Serie HeimatmusikBella Liebermann bringt den Sound des „Schtetl“ nach Köln

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Köln – Das Land, aus dem Bella Liebermann kommt, gibt es nicht mehr. Die Vorfahren ihrer Mutter kamen aus Weißrussland, die des Vaters aus der Ukraine. Und sie wurde an einem Ort geboren, der heute knapp hinter der russischen Grenze liegt, einem „Schtetl“, wie jüdisch geprägte Siedlungen in Osteuropa vor dem Zweiten Weltkrieg genannt wurden. Dieser Vielvölkerstaat hieß einmal Sowjetunion.

"Aus der Hölle nach Köln"

Als sie zerfiel, wurde es für Menschen jüdischen Glaubens gefährlich. Die Familie von Bella Liebermann entschied sich, das Angebot des deutschen Staates anzunehmen, der seit 1991 Menschen jüdischen Glaubens aufnahm, die aus der aufgelösten UdSSR ausreisen wollten. So sei sie 1994 „aus der Hölle“ geflohen und nach Köln gekommen – „ohne eine klare Vorstellung, was wird, aber mit der Bereitschaft, viel Neues zu lernen“. Mitgebracht hat sie die Musik: osteuropäische Volksmusik, Klezmer, Tango, jüdische Tanzmusik, wie sie früher mit Cello, Geige und Zymbal gespielt wurde. So ein mit Klöppeln geschlagenes Hackbrett steht nun in der Wohnung von Liebermann in Deutz.

„In fast jedem Haus war Musik“, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Bach und Mozart sei genauso zu hören gewesen wie jüdische und slawische Folklore. „In meiner Fantasie habe ich Klavier gespielt, bis tatsächlich eins gekauft werden konnte. Der Opa hat das Geld dafür gegeben.“ Mit der alten Heimat verbindet sich ein „Gefühl der Geborgenheit“ in einer friedlichen Nachbarschaft mit Ukrainern, Russen und Juden. Diese Heimat ist verloren, Verwandte gibt es dort keine mehr.

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"Musik ist meine Heimat"

Nach vielen Jahren habe sie nun wieder Verbindung aufgenommen. „Ich habe Kontakt zu den Resten der jüdischen Gemeinde bekommen und kümmere mich um die Gräber meiner Vorfahren.“ Die wichtigste Brücke zwischen ihrer alten und ihrer neuen „realistischen Heimat Köln“ bleibe jedoch die Musik. „Bei traditioneller Musik ist das Heimatgefühl am größten. Eigentlich ist die Musik meine Heimat.“

Mit einer Musikerin jüdischen Glaubens auf die Suche nach Heimat zu gehen, ist noch komplizierter als bei anderen Zuwanderern. Die Familiengeschichte war und ist immer mit dem Thema Verfolgung, Flucht und Vernichtung verbunden. Die Frau mit dem wunderbaren Namen ist ein fröhlicher Mensch. Doch nicht wenige Lieder, die sie singt, sind traurig und voller Schmerz. „Ich weiß nicht. Wo liegt der Ort, wo meine Heimat wäre? Mit wem könnt ich teilen Brot? Das ist meine Lehre“, heißt es in einem Text, den sie zu einem „russischen Zigeunerlied“ gemacht hat. Sie besingt einen Geiger, dessen Lied „mein Herz zerbricht“. „Trag ich mein Davidstern, bis ich plötzlich sterbe. Spiel! Ich höre Dich so gern. Liegt die Welt in Scherben!“

Es sei wichtig, die Geschichte ihrer osteuropäischen Familie und ihrer Nachbarn zu bewahren, „auch ihnen die Geschichte von den Nazis weggenommen wurde“. Und wie ist es, in dem Land zu leben, von dem aus diese Nazis nach der Herrschaft über eine Welt ohne Juden strebten? „Die deutschen Leute heute sind nicht verantwortlich“, sagt sie. Mehr noch: Sie erlebe Deutschland als Land, in dem man sicher leben könne, was Entfaltung und Vielfalt ermögliche.

Diplomarbeit über das Trauma der Überlebenden

Liebermann hat über das „Trauma der Holocaust-Überlebenden“ eine Diplomarbeit geschrieben. Es ist kein Thema der Geschichtswissenschaft, sondern eines, das im Rahmen ihres Studiums der „Sozialarbeit“ entstand. Die Überlebenden und ihre Nachfahren, die das Trauma über Generationen mitschleppen, mit denen sie für die Arbeit sprach, wohnen zum Beispiel in großer Zahl in Porz. „Die Menschen leiden, aber sie wollen es schaffen.“ Dabei helfe nicht selten ein „tiefes religiöses Gefühl“.

Sie selbst sei „religiös, aber nicht fromm“. Wenn sie aufgefordert wird, mit wenigen Worten das Judentum zu erklären, zitiert sie einen Rabbi, der in der Antike lebte und dem die gleiche Frage gestellt wurde. Rabbi Hillel habe geantwortet: „Was Du nicht möchtest, dass jemand Dir antut, das tue auch Du keinem anderen an.“

Im Elternhaus wurde jiddisch gesprochen

In ihrem Beruf als Sozialarbeiterin hat sie viel mit osteuropäischen Zuwandern zu tun. Da helfe ihr die Musik, aber auch die jiddische Sprache, die in ihrem Elternhaus in der Sowjetunion gesprochen wurde. Mit den eigenen Kindern spricht sie meist russisch. „Geschimpft wird oft auf Deutsch.“ Und weil sie fürchtet, dass dies jemand missverstehen könnte, fügt sie hinzu: „Schreiben Sie das besser nicht. Deutsch ist eine tolle Sprache.“

Eine fast genauso wichtig Funktion wie die sprachliche Verständigung könne in ihrem Hauptberuf die Musik werden, sagt die ausgebildete Musikpädagogin. So singe und spiele sie nicht nur, um ein Konzert-Publikum zu unterhalten. Sie stelle sich auch einer Aufgabe, mit der sie anderen Einwanderern helfe. Weil die Nazis die vielfältige jüdische Kultur zerstört hätten, sei es umso wichtiger, das zu pflegen, was überdauerte.

In vielen Stilrichtungen zuhause

Das neue Album mit ihrer Band Kol Colé („Klang aus Köln“) trägt einen Titel in jiddischer Sprache: „Oyfn Veg“ bedeutet „auf dem Weg“. Zusammen mit ihren Mitstreitern zieht Bella Liebermann über ein weites Feld osteuropäischer Schlager und Volkslieder, traditionellen Klezmer und neuerer Unterhaltungsmusik, die jüdische Immigranten nach Westeuropa oder in die USA mitbrachten.

Die Weltmusikantin mit viel Zuneigung für die „kölsche Mentalität“ bezeichnet sich als „Kölnerin aus der ehemaligen Sowjetunion“. Mit Sorge schaue sie sowohl auf die Entwicklungen in Osteuropa wie auch auf das, was in Deutschland passiere. „Wir haben einen sicheren Platz gesucht, wo wir in Frieden leben können – und jetzt wird es unruhig.“ Angst habe sie keine, auch weil sie während ihrer 24 Jahre in Deutschland selbst nie Judenfeindlichkeit erlebt habe. Sie lebe mit türkischen, chinesischen, russischen und iranischen Nachbarn „in gutem Einvernehmen“ im Haus. „Doch bei den Kinder heute in der Schule ist das anders.“

Es sei wichtig, neue Verbindungen zu knüpfen. So habe sie in Workshops, die der Landesmusikrat und die Kölner Volkshochschule gefördert haben, mit kurdischen und irakischen Musikern zusammen gearbeitet. Daraus hätten sich Kooperationen entwickelt, die auch in Zukunft weiter gehen. „Es war für alle Beteiligten eine besondere Erfahrung. Über die Musik wurden Gemeinsamkeiten entdeckt.“ Manchmal ist man sich näher, als man vorher dachte. So habe man ein Lied entdeckt, dass sowohl in der arabischen, türkischen wie auch in der jüdischen Welt bekannt ist, allerdings mit verschiedenen Texten. Dieses Lied gemeinsam neu zu interpretieren, sei für sie regelrecht zu einem spirituellen Erlebnis geworden.

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