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Tagespflege NRWAlleine darf man nicht sein, sagt Frau Nickel

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Christel Nickel auf dem Gang der Diakonie Michaelshoven. Foto: Alexander Schwaiger

Christel Nickel besucht dreimal in der Woche die Tagespflege in Michaelshoven. Anfangs war sie skeptisch, heute würde sie ihre Mensch-ärgere-dich-nicht-Runde sehr vermissen.

Das Angebot der Tagespflege nutzen? Kam für Christel Nickel (90) zunächst nicht in Frage. Heute liebt sie die Tage mit Programm.

Die Kirschen sind als Pfeiler im Tagesgerüst fest eingeplant. „Ich will gucken, welche es gibt und die auch probieren.“ Die Vorbereitungen für den Obsteinkauf sind nicht trivial, schließlich muss Christel Nickel nach dem Aufstehen zunächst mal das Ankleidezimmer auf Stücke durchforsten, die ihrer Tageslaune und auch der gängigen Mode entsprechen. Dann mit dem Rollator los zum örtlichen Supermarkt und wieder zurück. Mit Glück wird sie an irgendeinem Zaun in der Nachbarschaft in einen kurzen Schwatz verwickelt.

Dennoch: Wenn Nickel mit den Kirschen nach Hause kommt, ist vom Tag noch sehr viel übrig. Häufig schaltet sie dann einfach eines der Fernsehgeräte ein, das in jedem ihrer Zimmer steht. „Ohne Fernseher wäre ich aufgeschmissen. Man braucht doch immer jemanden, der mit einem redet“, sagt die 90 Jahre alte Frau. Sie sitzt in den Räumen der Diakonie Michaelshoven: Zitronengelbe Bluse, knallblaue Hose, das halblange Haar mit einer mädchenhaften Spange aus dem Gesicht geklammert.

Seit zwei Jahren kommen die Tage mit der wackeligen Struktur aus Obsteinkauf und TV nur noch selten in Nickels Leben vor. Dreimal in der Woche hat sie nämlich einen festen Plan in der Tagespflege der Diakonie Michaelshoven: Aufstehen um 6.15 Uhr, Kaffee trinken, Garderobe wählen, anziehen, abgeholt werden um 8.10 Uhr, Fahrt zur Tagespflege, Frühstück dort um 9.30 Uhr, spazieren gehen, Pferde besuchen, mal ein Quiz, Bingo.

Und natürlich Mensch-ärgere-dich-nicht. Das ist für Nickel und ihre drei Freundinnen der Höhepunkt des Tages. Um den „Ärger“ von sich wegzuhalten, hat Nickel eine pragmatische Lösung gefunden. „Ich freue mich, wenn ich gewinne. Wenn ich verliere, gebe ich den Würfeln die Schuld“, sagt sie und lacht.

Etwa 40.000 Menschen nutzen die Tagespflege in NRW

Mittags gibt es dann Salat, Nudeln, eine schöne Frikadelle, ein Süppchen mit „einem kleinen Würstchen“ wenn auch im Allgemeinen „zu wenig Fleisch“, sagt Nickel. „Mir hat Fleisch mein Leben lang gut getan.“ Aber sie wolle auch nicht klagen. Schließlich gibt es nachmittags dann noch ein bisschen Yoga, wieder Mensch-ärgere-dich-nicht, Kaffee und Kuchen um 15 Uhr. Um 16.30 Uhr kommt der Fahrdienst, der sie zurück nach Raderberg bringt.

In Nordrhein-Westfalen werden etwa 40.000 Menschen in teilstationärer Pflege versorgt, dafür stehen nach Zahlen der Landesberichterstattung Gesundheitsberufe 1250 bis 3560 Einrichtungen bereit. Vielen Experten sind die Zahlen zu niedrig. „Die Tagespflege ist ein Angebot mit großem Potenzial. Und doch bleibt sie oft ungenutzt“, sagt zum Beispiel Kirsten Neveling, Bereichsleitung Tagespflege bei der Diakonie Michaelshoven. Häufig wird das Angebot vor allem als Entlastung für berufstätige, pflegende Angehörige gesehen: Die gebrechliche Mutter wird am Morgen abgeholt und ähnlich wie Kinder im Kindergarten tagsüber versorgt und abends wieder zurückgebracht, so dass man selbst noch arbeiten gehen kann. Manch Senior lehnt das Angebot gar ab, zu sehr fühlt sich eine Teilnahme nach einem Schritt Richtung Heim an. „Dabei bringt die Tagespflege nicht nur Erleichterung für Angehörige, sondern sichert auch Teilhabe für die zu Pflegenden und verhindert zudem eine schnelle gesundheitliche Verschlechterung“, sagt Neveling im Gespräch mit der Redaktion.

29.06.2026 Köln. Tagespflege in der Diakonie Michaelshoven. Foto: Alexander Schwaiger

Ärger verursacht das Spiel der vier Frauen nicht. „Ich freue mich, wenn ich gewinne. Wenn ich verliere, gebe ich den Würfeln die Schuld“, sagt Christel Nickel.

Der Kontakt zu Gleichaltrigen, die Gespräche, aber auch das therapeutische Angebot von Sitztanz über Gymnastik bis hin zu Gedächtnistrainings, erhalte Fitness in Körper und Geist und verhindere Vereinsamung. Besonders gut funktioniere das Ganze, wenn möglichst viele Senioren sich frühzeitig für die Tagespflege entscheiden würden. „Tagespflege sollte im Idealfall nicht erst dann in Anspruch genommen werden, wenn der Unterstützungsbedarf bereits groß ist“, sagt Christine Strobel, stellvertretende Geschäftsführerin des Landesverbands freie ambulante Krankenpflege NRW auf Anfrage dieser Zeitung. Gerade bei leichten Einschränkungen könne sie dazu beitragen, „die Fähigkeit der Tagesgäste zu erhalten, sie dabei zu unterstützen, möglichst lange aktiv und fit zu bleiben und ihnen dabei zu helfen, eine positive Lebenseinstellung zu bewahren“. Bei der Diakonie Michaelshoven hält man die Tagespflege überdies für ein ideales Angebot, „um einen schönen Tag in Gesellschaft zu erleben und die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit im Blick zu halten“, wie Neveling erläutert.

Christel Nickel war anfangs wenig begeistert. Ihre Tochter lebt im Vorderhaus und widmet sich laut Nickel nach der Arbeit „super“ um all die Belange der Mutter: Putzen, aufräumen, mal ein Ausflug, Kaffee trinken. Dennoch sorgt sich die Tochter irgendwann darum, die Mutter könnte einsam sein, während sie den ganzen Tag im Büro ist. Und in der Tat: „Nicht nur mein Mann, sondern eigentlich auch meine ganzen Bekannten und Freunde sind leider schon verstorben“, sagt Nickel. Mit Heimen wollte sie dennoch keinesfalls etwas zu tun haben. Sie ist selbst zeitweise in einem großgeworden, die Erinnerungen daran sind so schmerzhaft, dass sie beim ersten Besuch zu weinen anfing und fragte: „Garantieren Sie mir, dass ich abends auch wieder raus darf?“ Dann entdeckte sie bei einem Rundgang das Mensch-ärgere-dich-nicht in einer Ecke und fragte: „Darf man das hier spielen?“

Die Antwort lautete Ja und so vereinbarte man, Christel Nickel könne es doch einmal probieren. „Ich hatte am Anfang Angst, hier säßen nur alte Leute und hatte dabei vergessen, dass ich ja selbst alt bin“, sagt Nickel und lacht. Überhaupt ist sie sehr vergnügt. Die Damenrunde um den Mensch-ärgere-dich-nicht-Tisch mag sie mittlerweile so gerne, dass sie ihre festen Teilnahmetage von anfangs einem auf nun drei pro Woche aufgestockt hat: Montag, Mittwoch und Freitag. Dienstag und Donnerstag sind die langweiligeren Tage für Nickel. Immerhin ist da Physiotherapie, die sie nach einem Schlaganfall braucht, um ihr linkes Bein wieder besser zu aktivieren.

29.06.2026 Köln. Tagespflege in der Diakonie Michaelshoven. Foto: Alexander Schwaiger

Kirsten Neveling, Bereichsleitung Tagespflege bei der Diakonie Michaelshoven, sagt: „Die Tagespflege ist ein Angebot mit großem Potenzial. Und doch bleibt sie oft ungenutzt.“

Was viele nicht wissen: Ab Pflegegrad 2 übernimmt die Pflegekasse die Kosten der Tagespflege bis zu einem monatlichen Höchstbetrag – bei Pflegegrad 3 liegt das monatliche Budget beispielsweise bei 1.357 Euro. Diese Leistung wird zusätzlich zum Pflegegeld oder zu ambulanten Pflegesachleistungen gewährt. Selbst zahlen muss man lediglich Verpflegung und Unterkunft, da die Investitionskosten für Gäste aus NRW von der zuständigen Kommune übernommen werden. Unterm Strich liegt der Eigenanteil pro Tag bei etwa 20 bis 40 Euro, kann laut Diakonie Michaelshoven aber wiederum über den monatlichen Entlastungsbetrag teilweise refinanziert werden.

Ganz ins Pflegeheim umziehen will Nickel am Ende eigentlich nicht. „Ich bin ein frommer Mensch. Ich bete jeden Abend, dass der Herrgott mich einfach nachts ohne größeres Aufheben zu sich holt.“ Aber für den Fall, dass ihr Wunsch nicht erhört wird? „Habe ich mich schon erkundigt. Ich kenne Leute, die jetzt gleich hier nebenan ein Zimmer haben. Dann ziehe ich da auch ein.“

Christel Nickel hat aber nicht den ganzen Tag Zeit, sich zu unterhalten. Sie muss dann auch wieder los. Schließlich gibt es Mittagessen und die Damenrunde am Vierertisch erwartet sie schon. Vielleicht kommt demnächst auch mal wieder ein Sänger vorbei. Zuletzt beim Sommerfest schunkelte man zu „Sierra Madre“. „Alleine kann man das nicht.“ Überhaupt: „Alleine darf man nicht sein“, sagt Nickel, dreht sich um und geht durch die Tür zum großen hellen Gemeinschaftsraum, wo man an ihrem Tisch schon mit dem Essen auf sie wartet.