Rund eine Millionen Menschen kamen zum Höhepunkt des CSD. Die Parade feiert nicht nur die Lebensfreude, sondern macht auf den Anstieg queerfeindlicher Angriffe aufmerksam.
„Aufgeben wäre das Schlimmste“So lief die CSD-Parade in Köln – Party und Sorge nah beieinander
Die bunte CSD-Parade in Köln
„Der CSD wird heute gebraucht wie nie zuvor auf unseren Straßen, ich sehe Hass und Hetze, und Menschen, die uns unsere Existenz absprechen wollen“, sagte Hans Douma von Cologne Pride bei der feierlichen Eröffnung der CSD-Parade am Sonntag. Unter dem Motto „Für Queerrechte – Viele.Gemeinsam.Stark!“ zogen zum Höhepunkt des CSD-Straßenfests rund 250 Gruppen, darunter 90 Festwagen, mit insgesamt rund 60.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die Innenstadt, um für Gleichberechtigung, Respekt und Toleranz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgeschlechtlichen und queeren (englisch: LGBTQ) Personen zu demonstrieren.
Auch die Polit-Prominenz war zahlreich vertreten und tummelte sich zur Eröffnung auf Wagen eins mitten auf der Deutzer Brücke: Karl Lauterbach, Saskia Esken, Claudia Roth, Mona Neubaur, Serap Güler, Jochen Ott und viele aus dem NRW-Kabinett. Der Kölner Karneval war erstmals mit dem neuen Präsidenten des Festkomitees, Lutz Schade, vertreten. Premiere auf dem CSD feierte auch OB Torsten Burmester, für den Köln gelebte Vielfalt und Toleranz bedeutet, wie er in seiner kurzen Begrüßungsrede sagte. Auch der Innenminister von Nordrhein-Westfalen Herbert Reul war zum ersten Mal dabei.
CSD in Köln: Reul über Anstieg queerfeindlicher Taten in NRW besorgt
„Wir haben zunehmend Menschen, die den Anspruch erheben, zu bestimmen, wie man leben muss. Und das ist ein Irrtum“, sagte Reul. „Der Teil des Staates, für den ich stehe, die Polizei, der schützt alle. Ich träume von einem Land, in dem jeder so leben kann, wie er will, solange er sich an die Regeln hält. Wenn eine Million Menschen herkommen, dann ist das ein Statement, ein viel besseres als meins“, sagte Reul und zeigte sich angesichts des Anstiegs queerfeindlicher Taten besorgt.

NRW-Innenminister Herbert Reul (NRW Innenminister) ist erstmals beim CSD dabei.
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Die Zahl der Straftaten hat laut der jüngsten Statistik in der Tat einen neuen Höchststand erreicht: Für das Jahr 2025 wurden NRW-weit 284 Straftaten erfasst, was einem Anstieg von rund 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Die Behörden gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Auch in Köln stiegen die Straftaten zuletzt an (wir berichteten). Die Kölner Polizei war daher mit zahlreichen Einsatzkräften präsent.
„Immer wieder rückt der CSD in den Fokus von Menschen mit radikalen Einstellungen, die sich gegen eine vielfältige Gesellschaft und demokratische Werte richten“, sagte Einsatzleiter Gregor Eisenmann vor der Parade. Er versprach für die Sicherheit des CSD ein „frühzeitiges und entschlossenes Einschreiten, damit Konflikte gar nicht erst entstehen“. Während der Parade habe es keine größeren Vorkommnisse gegeben, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag.

Die Feuerwehr Köln beim CSD sorgte für Abkühlung mit ihren Wasserschläuchen.
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Seniorin Henny aus Köln besucht den CSD-Demozug jedes Jahr. Die 73-Jährige möchte mit ihrem Nachnamen nicht in der Zeitung stehen. „Ich komme her, weil die Eltern meiner Generation und auch meine Generation ihre Neigungen unterdrücken mussten und sich häufig nicht getraut haben, einen gleichgeschlechtlichen Partner zu lieben. Ihnen wurde stattdessen ein Partner zugeschustert.“ Mit 60 Jahren einen Schlussstrich ziehen, sich trennen, und nochmal neu anfangen: Das habe sie im engeren Umfeld erlebt. Doch auch heute noch müssten queere Personen „Grausames“ erleiden, dafür sei sie hier.
Grünen-Politikerin und frühere Kulturstaatssekretärin Claudia Roth forderte die Ergänzung des Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes um die Erweiterung des Merkmals „sexuelle Identität“. Artikel 3 formuliert die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz. Außerdem warnte Roth: „Hände weg vom Selbstbestimmungsgesetz“, das 2024 in Kraft getreten ist. Betroffene können seitdem Vornamen und Geschlechtseintrag ändern lassen, ohne gerichtliche Beschlüsse oder medizinische Gutachten vorlegen zu müssen. NRW-Familienministerin Verena Schäffer kritisierte, dass die Partnerin der gebärenden Mutter nicht automatisch als Elternteil anerkannt wird.

Plüschiges Kostüm beim CSD 2026
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Daniel Hewer hat sein Kostüm selbst gestaltet. 30 Stunden hat er an der Perücke gearbeitet. Er fordert die Menschen auf, aktiv die Demokratie zu gestalten und zur Wahl zur gehen.
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Wie nah Freude und Sorge beieinanderliegen, zeigt Daniel Hewer. Mit seinem Kostüm ist der 43-Jährige eine herausstechende rot und regenbogenfarbene Erscheinung. Er sei für die Sichtbarkeit gekommen, sagt Hewer, der von seinem Mann begleitet wird. „Ich möchte für die Rechte einstehen, für die Demokratie. Diese ist nicht selbstverständlich, und die Gesellschaft kann sich schnell in eine andere Richtung bewegen, man muss sie daher leben und gestalten. Man sollte an Wahlen teilnehmen. Das Schlimmste wäre, aufzugeben“, so Hewer. Seine aufwendige Perücke hat er in 30 Stunden Handarbeit selbst gestaltet. Sein Bart glitzert rot.

Matthias Brandebusemeyer und Claus Vincon.Cologne Pride 2026(CSD-Parade 2026) auf der Hohenzollernbrücke in Köln.Foto:Dirk Borm Cologne Pride 2026(CSD-Parade 2026) auf der Hohenzollernbrücke in Köln.Foto:Dirk Borm
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Gabi Tylla von „proud moms and dads“, einer Initiative für Eltern und Angehörige queerer Kinder aus Hürt demonstriert für die Rechte ihres 25-Jährigen Sohnes, der mit 20 sein Outing hatte.
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Demonstriert wurde zu Fuß, auf Party-LKW, in Fahrradrikschas, trommelnd, pfeifend und Fahne schwenkend: Familien, Senioren, Studierende, politische Parteien, wohltätige Organisationen, soziale Einrichtungen, Kölner Hochschulen und Kommunen wie die Stadt Köln und Düren oder regionale Unternehmen wie Rewe, Sparkasse und Telekom beteiligten sich an der Parade. Gemütlich mit einem Rad schieben ließen sich etwa Matthias Brandebusemeyer und Claus Vincon von der Röschen Sitzung, der schwul-lesbischen Karnevalssitzung. Schauspielerin Mariele Millowitsch („Marie Brand“) und Schauspieler Walter Sittler („Nikola“) fuhren auf dem Wagen des Deutschen Journalistenverbands NRW mit.
Auch Angehörige queerer Menschen demonstrierten zahlreich. Gabi Tylla zum Beispiel ist wegen ihres homosexuellen Sohnes auf die Straße gegangen. „Damit unsere Kinder von der Gesellschaft akzeptiert werden. Mein Sohn ist Landwirt und musste sich in einer männerdominierten Branche sehr stark durchkämpfen“, sagt die Hürtherin. Auch in seinem Nebenjob als Köbes sei es nicht immer einfach. „Aber er sagt immer: Wichtig ist vor allem, dass ich zu Hause geliebt und akzeptiert werde. Für mich hat sein Outing nichts verändert, er ist doch derselbe Mensch“, so die 55-jährige Mutter.

Die Kölner Dragqueen Catherine Leclery auf der CSD-Parade
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Die Parade löste sich gegen 18 Uhr im Bereich Marzellenstraße/Domprobst-Ketzer-Straße/An den Dominikanern auf. An den Bühnen am Alter Markt und Heumarkt, wo das CSD-Straßenfest am Freitag eröffnet worden war, ging die Party weiter. Am Abend trat etwa die Bonner Band Knallblech auf, die zuvor schon mit ihren Blasinstrumenten bei der Parade für Stimmung gesorgt hatte. Sarah Engels war der Hauptact am Sonntagabend, zuvor kamen auch Miriana Conte und die Kölner Dragqueen Catherine Leclery mit Bellini auf die Bühne. Das CSD-Straßenfest wurde Freitagabend eröffnet. Laut Veranstalter Cologne Pride waren am Sonntag 1,5 Millionen Menschen bei Parade und Straßenfest.
