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100 Jahre Marilyn MonroeVom Unglück, begehrenswert zu sein

6 min
Marilyn Monroe trägt einen großen Hut.

Marilyn Monroe

Sie war ein amerikanischer Archetypus und die berühmteste Frau der Welt: Marilyn Monroe zum Hundertsten.

„Sie ist zur Hälfte ein Kind, aber nicht die Hälfte, die man sieht.“ Die sichtbare Hälfte Marilyn Monroes sprach in „Liebling, ich werde jünger“ scheinbar für sich, einem Hollywood-Klassiker, dem es immerhin gelang, das Klischee der dummen Blondine zu bedienen und gleichzeitig zu persiflieren. Der besondere Witz an Monroes spektakulär unfähiger Sekretärin lag allerdings darin, dass sie sich ihrer Wirkung auf Männer nicht bewusst war – die kindliche Hälfte saß in ihrem Kopf.

Die Sexbombe, die nichts von den Verwüstungen ahnt, die sie in der Männerwelt anrichtet – dieses Klischee über Marilyn Monroes Figuren hat sich besonders hartnäckig gehalten und schließlich auf die Frau innerhalb der Rolle abgefärbt. Auch die ikonische Szene aus „Das verflixte 7. Jahr“ spielt damit: Marilyn als „das Mädchen“ im wehenden weißen Kleid über einem U-Bahn-Schacht. Sie findet nichts dabei, sie hat einfach nur Spaß, und vielleicht bleibt der verheiratete Mann, mit dem sie ausgeht, genau deswegen seiner Ehefrau am Ende treu. Die Unschuld flößt ihm Skrupel ein, niemals war die Versuchung so rein.

Als der Film 1955 in die Kinos kam, war aus dem Inbild der Hollywood-Blondine schon ein anderer amerikanischer Archetyp geworden, das weibliche Gegenstück zum Millionär, der als Tellerwäscher angefangen hatte. Auch die Monroe hatte es aus ärmlichen Verhältnisse zu Reichtum, auf die große Leinwand und über diesen Umweg an die Seite der nationalen Baseball-Legende Joe DiMaggio geschafft. Als die Ehe geschieden wurde, stand mit dem Schriftsteller Arthur Miller die nächste Lichtgestalt bereit. In einem magischen Moment der Filmgeschichte war die sprichwörtliche Blondine die berühmteste Frau der Welt.

Monroe verkörperte das Unglück, eine begehrenswerte Frau zu sein

Heute, am 100. Geburtstag von Marilyn Monroe, gruselt es uns ein wenig vor dieser Welt, in der schöne Frauen und die Atombombe eine morbide Verbindung eingegangen waren. Und natürlich ist Monroe auch deswegen eine Symbolfigur der Nachkriegsjahre, weil sie sich am 4. August 1962 das Leben nahm. Als Sexsymbol verkörperte sie das Unglück, eine begehrenswerte Frau in einer Männerwelt zu sein.

Es spricht für Hollywood, dass einige Autoren und Regisseure dieses Unglück verstanden. In ihrem berühmtesten Leinwandauftritt sang Monroe den Männern ins Stammbuch, was im Leben eines Mädchens wirklich zählt: „Diamonds are a girls best friends“. Sie dreht und windet sich, will von der Liebe partout nichts wissen und lässt die Klunker nur so durch die Finger rinnen. Heute wissen wir um die Tragik dieses scheinbar übermütigen Liedes. Im Leben hatte die Monroe zwar zahllose Bewunderer, viele Liebhaber und immerhin drei Ehemänner. Freunde aber nur sehr wenige. Sie selbst zählte nicht dazu.

Geboren wurde Marilyn Monroe als Norma Jeane Mortenson am 1. Juni 1926 in Los Angeles. Es wurde nie geklärt, wer ihr leiblicher Vater war, doch spricht einiges dafür, sie zu den Halbwaisen Hollywoods zu zählen. Ihre Mutter Gladys Pearl Mortenson, geborene Monroe, arbeitete im Schnittraum des Filmstudios RKO, Marilyns mutmaßlicher Vater war ihr Vorgesetzter Charles Stanley Gifford. Als ungewolltes Kind einer psychisch instabilen Mutter kam sie jung zu Pflegeeltern und verbrachte beinahe zwei Jahre in einem Waisenhaus. Als 16-Jährige floh sie in ihre erste Ehe mit James Dougherty, einem Marinesoldaten mit Marschbefehl in den Zweiten Weltkrieg. 1946 wurde die Ehe wieder geschieden – zu dieser Zeit hatte ihr der Armeefotograf David Conover bereits eine Karriere als Fotomodell ermöglicht.

Marilyn Monroe blickt in die Kamera.

Ein Werbefoto von Marilyn Monroe um 1953

Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob Marilyn Monroe als brave Hausfrau an der Seite eines Kriegsheimkehrers glücklicher geworden wäre als im Scheinwerferlicht der Traumfabrik. In Hollywood fand sie jedenfalls nicht die Heimat, die sie suchte, sondern eine Industrie auf der Suche nach formbarem Material. Am Anfang ihrer Filmkarriere ließ sich die Monroe zur wasserstoffblonden Allzweckwaffe ummodeln und verlieh der Figur der sexuellen Karrieristin eine ebenso unwirkliche wie willkommene Naivität.

Als Männerfantasie machte Marilyn schließlich Karriere und wurde zum unsterblichen Symbol der amerikanischen Bigotterie. Selbst Hollywood wusste nicht, wie es dem Publikum eine wandelnde Sexbombe verkaufen sollte, ohne die Moralhüter auf den Plan zu rufen. Die Produzenten probierten sie in allen möglichen Rollen aus, bis Howard Hawks schließlich die Lösung fand und sie in „Blondinen bevorzugt“ (1953) als Blondinenwitz inszenierte, der auf Kosten der Männer geht.

Mitte der 50er Jahre versuchte Monroe, sich von Hollywood zu emanzipieren. Sie nahm Schauspielunterricht beim legendären Actors Studio, gründete, weil ihr die Studiobosse keine ernsten Rollen geben wollten, ihre eigene Produktionsfirma, und ging nach Großbritannien, um an der Seite des Bühnenstars Laurence Olivier zu drehen. Privat wagte sie zu dieser Zeit ebenfalls einen Neuanfang und angelte sich mit Arthur Miller einen Millionär, der darüber hinaus ein Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis war. Allerdings brachte ihr auch das neue Rollenfach kein Glück: In „Der Prinz und die Tänzerin“ (1957) wurde das Bild der kurvigen Unschuld allenfalls in Details retuschiert, und die letzte Ehe ihres Lebens dauerte nicht wesentlich länger als die vorigen.

Heute erscheint Marilyn Monroe als einsamste Frau von Hollywood

Heute erscheint uns Marilyn Monroe nicht mehr als die naive Verführung in Person, sondern als einsamste Frau von Hollywood. Sie war depressiv, von Tabletten abhängig und machte sich und allen anderen das Leben gerne zur Hölle. Ungezählt sind die Anekdoten ihrer Unzuverlässigkeit, von denen Billy Wilder, ihr Regisseur bei „Manche mögen's heiß“, stets eine aus dem Ärmel schütteln konnte. „Mit ihr zu arbeiten“, erzählte er, „war, wie mit Hitler paktieren.“ John F. Kennedy hielt dies nicht davon ab, sich mit ihr vom Kalten Krieg gegen Chruschtschow zu erholen.

Nach ihrem Tod erlebte Monroe eine posthume Karriere als Gegenstand von Bildbänden und Erinnerungsbüchern. In ihnen suchten bekannte und unbekannte Fotografen nach der „privaten“ und „ungeschminkten“ Marilyn, wobei sich im Studiosystem der Traumfabrik kaum zwischen wahrem und inszeniertem Leben unterscheiden lässt. Selbst Superstars waren privates Eigentum der Hollywood-Studios, das als öffentliches Eigentum des Publikums vermarktet wurde. Aber gerade in diesem von den Fotografen ausgeleuchteten Zwiespalt schien sich Marilyn Monroe am ehesten geborgen zu fühlen.

Es gehört zur Tragik von Marilyn Monroe, dass erst die Nachwelt ihre Abgründe wirklich zu schätzen wusste, und sie diese auf der Leinwand wohl nie so ergreifend hätte verkörpern können wie in der Wirklichkeit. Als Komödiantin war sie oft großartig, aber sie fühlte sich in dieser Rolle anscheinend nicht wohl; sie wollte ihre Traurigkeit nicht länger verstecken. Der Wechsel ins ernste Fach gelang ihr erst, als es schon zu spät war, in den Bildbänden, die ihr Leben dokumentieren. Am Ende waren es nicht die Diamanten, die ihr den größten Trost spendeten, sondern die mitfühlende Linse der Fotokamera.