewaltige Blechkarawane die nicht vom Eis befreite Straße zur Blockhütte in Reichshof hinauf. Die Feuerwehr schenkte Glühwein aus und verkaufte Bratwurst, Radio Berg befragte die Schneetouristen. Am Nachmittag brach am vollen Rodelhang immer wieder Jubel aus: Kinder hatten übers Handy erfahren, dass am Montag die Schule ausfällt, und schrien ihre Freude heraus. Unsere jüngste Tochter wollte sofort wissen, ob wir dann morgen wieder in den Schnee können. Nein. Stattdessen kehrten am Morgen Corona-Erinnerungen zurück: Streit ums Ipad, überdrehte Kinder, eine Lehrerin hatte vergessen, ihre Kamera auszuschalten, Theorieaufgaben im Sportunterricht, Mittagessen zu fünft. Das Thermometer zeigte am Vormittag in Rösrath drei Grad an, es regnete. Unsere jüngste Tochter wollte unbedingt wieder zum Schlittenfahren. (Uli Kreikebaum)

Was sind Wie-Wörter?

Mein Mann, gebürtiger Österreicher, begreift am Sonntag zunächst nicht, wovon ich rede. Die Schule fällt aus wegen Glatteisgefahr? Kennt er nicht, glaubt er nicht – ist aber so. Am Montagmorgen sind vor dem Haus nur Pfützen zu sehen. Aber in der Mail der Schule stand als Betreff: „Distanzunterricht“. Distanz zu den Lehrern, aber nicht zu mir. Ohne mich kommt nur der Siebtklässler klar, er wurde zu Coronazeiten distanz-sozialisiert. Wenn ich auf seinen Bildschirm blicke, läuft da allerdings mehr Minecraft als Klassenkonferenz. Der Fünftklässler ist distanzunterrichts-unerfahren. Er braucht meinen technischen Support. Wo geht das Mikro aus? Der Erstklässlerin muss ich aus der Mail der Lehrerin Aufgaben ausdrucken – und erklären. Was sind Wie-Wörter? Neben meiner Lohnarbeit, die ich natürlich aus dem Homeoffice stemme, kein Problem. Immerhin entsteht ein Pinguin-im-Schnee-Kunstwerk. Vielleicht schicken wir es der Schulministerin. Als Dank für diesen Tag. (Susanne Rohlfing)