Köln – Beim Warnstreik des öffentlichen Dienstes am Dienstag ist das befürchtete Chaos weitgehend ausgeblieben. Mittlerweile fahren Busse und Bahnen der KVB wieder normal. Doch die Gewerkschaften warnen vor einer neuen Streik-Welle in der nächsten Woche, falls es keine Einigung mit den Arbeitgebern gibt. Die Verhandlungen für die 2,1 Millionen Beschäftigten gehen am Donnerstag weiter. Die Gewerkschaft Verdi fordert 100 Euro mehr Lohn plus noch einmal 3,5 Prozent.
Am Mittwoch streiken außerdem die Mitglieder des Deutschen Beamtenbundes und der Gewerkschaft Komba. Aufgrund des Protestzugs - 1500 Teilnehmer haben sich angekündigt - ist mit Behinderungen beim Bus- und Bahnverkehr zu rechnen.
Am Dienstag schaffte die Gewerkschaft Verdi in Köln ein beeindruckendes Aufgebot: Geschlagene zehn Minuten dauerte es, bis die Kölner Verdi-Geschäftsführerin Christa Nottebaum alle Abordnungen aufgezählt hat, die an diesem Vormittag auf dem Heumarkt vertreten waren: Städtische Kitas und Kliniken, AWB und KVB, Arbeitsagentur und Jobcenter, Stadtverwaltung, Studentenwerk und Landschaftsverband, Bühnen und Museen – jede Gruppe einzeln wurd mit einem Trillerpfeifen-Konzert begrüßt. Rund 7000 Menschen waren nach übereinstimmenden Schätzungen von Gewerkschaft und Polizei gekommen, vor dem Reiterstandbild wehten drei überdimensionale rote Luftballons im grauen Himmel, die Pfeifen schrillten in den Ohren – es war der Moment, der sich von dieser Kundgebung als Bild am deutlichsten einprägte.
Der Streik-Tag in Köln
Seit drei Uhr morgens sind die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes im Warnstreik, um ihre Forderungen nach 3,5 Prozent mehr Lohn und einem Sockelbetrag von 100 Euro Nachdruck zu verleihen. Die ersten, die am frühen Morgen die Auswirkungen zu spüren bekommen, sind Berufstätige und Schüler. Busse und Bahnen der KVB sind in den Depots geblieben, an den Haltestellen am Hauptbahnhof und anderswo herrscht gespenstische Stille. Die Streikenden haben die Abgänge zu den U-Bahnen mit Bändern abgesperrt. Zwei japanische Touristinnen stehen am Rudolfplatz hilflos am Bahnsteig. Sie haben erst im Hotel vom Streik erfahren, jetzt müssen sie improvisieren. Eine Mitarbeiterin des Kiosk in der Neumarkt-Unterführung ist nur gekommen, um zu putzen. „Gleich mache ich den Laden zu, denn Umsatz gibt es heute nicht.“
Kölner nehmen den Streik gelassen
Wie 2012 nehmen die meisten Kölner den Streik gelassen. Viele KVB-Kunden sind offenbar informiert, dass keine Bahn fährt. Aber eben nicht alle. „Das ist schon eine Sauerei“, sagt Marion Schmidt, die morgens an der S- und Stadtbahnstation Weiden-West gestrandet ist. Sie ist aus Sindorf gekommen und muss nach Merheim. Sie wusste von dem Warnstreik, „aber dass er so vehement ist, hätte ich nicht gedacht“. Viele, die mit der S-Bahn anreisen, haben einen privaten Abholdienst organisiert: Die Autos fahren in einer Frequenz vor wie nach einer Karnevalssitzung im Gürzenich.
Auf den Zufahrtstraßen geht zeitweise nichts mehr: Zoobrücke, Innere Kanalstraße, Universitätsstraße, aber auch die Neusser Straße sind dicht. Dennoch: Das erwartete Verkehrschaos auf den Straßen bleibt aus. „Es ist überraschend ruhig geblieben. Wir hatten nicht mehr Staus als an normalen Wochentagen. Dafür haben wir auffällig viele Radfahrer auf den Straßen“, sagt der Einsatzleiter der Polizei, Peter Römers. Auch der Ansturm auf S-Bahnen bleibt aus. Dafür bilden sich Menschentrauben an den Bushaltestellen am Breslauer Platz. Manche suchen vergebens Verbindungen auf Busfahrplänen, andere versorgen sich in Bäckereien mit Kaffee und Hörnchen, warten bis zu eine Stunde auf den nächsten Bus. „Meiner ist schon über 20 Minuten zu spät“, klagt die 25-jährige Lena Martins. Sie plant nun, zur Arbeit zu laufen. Andere gehen zum Taxistand. „Der Andrang war heute enorm. Wir haben doppelt so viele Fahrgäste wie üblich bedient“, sagt Oguzhan Ogul vom Taxi-Ruf. Um 10 Uhr wird kurzzeitig die Deutzer Brücke gesperrt, in einem langen Zug ziehen rund 1500 Streikende vom Stadthaus zum Heumarkt. Aus der Gegenrichtung stößt ein zweiter Zug vom Hans-Böckler-Platz hinzu. Sie tragen Transparente mit der Aufschrift „Zeit für Helden.“
„Wir übernehmen täglich eine enorme Verantwortung, damit keiner unserer Fahrgäste zu Schaden kommt“, sagt Dieter Kaltbrenner, seit 25 Jahren Busfahrer bei der KVB. Für ihn ist ein Plus im Portemonnaie vor allem auch ein Akt der Wertschätzung seiner Arbeit. Barbara Rauch, die in der Kinderklinik Amsterdamer Straße arbeitet, will einfach nur, „dass wir gerecht bezahlt werden“. Die 48-Jährige ist mit einer kleinen Gruppe gekommen. „Bei uns muss der Betrieb ja weiterlaufen.“
Spürbar ist der Streik in den Städtischen Kliniken dennoch. „Es gab leichte Einschränkungen bei der Frühstücksversorgung unserer Patienten“, so eine Sprecherin. Geplante Operationen hätten aber stattfinden können. Bei der Stadtverwaltung kam es nur in der KFZ-Zulassungsstelle zu Wartezeiten bis zu zweieinhalb Stunden. Ab 15 Uhr wurden keine Anträge mehr bearbeitet. Von 229 städtischen Kindertagesstätten waren 165 vollständig geschlossen, zehn hatten regulär geöffnet.
Die AWB hatte schon am Dienstag erhebliche Einschränkungen bei der Müllabfuhr angekündigt. In der Nähe der Neusser Straße ist am Dienstagmorgen dennoch ein Müllwagen unterwegs. Mitarbeiter Ugurlu Orhan kümmert sich um die gelben Tonnen. Deren Leerung wird nicht bestreikt, weil das in den kommenden Tagen die Entsorgungsrhythmen aller anderen Tonnen äußerst kompliziert machen würde. "Gelb streikt nicht", sagt Orhan und grinst.
Aber vielleicht dann doch beim nächsten Mal. Sollte es jetzt keine Einigung geben, werde kommende Woche erneut gestreikt, droht Verdi-Sprecher Günter Isemyer.
