Werbekampagne in KölnJugendliche Flüchtlinge als Pflegekinder in Familien gebracht

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Die Anforderungen an Familien, die Pflegekinder aufnehmen wollen, sind hoch.

Die Anforderungen an Familien, die Pflegekinder aufnehmen wollen, sind hoch.

  • Seit dem Start der Werbekampagne im November konnte die Stadt Köln 25 jugendliche Flüchtlinge an Pflege-Eltern vermitteln.
  • Die private Pflegschaft fordert die Familien und die Jugendlichen gleichermaßen.

Köln – „In allen Größen“ – unter diesem Motto sucht die Stadt derzeit Pflegestellen für Kinder und Jugendliche. Speziell junge Flüchtlinge in Familien unterzubringen, ist nach Ansicht von Jugenddezernentin Agnes Klein „perfekt für die Integration, wenn das Zusammenleben funktioniert“.

Die Einschränkung kommt nicht von ungefähr. Von den derzeit 500 „unbegleiteten minderjährigen Ausländern“ (UMA) in Obhut der Stadt Köln konnten seit Beginn der Werbekampagne im vorigen November 25 Jugendliche, meist männlich, im Alter von 16 bis 17 Jahren, an Pflege-Eltern vermittelt werden. Bei weiteren 30 soll es im Lauf der nächsten Wochen soweit sein, sagt der Abteilungsleiter für die Kölner Bezirksjugendämter, Klaus Röttgen

Diese Zahlen wirken auf den ersten Blick gering, doch spricht die Stadt von einem beachtlichen Erfolg. „Wir freuen uns über jede Familie, die einen jungen Flüchtling bei sich aufnimmt, aber wir haben nie angenommen, das aktuelle Problem auf diesem Weg lösen zu können“, sagt Agnes Klein.

Zwar sei es das Ziel der Stadt, die Quote der Heimunterbringung von Flüchtlingskindern weiter zu senken. Aber es gebe keine Planzahl als Vorgabe. „Dafür ist die Situation viel zu sensibel.“

Die „unsichtbaren Dritten“ in der Heimat

Es habe sich gezeigt, dass eine private Pflegschaft nicht nur die aufnehmenden Familien fordert, sondern auch die Jugendlichen. „Die müssen diese Lebensform auch wollen“, so Röttgen. Viele blieben aber lieber mit Gleichaltrigen zusammen, als dass sie Teil einer Gastfamilie werden, die – ob gewollt oder ungewollt – in eine Konkurrenz zur Herkunftsfamilie trete.

Oft halten die jugendlichen Flüchtlinge über Telefon und Internet Kontakt zu ihren Eltern und Verwandten in der Heimat. Die Fachleute sprechen von „unsichtbaren Dritten“, die dann mit am Tisch säßen. „Anfangs waren wir selbst ein bisschen ungeduldig nd haben gedacht, »wir müssen doch jetzt mal eine Vermittlung hinbekommen«“, erinnert sich Röttgen an die erste Zeit der Kampagne. Aber dann habe es in den ersten drei Fällen „prompt nicht funktioniert“. Es müsse am Ende eben vieles zusammenpassen: die Möglichkeit, sich sprachliche auszutauschen; genügend Zeit für die Begleitung im Alltag; und nicht zuletzt die spontane Sympathie füreinander. „Da ermutigen wir beide Seiten, ihrer inneren Stimme zu trauen.“

Schwere Last im Gepäck

Röttgen erinnert daran, dass gerade die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge oft „eine schwere Last im Rucksack“ ihres Lebens hätten. Es komme im Rahmen einer Pflegschaft darauf an, diese Last zu teilen und die jungen Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden gut zu begleiten.

Das äußere Verfahren bis zur Erteilung einer Pflegevollmacht durch den jeweiligen gesetzlichen Vormund, der als Erziehungsberechtigter an die Stelle der Eltern tritt, ist aufwändig: Hausbesuche des Jugendamts gehören dazu, Informationsgespräche und Schulungen, ein „Lebensbericht“ als Selbstauskunft, polizeiliches Führungszeugnis und ärztliches Attest. Als Gegenleistung bietet das Jugendamt pädagogische Begleitung, organisatorische und auch finanzielle Unterstützung.

Die Erwartungen der Stadt an Pflege-Eltern sind bei jugendlichen Flüchtlingen dieselben wie in allen anderen Fällen. „Wir schauen sehr genau hin. Letztlich trägt das Jugendamt die Verantwortung. Ließen wir Fünfe gerade sein und irgendetwas liefe schief, dann ginge das nach hinten los“, sagt Dezernentin Klein.

Deshalb empfinde sie die vergleichsweise kleine Zahl von 25 Vermittlungen „eher als beruhigend“. Auch Klaus Röttgen warnt davor, wegen des akut hohen Bedarfs Abstriche beim Anforderungsprofil zu machen. „Manche behaupten ja, wir verlangten einfach zu viel von denen, die bereit wären, einen jungen Flüchtling aufzunehmen. Denen gehe es in Deutschland doch allemal besser als in den Ländern, aus denen sie gekommen sind. Aber das ist der falsche Ansatz. Wir dürfen jetzt nicht alle Standards der Jugendhilfe über den Haufen werden, die wir uns in Jahrzehnten erarbeitet haben.“

Zumal die unbegleiteten minderjährigen Ausländer auch nur einen Teil der Kinder und Jugendlichen ausmachen, um die sich die Behörden – speziell der Zentrale Pflegekinderdienst – zu kümmern haben. Für die Jahre 2014 und 2015 spricht die Stadt von insgesamt fast 1750 Jugendlichen in ihrer Obhut. Aktuell liegt die Zahl bei 1229 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 18 Jahren. Davon ziemlich genau die Hälfte befristet oder auf Dauer in Pflegefamilien.

Sehr wichtig ist der Stadt ein offener Begriff von Familie als „gemeinsames Leben“. Egal ob klassisch, gleichgeschlechtlich, alleinerziehend oder Patchwork – alle Formen der Partnerschaft kommen aus Sicht der Stadt für Pflegekinder in Frage. Für Klaus Röttgen ist das „ auch Zeichen und Ausdruck eines weltoffenen Köln“.

Der Pflegekinderdienst: Weitere Informationen gibt es beim Pflegekinderdienst des städtischen Amtes für Kinder, Jugend und Familie unter Telefon 0221 /221-2 43 72, Fax 0221 /221-2 43 98 und im Internet.

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